Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (22.11.1901)
- Date
- 1901-11-22
- Page
- Seite 741 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 741. neues Leben schöpft". Hier istHerrL. freireligiös! Wolle man dies nicht als Ketzerriecherei betrachten. Herr L. hat sich von der Tragweite dieses Ausspruchs, den er irgendwo aufgelesen, keine Rechenschaft abgelegt. Anderwärts beteuert er seine Bibelgläubigkeit, die wir nicht bezweifeln wollen. Es ist klar, daß aus Grund einer solchen Konfusion, für die uns alle frommen Redensarten nicht entschädigen, eine so schwerwiegende religiöse Frage, vor deren Entscheidung wir stehen, nicht entschieden werden kann. Die überlieferte Lehre unserer Religion in Betreff des Sabbats ist die folgende. Der Sabbat beruht auf dem am Sinai geoffenbarten Gebot Gottes, das in der Thora vielmals eingeschärft wird. Er gilt als das Bundeszeichen zwischen Gott und Israel für ewige Zeiten. Der Prophet Jeremia, der Sohn des Chilkijahu, von den Priestern zu Anathoth*) sagt (Kap. 17, 21): „Also spricht der Ewige, hütet euch bei eurer Seele und traget keine Last am Tage des Sabbats, daß ihr sie bringet in die Thore Jerusalems. Und traget keine Last hinaus aus euren Häusern am Tage des Sabbats, verrichtet keine Arbeit und heiliget den Tag des Sabbats, wie ich es euren Vätern besohlen habe". Im Buch Jesaia 56, 2 heißt es: „Heil dem Menschen, der dies thut, dem Menschensohn, der daran sesthält, der den Sabbat beobachtet, daß er ihn nicht entweiht, und seine Hand bewahrt, daß sie nichts schlechtes thut". Zur Zeit des zweiten Tempels und auch später opferten Juden eher ihr Leben, als daß sie den Sabbat entweiht hätten. Gesetzeslehrer, Philosophen und Mystiker werden nicht müde, die Heiligkeit dieser Einrichtung ihren Brüdern einzuschärfen und ihre Herrlichkeit zu preisen; dessen Zeuge ist die gesamte religiöse Literatur des Judentums. Unter solchen Umständen ist es selbstverständlich, daß für den gläubigen Juden kein Opfer zu groß war, um den Sabbat heiligen zu können, und kein irdisches Gut so groß, daß er um seinetwillen sich der ewigen Verdammnis, der Folge der Entweihung des Sabbats ausgesetzt hätte. Nun kam nach Mendelssohn die Zeit der Aufklärung, die bei einem großen Teil unserer Glaubensgenossen im Abendland den übernatürlichen Offenbarungsglauben untergraben hat. Mancher naive Zweifel tauchte aus unter ihnen. Herr L. fragt auch: „Will jemand es auf sich nehmen und behaupten, zu welcher Stunde, an welchem Tag der Herr Himmel und Erde schuf? Und wenn es Schaden bringt, am Sabbat zu ruhen, warum sollte man es nicht an einem andern Tag thun? Der Tag ist gleichgiltig, die Ruhe und die Feier ist die Hauptsache". Gegenüber solchen Zweifeln meinen die Gesetzeskundigen, welche wissenschaftlichen Grundanschauungen huldigen: Der Sabbat ist eine der wichtigsten Institutionen, die das Judentum geschaffen hat. Es ist uns gleichgiltig, was die Geologie lehrt, für uns ist sie die Einrichtung, die von Propheten mit ihren Ideen verknüpft worden, von unseren Vätern seit 2500 Jahren zum Zeugnis von ihrem Glauben an Gott, *) Herr L. sagt: „kein Prophet, kein Reformator gehörte dem Priestertum an". Ein Reformator des Judentums sollte doch etwas bibelfester sein. Auch der Prophet Ezechiel war Priester. den Schöpfer von Himmel und Erde, diente, zur Erinnerung an seine Thaterweisungen in der Vergangenheit unseres Stammes. Darum lehrten die Alten: „Wer den Sabbat öffentlich entweiht, ist so, als ob er Gott leugnete." Der Sabbat war während dieser ganzen Zeit die reichste Quelle körperlicher und sittlicher Kraft des Judentums, der Anfang und das Ende des religiösen Lebens. Darum schulden wir ihm innerhalb unserer gegenwärtigen Weltanschauung die nämliche Ehrfurcht, wie wenn das Sabbatgebot uns selbst unter Donner und Blitz geoffenbart worden wäre, und als ob wir für seine Entweihung schwer bestraft würden. Nun verkennen wir nicht den furchtbaren Konflikt, in den uns die Gesetzgebung der Staaten gebracht hat, welche die Sonntagsruhe eingeführt haben. Herr L. wünscht, daß dieser durch die Einführung eines Sonntagsgottesdienftes gelöst werde, denn sie halten es für unmöglich, von der werktäglichen Arbeit in die Synagoge zu gehen und von dort zur alltäglichen Arbeit zurückzukehren. Ruhe und Feier sollen an einem Tage stattfinden. Das heißt also, daß für einen Teil der Gemeinde der Sonntag den Charakter des Sabbats erhalten solle. Damit sind wir einfach vor die Frage gestellt: Soll der vorhandene Konflikt in der Weise gelöst werden, daß die Synagoge eine kirchliche Form der Gottesverehrung übernimmt, oder solle das Judentum seine eigenen Wege gehen. Wer geschichtlichen Sinn hat, der wird sich die Bedenklichkeit der erfteren Lösung nicht verhehlen können. Die Kirche hat die Gefahren des Zusammenhanges mit einer anderen Religion erkannt und darum hat sie sich z. B. in Betreff des Osterfestes von der jüdischen Zeitrechnung losgesagt. — Nun meinen unsere Gegner, es gäbe keinen anderen Ausweg. Wir meinen, daß es wohl einen solchen gäbe. Ich habe schon daraus hingewiesen, daß der Islam kein Arbeitsverbot für den Freitag kenne und dennoch bestehe. Es ist also wohl möglich, daß durch mehr Eifer im Religionsunterricht, durch das Heilighaltender Feste und anderer Momente des jüdischen Lebens der Schaden wettgemacht wird. So viel glauben wir inbetreff der Hauptsache zur Ergänzung unserer früheren Ausführungen bemerken zu müssen. Herr L. betrachtet die Befürchtungen seiner Gegner als grundlos, und seine Gesinnungsgenossen entrüsten sich gar darüber, daß man trotz ihrer feierlichen Versicherungen von der Gefahr, die dem Sabbat drohe, spricht. Das sind Unklarheiten. Mögen doch die Herren bedenken, daß wir durchaus nicht der Versicherung bedürfen, daß wir den Sabbat der gegenwärtigen Generation nicht bedrohen, daß wir durchaus nicht befürchten, daß sie etwa uns unmöglich machen oder erschweren möchten, den Sabbat zu beobachten, — dazu haben sie ja nicht die Macht. So sind unsere Befürchtungen nicht gemeint, sondern daß der Sonntagsgottesdienst eine Uebergangseinrichtung ist, welche im Lause der Zeit, — aus einige Jahrzehnte kommt es ja nicht an — zur Verwirklichung der ursprünglichen Absicht des Herrn L. führen soll. Daß es trotzdem auch später Juden geben würde, die sich den Sabbat nicht nehmen lassen werden, das glauben wir auch, zu befürchten steht nur, daß man es zu jener Zeit einer kleinen Schar nicht gestatten würde, anstatt des Sonntags am Sabbat in der Synagoge ihren Gottesdienst abzuhalten.