Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-22 · 47 (22.11.1901) · p. Seite 743

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (22.11.1901)
Date
1901-11-22
Page
Seite 743 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605603--8371-9605610
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 743. schritt" zurück. Die Bibel lehrt: „Aug' um Auge, Zahn um Zahn", unsere Weisen haben „hinzugesügt", darunter sei Geldentschädigung zu verstehen; die Bibel lehrt: Gott „ahndet die Sünden der Väter an den Kindern und Kindeskindern bis zum vierten Geschlecht", die Weisen fügen hinzu, „wenn diese ebenfalls Bösewichter sind." — Die „Hinzusügungen" sind also auch nicht die Ursache, daß die „Hervorragenden in in unserer Mitte", die Herr Levtnftein im Auge hat, unserer Lehre entfremdet sind, sondern der Hochmut, der sie verhindert, über unsere Lehre, unsere Vergangenheit sich ernstlich aus jüdischen Quellen zu unterrichten. Wir glauben nachgewiesen zu haben, daß Herr L. von konfusen theologischen Vorstellungen ausgeht, daß bei ihm weder von der Kenntnis, noch aber von einem Verständnis unserer religiösen Urkunden die Rede sein kann, also auch von keinem richtigen Urteil über die Bedeutung unserer Einrichtungen. Der Sonntagsgottesdienst, wie die religiösen Fragen überhaupt, sind niemals bloße Zweckmäßigkeitsfragen, sondern solche, die stets mit Rücksicht auf das historisch bestimmte Empfinden und auf die religionsgeschichtlichen Verhältnisse zu entscheiden sind. Dafür zeigt Herr L. kein Verständnis und darum sind seine Vorschläge abzuweisen. Der Leser wird nicht verkennen, daß wir in unseren Darlegungen durchaus objektiv waren und dem guten Willen der Gegner Rechnung getragen haben. Wir können aber nicht umhin, aus einige Punkte in der Schrift des Herrn Levinstein hinzuweisen, welche seine Methode nicht in besonders günstigem Licht erscheinen lassen. Herr L. wird sich hierüber umso weniger beklagen dürfen, weil er die Befürchtung, die wir zum Ausdruck gebracht, als „unangebracht und unwürdig" bezeichnet. Ich kann nicht finden, daß der Ton, den Herr Levtnftein gegenüber dem Rabbinat unserer Gemeinde angegeschlagen hat, gerechtfertigt wäre. S. 9 Anmerkung wird eine Erklärung „des ehrwürdigen Rev. I. M. Wise in Cincinnati" angeführt, nach welcher ein richtiger Rabbinerkongreß sich gar nicht zur Frage des Sonntagsgottesdienstes geäußert hätte. Der Irrtum im Gutachten des Rabbinates mag bedauerlich sein, für unsere Frage hat er aus vielen, vielen Gründen gar keine Bedeutung. Dafür wäre es von Interesse gewesen, wenn Herr L. ausdrücklich gesagt hätte, wie der seither verstorbene Dr. Wise über die Frage selbst geurteilt hat. Darüber teilt Herr L. bezeichnender Weise gar nichts mit, einfach au^ dem Grunde, weil dieser mit verhindert hat, daß in den amerikanischen Gemeinden diese Einrichtung sich ausbreite. Gegenüber der Ansicht des Rabbinats unserer Gemeinde bemerkt Herr L. „Denn die Lehre, die uns Moses übermittelte, ist das Eigentum der Gemeinde Israel (so!)." Es giebt wohl bei uns kein Priestertum, aber das heißt nicht, daß jeder Laie seine Ansicht als maßgebend betrachten kann. S. 11—14 giebt Herr Levtnftein eine Beschreibung unserer politischen Zustände, die mit unserer Frage in gar keinem Zusammenhänge steht, es sei denn, daß man annimmt, daß die Erwähnung seiner Broschüre gegen Pros. Paulsen diesen Zusammenhang begründet. Wir wollen unsere Meinung nicht zurückhalten, daß wir seiner Broschüre gegen Pros. Paulsen keineswegs eine solche Bedeutung beimessen, daß sie in der vorliegenden Frage der Meinung des Herrn L. ein größeres Gewicht verleihen könnte. Der ehrenwerte Vorstand des „Liberalen Vereins" hat seine Sache mit derjenigen des Friedens und der Duldsamkeit verknüpft. Aus dem, was wir hier dargelegt haben, wird man weder die Absicht, den Frieden in der Gemeinde zu stören, herauslesen können, noch aber Unduldsamkeit. Nur halten wir die religionsgeschichtliche Einsicht unserer Gegner für überaus mangelhaft und infolge dessen ihre Bestrebungen nicht nur für verderblich, sondern für das Verderben, und darum wünschen wir, daß bei den bevorstehenden Wahlen das Ergebnis für den „Liberalen Verein", der seine Sache mit den Bestrebungen des Herrn Levinstein verknüpft hat, vernichtend sein solle. Toleranz heißt nicht, einen jeden Einfall einer Gruppe unserer Gemeinde gutzuheißen, es heißt nicht, die eigenen Ueberzeugungen von den Daseinsbedingungen unserer Gemeinschaft unterdrücken. III. Neben der Notwendigkeit, die die Ursprünglichkeit und Selbständigkeit des jüdischen Lebens gefährdenden Bestrebungen nachdrücklich abzuweisen, haben wir noch aus Forderungen hinzuweisen, die früher oder später erfüllt werden sollen. Die gegenwärtige Verfassung unserer Gemeinde entspricht schon lange nicht mehr den Bedürfnissen, der Größe und der gedeihlichen Entwickelung unserer Gemeinde. Die verhältnismäßig kleinen zentralen Körperschaften, Vorstand und Repräsentanz, geben den Kräften der Gemeinde, die zur Verfügung stehen, keine Gelegenheit, daß sie sich im Dienst unserer Gemeinschaft bethätigen, so daß unser gegenwärtiger Zustand alle Nachteile des Staatskirchentums ohne dessen Vorzüge zeigt. Die Forderuug des wahren Liberalismus wäre eine weitgehende Decentralisation der Verwaltung. Daß sie von den liberalen Repräsentanten nicht gefordert wird, ist daraus zu erklären, daß bewußt und unbewußt erwartet wird, daß nach der durch den gegenwärtigen Zustand herbeigesührten Verdumpfung der Massen, durch das Abfterben der jüdischen Traditionen, durch den rasch fortschreitenden Prozeß der Verwesung, der Boden für religionsgeschichtliche Abenteuer am besten vorbereitet wird. Auch aus diesem Grund haben wir alle Veranlassung, einem unbeschränkten liberalen Regiment das größte Mißtrauen entgegenzubringen und zu fordern, daß die Schichten der Gemeinde, deren jüdisches Bewußtsein noch nicht ganz verdampft ist, zu Worte kommen. Im Wahlaufruf des „Liberalen Vereins" heißt es: „Zur Wahrung dieses Friedens ist ein Stillstand, ein Beharren in den alten Bahnen weder nötig noch rätlich." Die „alten Bahnen" sind die von Zunz und Abraham Geiger, und so lange der „Liberale Verein" den Ansichten dieser Männer nicht solche, die sich auf eine ebenso tiefe Kenntnis des Judentums gründen, gegenüberstellen kann, haben wir keine Veranlassung, die „alten Bahnen" zu verlassen. „Auch in den religiösen Anschauungen giebt es eine Entwickelung, einen Fortschritt, der die Freierdenkenden befriedigt, die Altgläubigen nicht verletzt." Es würde uns sehr freuen, wenn die Vertreter und Anhänger des „Liberalen Vereins" die Ent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.