Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 734 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 734. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. aus stattlichen Zahl aktiver Mitglieder und guten Nachwuchses fröhlichsten Verlaus nahm. Der Verein Jüdischer Studenten hatte zwei Tage vorher die gleiche Feier begangen. Magdeburg, 11. November. (Rabbinatsadjunkt.) Zur Erleichterung für unfern Ostern n. I. bereits 40 Jahre amtierenden Rabbiners — in Thorn 5, hier 35 Jahre — hat der Vorstand die Anstellung eines Adjunkten beschlossen. Magdeburg, 11. November. (Vom Literaturverein.) •< Der erste Vortragsabend im „Verein für jüdische Geschichte s und Literatur" fand am Dienstag Abend in der „Freundschaft" statt. Herr Rabbiner Dr. Rahmer hielt eine Rückschau auf die Vereinsthätigkeit während der 7 Jahre des Bestehens und gedachte des im Frühjahr verstorbenen, verdienstvollen Förderers der Vereinsbestrebungen, Herrn Singer, in einem ehrenden Nachruf. Sodann hielt Herr Dr. Rahmer einen Ausblick in das aufgestellte Wtnterprogramm. Der Vortragende Herr Dr. Pick-Berlin hatte als Thema „Die jüdische Geschichte der neueren Zeit" gewählt. In bilderreicher Ausführung entrollte Redner ein vier Jahrhunderte umfassendes Stück Religions- und Kulturgeschichte der Juden. Eine zwanglose Aussprache beschloß den Abend. Bonn a. Rh., 12. November. (Rabbinerwahl.) Vorstand und Repräsentanz haben heute einstimmig Herrn Dr. Kalischer, z. Zt. Rabbiner in Stolp i. Pom., zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt. Frankfurt a. Main, 10. November. (Aus dem Literaturverein.) Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur exöffnete am 4. d. seine Wintersaison mit einem Vortrag des Herrn Rechtsanwalts Dr. Ludwig Fuld aus Mainz über Gabriel Rießer. Der Name dieses Mannes ist selbst unter seinen Glaubensgenossen nicht mehr nach seinem Verdienst bekannt, obgleich Undankbarkeit sonst nicht eine Eigenschaft des jüdischen Stammes ist. Haben wir doch vor allem ihm das bischen Emanzipation zu verdanken, das wir wenigstens auf dem Papier besitzen! Geboren am 2. April 1806 in Altona (Meyers Konversationslexikon giebt Hamburg an), widmete er sich juristischen Studien und machte in Heidelberg seine Prüfung. Die akademische Laufbahn war ihm als Juden verschlossen, und so wurde er Rechtsanwalt und Notar. Seine Sehnsucht nach der politischen Einheit Deutschlands ging mit der Sehnsucht nach der Gleichberechtigung der Juden Hand in Hand. Er trat bereits für das allgemeine Wahlrecht, für Arbeiterfürsorge ein. Er erhob schon damals seine warnende Stimme dagegen, wirtschaftliche Jnleressen zum Mittelpunkt des politischen Kampfes zu machen. Im Jahr 1848 zum Abgeordneten für das früher den Juden verschlossene Herzogtum Lauenburg in das deutsche Parlament gewählt, lenkte er durch seine begeisterte Rede am 29. August gegen den Antrag von Moritz Mohl, der den Juden zwar aktives und passives Wahlrecht lassen, sonst aber eine Art Fremdenrecht für sie Vorbehalten wollte, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich und trat mit einem Schlag in die Reihe der ersten Redner des Parlaments. Sein Wort klang wie der Aufschrei einer seit Jahrhunderten geknechteten Volksseele. Der Antrag Mohl wurde denn auch mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Kurz daraus wählte die Versammlung Rießer mit 225 von 263 Stimmen zum ersten Vizepräsidenten; der Vorsitzende war Eduard Simon, ein getaufter Jude. Rießer verfocht stets die Einigung Deutschlands unter dem preußischen König als Kaiser. Als er einen dahinzielenden Antrag Welckers in einer vortrefflichen Rede befürwortet hatte, brach allgemeiner Enthusiasmus aus; Reichsminister von Gagern und Gabriel Rießer lagen sich in den Armen. Auch der Deputation, die Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anbot, gehörte Rießer an. Die ablehnende Antwort (bekanntlich soll der König gesagt haben, er wolle keine beschnittene Krone. D. Res.) machte auf die Deputierten einen niederschlagenden Eindruck, Rießer aber ließ Mut und Hoffnung nicht sinken. Am 26. Mai 1849 schied er aus der Versammlung. Im folgenden Jahr wurde er von Hamburg in das Erfurter Parlament gewählt, wo er sich Bismarcks Anerkennung errang. Als auch dieser Versuch scheiterte, widmete er sich seiner Vaterstadt. Im Jahr 1859 wurde er Vizepräsident der Hamburger Bürgerschaft, 1860 wurde er ins Hanseatische Obergericht berufen, der erste deutsche Jude, der ein so hohes Richteramt bekleidete. Er starb am 22. April 1863. Sein Charakter war mild und versöhnlich, das Gemeine war ihm fremd. Als Schriftsteller war er von großer Gedankenfülle und Klarheit, sein Stil ist teilweise geradezu klassisch. Schade, daß noch nicht von jüdischer Seite eine Auslese aus seinen Schriften getroffen worden ist, die als jüdisches Volksbuch verwertet werden könnte! Seine sittliche und politische Größe hat auch seine Gegner bezwungen. Sagt doch Treitschke von ihm, daß in ihm das Recht zum Gemüt geworden. Vergessen wir nicht die Verdienste der Männer von 1848, vergessen wir deutschen Juden vor allem nicht Gabriel Rießer, der mit Wort und Schrift für seine Glaubensgenossen gewirkt, der keine Zeile geschrieben und kein Wort gesprochen, das nicht von deutschem Geist durchweht war, aus den wir uns berufen können, wenn man uns die Zugehörigkeit zum deutschen Volk bestreitet, der gezeigt hat, daß Deutschtum und Judentum zwei Zwiüingsschwestern sind am Baum der Kultur. Frankfurt a. Main, 10. November. (Aus der Gemeinde.) Der Prediger am Hamburger Tempel, Dr. Cäsar Seligmann, dessen Anstellung als Rabbiner seitens der Verwaltung der hiesigen israelitischen Gemeinde beabsichtigt ist, hat vorigen Samstag (mtP »H. 'tcO in der Hauptsynagoge gepredigt. — Der Talmud-Thora-Verein unter dem Vorsitz des Herrn Alfred Geiger erfreut sich eines außerordentlichen Zuspruchs. Der neue große Saal der Horovitzschen Synagoge war vorletzten Freitag Abend bei dem Vortrag des Herrn Dr. Steinemann nicht im Stande, die Zuhörer zu fassen, von denen ein Teil außerhalb stehen bleiben mußte. Ems, 11. November. (Vom Mädchenheim.) Der vierte Jahresbericht des hiesigen unter Leitung des Herrn Rabbiners Weingarten stehenden israelitischen Zentral-Weisen- und Mädchenheims ist soeben erschienen. Die Anstalt ist jetzt mit 33 Zöglingen vollständig besetzt, so daß ein Erweiterungsbau notwendig erscheint. Man wird ihn in Angriff nehmen, sobald Gönner die erforderlichen Mittel gespendet haben werden. 6. Dessau, 10. November. (Vortrag.) Gestern hat hier Herr Rechtsanwalt Dr. Cohn über die Emanzipation der Juden einen Vortrag gehalten. Der gewandte Redner gab