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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-22 · 47 (22.11.1901) · p. Seite 746

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
Seite 746 (sequence 10)
Language
German
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Seite 746. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. dargelegt, und die autoritativen Ausführungen des Herrn Dr. Schreiner sind eben in die Hände der Leser gekommen. Doch die Liberalen sind ehrlich. Sie sagen, was sie wollen, sie meinen, was sie sagen, und sie halten, was ste versprechen Ich habe auch immer noch das Zutrauen, daß die Aufrichtigkeit der von ihnen betonten Friedensliebe sie von der Durchführung eines Versuchs zurückhalten wird, der bei einem erheblichen Teil der Gemeinde Anstoß erregen muß. Der oberste Grundsatz ihres Programms, die Erhaltung des Gemeindefriedens, wird sie bestimmen, von einer opportunistischen Etnzelsorderung Abstand zu nehmen. Wäre das nicht der Fall, so könnte der liberale Wahltag zu einem unglücklichen Hader in der Gemeinde führen. Doch so sehr dieses Unglück zu beklagen wäre, es reichte nicht entfernt hinan an die unabwaschbare Schande eines Centralvereins sie gs, der die Gemeinde verfaulen machen würde. Denn ein Herd der Fäulnis ist der Centralverein, und Ansteckung müßte von ihm aus die ganze Gemeinde ergreifen. Wir können, so lange die Liberalen den erwähnten Programmpunkt nicht streichen, ihre Kandidaten nicht empfehlen. Doch tausendmal besser wäre es, alle Liberalen wählen, als auch nur einem Centralvereinler die Stimme geben! Wer auch nur einem Centralvereinler die Stimme giebt, trägt, bewußt oder unbewußt, zum Verderb der Gemeinde bei. In letzter Stunde sind von zionistischer Seite vier Kandidaten ausgestellt worden, die Herren Direktor S. I. L e s z y n s k i, Bayreutherstr. 36, Julius Kalmus, Winterseldstr. 13, Dr. med. Emil Simonso n, Schöneberg, Gustav Freitagstr. 2, Dr. med. Julius K a tz, Greifswalderstr. 1. Es kann sich selbstverständlich nicht darum handeln, für die Berliner Gemeinde eine zionistische Repräsentanz zu schaffen. Ob die Genannten alle Zionisten sind, und wie ihr Zionismus geartet ist, wissen wir nicht. Daß sie keine Auswanderungs-Zionisten sind, ist uns bekannt. Namentlich aber, daß sie ausrichtige und ausrechteJuden sind. Das ist entscheidend. Ich empfehle deshalb dringlich die Wahl dieser Vier. Es genügt, diese vier Namen aus den Wahlzettel zu schreiben. Man füge sonst Namen hinzu, bis der Zettel gefüllt ist, doch nur Namen von Männern, die man als zuverlässig kennt. Unter keinen Umständen wähle man einen Centralvereinler. M. A. Klausner. Fikbe und Recht. (Zum Wochenabschnitt.) Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Es giebt kein Volk, nicht einmal einen einzelnen im Urwald wandernden Volksstamm, der nicht sein Gesetz hätte, das sein Recht bestimmt. Und wenn dieses Gesetz auch nicht kodifiziert ist, wenn es noch nicht zum Gesetzbuch geworden, so besteht es doch in der Sitte, im Gebrauch, von dem Stamm und seinen Führern gehandhabt. — Aber welche Verschiedenheit fand in allem dem unter allen Völkerschaften aller Zeiten statt! Die Spartaner belohnten den mit List und Gewandtheit ausgesührten Diebstahl; die Völker des Mittelalters hielten die Anwendung der fürchterlichsten Torturen für Recht. Die Religionsfanatiker entzündeten Scheiterhaufen für den Ketzer im vollen Bewußtsein ihres Rechts; und wie Vieles gilt noch heute in den erleuchtetsten Staaten für Recht, was späteren Zeiten fast unbegreiflich erscheinen wird! — Wollen wir ein allgemeines Recht haben und anerkennen, ein Recht, das unter allen Himmelsstrichen und in allen Zeiten seine Geltung haben sollte, so bleibt uns als einzige, sichere und unwandelbare Quelle allein die Religion, die religiöse Idee, und zwar wie sie die Religion Israels in die Menschheit gebracht hat. Sie allein stellt uns die ewigen Grundsätze des Rechts auf, aus denen die einzelnen Rechte und Gesetze fließen und abzuleiten sind; sie allein giebt uns den Boden, aus dem das ewige Menschenrecht hervorsprießt. Die Natur, der unendliche Kreis der Schöpfung, ist allerdings eine unerschöpfliche Lehrquelle, wenn wir den Schöpfer erkennen und verehren lernen wollen; wenn wir Ordnung, Zweckmäßigkeit, Schönheit der Gebilde lernen wollen. Aber für die Gesetze der menschlichen Gesellschaft, für die Gesetze der Liebe und des Rechts giebt sie nichts, giebt sie nicht einmal Analogieen. Wollen wir aus der Natur vermittelst unserer Vernunft die Gesetze der menschlichen Gesellschaft ziehen, so werden wir das gerade Gegenteil erfahren, so werden wir nur das finden, was die Gesellschaft auslöst und vernichtet, die rohe Gewalt, eine Zusammensetzung, die das Leben des Einen aus den Tod des Andern gründet, die nur erhält, indem sie vernichtet, während auf den Pforten der menschlichen Gesellschaft die Inschrift steht: Liebe und Recht. Von der Darstellung aus dem Leben der Patriarchen gehen zwei Lichtströme von Rechtsphilosophie und tiesinniger Moral aus, die wir mit nichts besser vergleichen können, als mit den Liebesströmen aus jenen von dem Zauber der Anmut und des tiefen Gefühls übertauten Blicken einer greisen liebenden Mutter an ihre Töchter und eines belehrenden Vaters an seine Söhne; es ist der Liebesstrom, der den Rechtsboden tränkt und der Rechtsbegriff, der in der Liebe sich Geltung verschafft. — „Liebe und Haß durchbrechen die Ordnung" sagt der Talmud, Liebe und Haß sind Zustände gesteigerten, wir möchten sagen extatischen Seelenlebens, und nie ist der Mensch mehr in Gefahr, das Recht zu verletzen, als wenn diese extatischen Seelenzustände ihn zur raschen That Hinreißen; nie aber ist der Mensch mehr geneigt, die allgemeine Menschenliebe zu unterdrücken, als wenn das Recht ihn zur Strenge und zur Verhängung von Strafen ausstachelt. Diese beiden Empfindungs- und Denkströme läßt die heilige Schrift oft als mit einander im Kamps begriffen, durch die dargestellten Begebenheiten aus dem Leben der Patriarchen für den Leser deutlich hervortreten, aus daß er es erkenne und danach die eigene Gesinnung, die eigene Handlungsweise bilde und bestimme. 0 Sara zürnt der Hagar wegen des Knaben Jsmael mit Recht; denn dieser lacht über Isaaks rechtmäßige Geburt; in dem Uebermaß ihres Hasses aber zwingt sie Abraham, die Hagar nebst ihrem Sohn sortzujagen, die doch beide in der Wüste umkommen konnten. „Das mißfällt sehr in

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