Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (29.11.1901)
- Date
- 1901-11-29
- Page
- Seite 757 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 48. Israelitische Wochenschrift. Seite 767. vor sich selbst erringen will, vor allem aber, wer in seinem Gewissen beruhigt sein will, der suche nach Maßgabe seiner Verhältnisse Tüchtiges zu leisten aus seinem natürlichen Platz und innerhalb der Grenzen, die ihm durch seine Geburt, Abstammung, Religion von der göttlichen Vorsehung angewiesen sind — das ist sein natürliches Lebenselement —, nicht aber, indem er aus Gründen der Eitelkeit und des äußeren Glanzes mit Verleugnung seiner heiligen Tradition und der Religion sein natürliches Lebenselement verläßt und sich in ein Gebiet begiebt, wo schon der Aufenthalt ihm den sittlichen und geistigen Tod bringt. Nirgendwo finden wir dies so durch die geschichtliche Erfahrung bestätigt, wie in der Geschichte der Makkabäer. Hatte denn etwa das Vorgehen des Syrerkönigs Antiochus etwas ganz Absonderliches, was nicht eine genaue Anwendung aus unsere Zeit hätte? Dieser wollte seine Religion, die er für den alleinigen Träger aller Bildung und Gesittung hielt, und aus der das ganze Staatsleben des Altertums ruhte, über alle Kreise und Stände seines Volks verbreiten. Die Liebe zum Vaterland, die Bethätigung alles nationalen Bewußtseins, meinte man damals wie heute,' könne sich lediglich in der Gleichheit alles religiösen Glaubens und Empfindens ausprägen. Würden und Aemter wurden nur denen verliehen, die zur Staatsreligion übergingen, die ihre Religion dem Aufgehen in der Gesamtheit opferten. Ueberall war daher Finsternis in Bezug aus das, was die Zukunft bringen wird den treu in dem Glauben der Väter Verharrenden. Was für eine Zukunft steht unfern Kindern bevor, wenn wir sie im Judentum erziehen, da Ehre, Ruhm, Macht und Glanz nur denen zuwinkt, die zur Staatsreligion übergehen? Also sprachen die Einen, die Schwachherzigen, die sogenannten „Hellenisten". Diese hatten also in falscher Kinderliebe, um bequem und ungehindert durch das Leben gehen zu können, die Pflicht der Gegenwart, die Pflicht ihrer heiligsten Ueberzeugung, die Pflicht der heiligsten Tradition geopfert. — Diese Pflicht mit Verschmähung aller andern Rücksichten auf die Zukunft hochgehalten zu haben, das war das erhabene Verdienst der Makkabäer. Auch diese edlen Männer liebten ihre Kinder, aber sie hatten eine Leuchte, die ihnen zeigte, was in der Gegenwart zu thun allein Ehre und Ueberzeugung gebietet. Und dieses charaktervolle Verhalten der Makkabäer, wie glänzend wurde es durch die Entwicklung der Dinge belohnt, wie wuchs allmählich dieses Licht zu einer weithin strahlenden Wahrheitssonne, die bald die Erdenvölker aus dem Schlaf ihres Wahns geweckt und mit höhern religiösen Ahnungen zu erfüllen begann! Aber noch eine weitere Lehre entnehmen wir aus der Geschichte der Makkabäer. Sie geben uns nämlich ein eklatantes Beispiel für das, xwas notwendige fortschrittliche Entwicklung in religiösen Dingen ist, zum Unterschied von dem, was man Opportunität und Auswüchse nennt. Da gab es unter den Juden Griechlinge, die geblendet von der Macht und dem Glanz des Heidentums, ihre Religion und ihre Abstammung verleugneten. Da gab es wieder andere, die aus falsch verstandenem Glaubenseiser sich töten ließen, weil es Sabbat war und sie den Sabbat nicht entweihen wollten durch Kamps. Nur Mathatius, der löwenmutige Kämpfer für das Gesetz, gab das Beispiel, daß die Übertretung des Gesetzes höher stehen könne, als seine Befolgung, wenn es gilt die Ehre und die Erhaltung der Religion. Der Erfolg zeigte, daß er den Puls des Volks richtig gefühlt, daß das Volk zu ihm Vertrauen gefaßt hatte, daß es ihn als den wahrhaften Vertreter der Religion und des Glaubens ansah, als den aufrichtigen Wahrer des Gesetzes. Dieses Beispiel mahnt uns, die Führung, Leitung und Vorsorge der Gemeinden, Männern von Tüchtigkeit der Gesinnung und Treue der Ueberzeugung anzuvertrauen, Männern, die die Anforderung an der Gegenwart mit der heiligsten Pietät vor den Ueberlieferungen der Vergangenheit zu vereinen und zu versöhnen wissen, die daher die Entwicklung der jüdischen Lehre, ihre Geschichte und Fortbildung durch alle Zeiten betrachtet und erforscht haben. Wir sprechen so viel von unfern Opfern, von den mannigfachen Störungen, die wir erfahren. Doch wie armselig erscheinen diese bei jeder Gelegenheit vorgebrachten Klagen neben den gigantischen Kämpfen unserer Väter! „Sie kannten nicht diese Bedürfnisse, ihre Zeit war nicht eine so tief bewegte", lautet die moderne Phrase. Als wenn je das Leben dem Menschen nicht kostbar gewesen wäre, als wenn unsere Tage erst die Augen darüber geöffnet, daß es angenehmer sei, sich an dem freundlichen Sonnenschein zu laben, als aus dem Scheiterhaufen den Geist auszuhauchen. Wohl liegt der Forderung, daß auf die Zeitverhältnisse eingegangen werde, Wahrheit zu Grunde. Aber die Allgemeinheit, mit der diese Forderung hingefteüt wird, ist eine vollständige Verkennung des Wesens der Religion, ist Willkür und Opportunismus. Die iiiililiiimfrniu in Wien. Aus Wien wird uns geschrieben: Seit vielen Jahren bereits ist durch das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung im ersten und zweiten Bezirk der Stadt Wien die Frage der Bestellung eines dritten Predigers für die beiden Tempel in diesen Bezirken aus der Tagesordnung. Die Berufspflichten des Oberrabbiners übersteigen das Maß der Leistungsfähigkeit eines einzelnen Mannes. In der Leopoldstadt fungiert der greise, als Homiletiker vielbewunderte Rabbiner Dr. Schmied!, allein seine Stimme ist bereits schwach und seine Worte können blos von Wenigen in seiner nächsten Nähe vernommen und verstanden werden. Die übermäßige Anstrengung der beiden Seelsorger zwingt diese, während der Sommermonate einen Landaufenthalt aufzusuchen,. die Kanzel in der Inneren Stadt ist dann meistens leer, und häufig werden die rabbinischen Funktionen durch den Kantor verrichtet. Diese Verhältnisse werden in der Gemeinde als änderungsbedürftig allgemein empfunden, und auch in Kreisen des Vorstandes sah man ein, daß nach dieser Richtung eine Abhilfe gebracht werden müsse. Den Weg der Konkursausschreibung behuss Bestellung eines dritten Predigers wollte man vermeiden. Erfahrungsgemäß kommen dann wohl zahlreiche Bewerbungen, allein es fehlen darunter gerade die anerkannt tüchtigen Theologen, deren Gewinnung wünschenswert wäre. Man besetzt auch