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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-22 · 47 (22.11.1901) · p. Seite 744

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
Seite 744 (sequence 8)
Language
German
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Seite 744. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. Wickelung und den Fortschritt der jüdischen religiösen Anschauungen gefördert hätten. Wir kennen aber sehr sreidenkende Mitglieder der Gemeinde, die im Sonntagsgottesdienst nebst seiner Begründung keinen Fortschritt sehen, und man braucht nicht altgläubig zu sein, um dessen Einführung als einen argen Mißgriff zu betrachten. Ueberhaupt war der vorwiegend praktische, — wir meinen auf Aenderungen im jüdischen Leben hinzielende — Liberalismus von jeher mit Nichten eine Strömung, die sich auf eine Erhöhung und Vervollkommnung des jüdischen religiösen Bewußtseins gerichtet hätte. Die treibende Macht in dieser Strömung war vielfach nicht der religiöse Zweifel, die Not des Gewissens, der Durst nach einer einheitlichen, selbständigen, den Ueberlieserungen der Synagogen entsprechenden, idealen Lebensanschauung, sondern die Bequemlichkeit und die Assimilation an das kirchliche Leben der Außenwelt. Nicht nach der Freiheit des religiösen Denkens strebten ihre Vertreter, sondern nach äußerem Aufputz. Sie wollten den mächtigen, alten Bau des jüdischen Lebens durch eine mit allerlei Flitter aufgeputzte Baracke ersetzen. Dieser Verwesungsliberalismus hat mit der Lebensarbeit der großen Lehrer der Synagoge nicht das Mindeste zu thun. Zunz hat für ihn stets sarkastische Bemerkungen übrig gehabt, denn die Vertreter dieses Liberalismus konnten niemals Männer gebrauchen, die, das geschichtliche Leben des Judentums vor Augen haltend, seine Entwickelung angestrebt haben, sondern nur gefügige Haustheologen, die alle ihre Einfälle gutgeheißen haben. Herr Levinstein und die Repräsentanten, die ihnen folgen, setzen nicht das Werk von Zunz und Geiger, sondern das Holdheims fort und betrachten das religiöse Leben der Reformgemeinde teilweise oder im ganzen als das Ideal, dem die Muttergemeinde nachzustreben hat. Wir haben aber die Pflicht, es entschieden abzulehnen, daß diese wissenschaftlich nicht zu rechtfertigende Episode in der Religionsgeschichte unserer Gemeinde uns als Ideal hingestellt wird. Der Verwesungs-Liberalismus, wie er hier gekennzeichnet worden, ist der Exponent einer bestimmten sozialen Schicht in unserer Gemeinde auf religiösem Gebiet. Die nächsten Wahlen bedeuten, daß diese soziale Schicht im religiösen Leben der Gemeinde unumschränkte Gewalt beansprucht. Es fällt uns nicht ein, in der Gemeinde eine soziale Spaltung hervorzurufen; es wird aber notwendig sein, zu untersuchen, wie diese soziale Schicht in religiöser Beziehung sich verhalten hat, ehe wir ihr unser Vertrauen schenken. Es muß anerkannt werden, daß sie den jüdischen Wohlthätigkeitssinn niemals verleugnet hat, und wir sind gern bereit, in Angelegenheit unserer Wohlfahrtseinrichtungen ihr die Führung und das entscheidende Wort zu überlassen. Wie hat sich aber die durch Besitz, Wohlstand und Intelligenz ausgezeichnete Schicht unserer Gemeinde wie der Judenheit überhaupt gegenüber dem jüdischen religiösen Leben und seiner Quelle, dem Wissen vom Judentum gegenüber verhalten? Ausnahmen giebt es hier, wie überall, aber im allgemeinen war es so, daß unsere besten Philanthropen unserem Volk nur die Leiber erhalten, die jüdische Seele haben sie ihm absterben lassen wollen. Der Baron Hirsch hatte gegen die jüdische Wissenschaft eine wahre Idiosynkrasie, und unlängst hatte ein Direktionsmitglied der I. C. A. die Dreistigkeit, den Wunsch auszusprechen, die arme jüdische Bevölkerung Osteuropas sollte dem Sabbat und den Speisegesetzen entsagen. Diesen zwei Einrichtungen hat aber jene körperlich und moralisch mehr zu verdanken, als allen jüdischen Philanthropen des 19. Jahrhunderts zusammen. Das Verhalten dieser sozialen Schicht gegenüber dem eigentümlich jüdischen Geistesinhalt und dem jüdischen religiösen Leben hat sich an ihr selbst und an der gesamten abendländischen Judenheit bitter gerächt. Denn darüber kann bei allen Einsichtigen kein Zweifel sein, daß innerhalb der abendländischen Kultur das Judentum nur dann sich als besondere religiöse Gemeinschaft erhalten kann, wenn sie dem Höchstgebildeten beweist, daß sie im Geistesleben etwas bedeutet, daß sie etwas anderes zu sagen hat, als die anderen Konfessionen, daß sie mithin eine Bereicherung des Geisteslebens bilde. Das beweist man aber nicht, indem jeder Laie, der die Lust dazu verspürt, dem Gemeindeleben eine opportunistische Richtung giebt, man beweist es nicht, indem man sich einfach auf das „Alte Testament" beruft, indem man christliche Einrichtungen aufnimmt. Darum wird es auch gut sein, wenn die Führer unserer Gemeinde das Statut des alten von Zunz, Moser, David Gans begründeten Kultur- Vereins hervorholen, und daraus lernen, daß eine jüdische Gemeinde noch andere Aufgaben hat, als Kranken- und Waisenhäuser zu errichten und für gottesdienstliche Einrichtungen zu sorgen. Ein Näheres hierüber werde ich an einer anderen Stelle darzulegen haben. IV. Ablehnung alles dessen, was die Ursprünglichkeit und Selbständigkeit des jüdischen religiösen Bewußtseins schädigen könnte, Dezentralisation der Kultusverwaltung und eine Erweiterung der Bethätigung der Gemeinde, das sind die Forderungen, die die Gemeinde zu verwirklichen hätte. Der erste Punkt ist aber gegenwärtig der wichtigste, und darum können wir nur wünschen, daß die Fraktionen, die in betreff dessen übereinstimmen, sich einigen würden, damit es dem liberalen Verein weiterhin unmöglich gemacht werde, unser religiöses Leben zu einem synkretistischen Brei zu zerstampfen. Und hier wollen wir aus einen wunden Punkt unseres Gemeindelebens Hinweisen. Bei den letzten Wahlen hat sich nur ein Drittel der Wähler beteiligt. Diese Thatsache ist ein ungeheurer Skandal, der nur aus der Indifferenz des größeren Teiles unserer Gemeinde, aus dem unheilvollen Einfluß, den neu entstehende Sekten, freireligiöse Strömungen und die Herzensergüsse mancher Schriftsteller jüdischer Abstammung auf Mitglieder unserer Gemeinde ausüben, zu erklären ist. Darum wünschen wir, daß auch diejenigen Mitglieder unserer Gemeinde, die dem jüdischen Leben fernstehen, der Erkenntnis nicht unzugänglich bleiben mögen, daß keine große religiöse Bewegung im Abendland ohne die Einwirkung des Judentums oder wenigstens seiner religiösen Urkunden stattgefunden hat, daß der Wahrheitsgehalt unserer Lehre, der Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen im jüdischen religiösen Leben der Vergangenheit ihnen gegenüber unserer Gemeinschaft

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