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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-22 · 47 (22.11.1901) · p. Seite 745

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
Seite 745 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 745. und ihren religiösen Gütern Pflichten auserlegen. Keine sittliche Einsicht vermag das Bewußtsein dessen zu ersetzen, daß wir im Dienst von Ideen stehen, für die unsere Ahnen Jahrtausende hindurch gelitten haben. Es ist vielleicht auch nützlich, daran zu erinnern, daß solche Gedichte, wie die Sonetten des Giordano Bruno, an denen sich unsere Stammesgenossen — novarum rerum Studiosi — erbauen, im Diwan des Abraham Jbn Ezra (12. Jahrh.) und unter den Gedichten des Salomon Jbn Gabriol (11. Jahrh.) dutzendweise zu finden sind, daß monistische Ansichten auch unter unseren frommen Vorfahren Anhänger gefunden haben, daß also keine Veranlassung vorhanden ist, wegen des Interesses, das man solchen Ansichten entgegenbringt, sich dem jüdischen Leben zu entfremden. Darum hoffen wir, daß eben die, die infolge einer höheren Bildung für religions-geschichtliche Vorgänge Verständnis besitzen, nicht vornehm abseits stehen bleiben, sondern den entscheidenden Ereignissen in unserer Gemeinde das Interesse entgegenbringen werden, das sie ihnen pflichtgemäß schulden. Der Celltralverrm. Fast allabendlich^ finden ljetzt-Versammlungen statt, in denen über die Repräsentantenwahlen gesprochen wird. Es ist dabei zu erfreulicher ^Klärung gekommen. Redakteur Klausner hat die Rechnung des Centralvereins aufgemacht, der seit sechs Jahren fortgesetzt und systematisch die Berliner Gemeindewähler ftäuscht,Gunter falschen Vorspiegelungen die Verwaltung der Berliner Gemeinde in seine unsauberen Hände bringen will, und durch gedungene Wortdrescher von mitleiderregender Unwissenheit unter heuchlerischer Versicherung konservativer Gesinnung °und aufrichtiger Gerechtigkeitsliebe bewußte Unwahrheiten ^.debitieren läßt. Soziale, intelektuelle und moralische Unterwertigkeit ssind hier auf einen Haufen gebracht, und diese Summe von disqualifizierenden Eigenschaften wagt es, die Hand nach der Berliner Gemeindeverwaltung auszustrecken, darf es wagen, wohl ein blödes Statut zum Betrug der-Wähler förmlich herausfordert.I^Was steht hauptsächlich zur Zeit in Frage? Der sonntägliche Predigtgottesdienst und die hebräische Gebetssprache. Was ist ein Gegenstand.d a uVrXd e r.Sorge?^Der Religionsunterricht. sJn beiden^ Beziehungen hat der Centralverein durch seine Leute die Wähler frech belogen und getäuscht. Die Centralvereinler, deren bürgerliche Respektabilität davon unabhängig ist, hatten bereits drei Monate lang die Zweidrittelmehrheit in der Repräsentanz, als sie (am 28. April 1896) die Forderung des obligatorischen Religionsunterrichts aus ein Jahr zurückstellten, dem voraufgehenden Programmversprechen entgegen.^ Ein Narre wollte glauben machen,^das sei „aus taktischen Rücksichten" geschehen. Das ist gelogen. Denn drittehalb^Monate zuvor hatte der Unterrichtsminister im Abgeordnetenhaus bereits öffentlich seine Zustimmung zu der Forderung des obligatorischen jüdischen Religionsunterrichts in den^Volksschulen erklärt. Die angeblichen „taktischen^Gründe" bestanden nur in der Verlogenheit der Centralvereinler, die vorhin jener Forderung in ihrer Dummheit und Rückständigkeit mit aller Kraft widerstrebt und sie nur gezwungenermaßen und mit der von vornherein gefaßten Absichtdes Wortbruchs in das Programm ausgenommen hatten. — Was den sonntäglichen Predigtgottesdienst betrifft, so hat einer der Erwählten des Centralvereins, Herr Professor Senator, ihn in der Repräsentanz eindringlichst empfohlen, und er wurde blos deshalb nicht angenommen, weil zwei Liberale, um mehr zu erlangen und um die ihnen genehme Wahlparole zu behalten, das Angebotene ablehnten. Derselbe Herr Professor Senator ist jetzt von demselben Centralverein wieder ausgestellt worden, und wieder im Namen der Sabbaterhaltung und der unbedingten Abweisung jedes Sonntagsgottesdienstes! Das ist eine unerhörte und freche Heuchelei. Der Centralvereinsschwätzer, der sein ganzes bischen Wissen von jüdischen und Gemeindeangelegenheiten aus diesem Blatt entlehnt hat und mit der erborgten Weisheit prunkt, dafür aber auf den Wirt seines geistigen Freitischs schimpft, hat in klopsfechterischer Weise es so dargestellt, als wäre gegen Herrn Professor Senator ein Vorwurf erhoben. Ach nein! Herr Senator hat als ein ehrlicher Mann nach seiner Ueberzeugung gehandelt. Die Unehrlichkeit ist auf Seiten derer, die ihn den konservativen Wählern als einen Hort gegen jeden Sonntagsgottesdienst verkaufen und hinter dem Schild seines Ansehens ihre erbärmliche Nichtigkeit einschmuggeln wollen! Von der nämlichen ^Seite ist mit der gleichen Wahrheitsscheu gesagt worden, Herr Senator habe garnicht den Sonntagsgottesdienst empfohlen, sondern nur — einen religiösen Vortrag. In der Thal: nur einen religiösen Vortrag beantragte Herr Senator, einen religiösen Vortrag, in der Synagoge und von K dem Rabbiner gehalten. Ist das kein Gottesdienst? Es ist nicht .e i n Predigtgottesdienst, sondern der Predigtgottesdienst unter völligem Ausschluß der hebräischen Sprache! Und das soll als Entschuldigung dienen und als Erklärung dafür, daß der Empfehler dieses Antrags aus der Kandidatenliste der glühenden Sabbatfreunde steht! Herr Senator sagte vor sechs Jahren laut, er sei „von der falschen Seite" gewählt. Alle anständigen Repräsentanten rückten vom Centralverein ab und wollten mit dieserGesellschast, auf deren Liste sie gestanden, nichts gemein haben! Die grenzenlose Verlogenheit dieser Gesellschaft geht auch daraus hervor, daß sie in ihren Convivien sich darüber entrüsten, daß vor 6 Jahren rat Meyer bei Einweihung der Synagoge in der^ Lindenstraße gesagt hat, „nur um des .lieben Friedens willen und dieses letzte Mal ^sei von der Einführung der ausschließlichen deutschen Gebetssprache Abstand genommen worden." Diese vermeintliche Entrüstung ist erheuchelt und erlogen, denn nach jenen Worten haben die Centralvereinler Herrn Meyer wiedergewählt. Das sei geschehen, weil Herr Meyer ein so guter Verwaltungsbeamter gewesen — so wird letzt zur Entschuldigung gelogen. Die Entschuldigung ist zu dumm, ist ganz ihres Urhebers und darum keiner Antwort würdig. Auf der anderen Seite stehen die Liberalen. ^Wtr sind hre Freunde nicht, soweit sie den Sonntagsgottesdienst verlangen und empfehlen. Gegen diese Forderung find wir unbedingt. Wir haben die Gründe viel und öftermals

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