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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-15 · 46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46 · p. Seite 728

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46
Date
1901-11-15
Page
Seite 728 (sequence 10)
Language
German
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Seite 728 Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. daß sie etwas anderes zu sagen hat, als die anderen Konfessionen, daß sie mithin eine Bereicherung des Geisteslebens bedeutet. Das beweist man aber nicht, indem jeder Laie, der die Lust dazu verspürt, dem Gemeindeleben eine opportunistische Richtung giebt, man beweist es nicht, indem man sich einfach auf das „Alte Testament" beruft, indem man christliche Einrichtungen aufnimmt oder nachäfft. Darum wird es auch gut sein, wenn die Führer unserer Gemeinde das Statut des alten von Zunz, Moser, David Gans begründeten Kultur- Vereins hervorholen, und daraus lernen, daß eine jüdische Gemeinde noch andere Aufgaben hat, als Kranken- und Waisenhäuser zu errichten und für gottesdienstliche Einrichtungen zu sorgen. Ein Näheres hierüber werde ich an einer anderen Stelle darznlegen haben. III. Ablehnung alles dessen, was die Ursprünglichkeit und Selbständigkeit des jüdischen religiösen Bewußtseins schädigen könnte, Dezentralisation der Kultusverwaltung und eine Erweiterung der Bethätigung der Gemeinde, das sind die Forderungen, die die Gemeinde zu verwirklichen hätte. Der erste Punkt ist aber gegenwärtig der wichtigste, und darum können wir nur wünschen, daß die Fraktionen, die in betreff dessen übereinstimmen, sich einigen würden, damit es dem liberalen Verein weiterhin unmöglich gemacht werde, unser religiöses Leben zu einem synkretistischen Brei zu zerstampfen. Und hier wollen wir aus einen wunden Punkt unseres Gemeindelebens Hinweisen. Bei den letzten Wahlen hat sich nur ein Drittel der Wähler beteiligt. Diese Thatsache ist ein ungeheurer Skandal, der nur aus der Indifferenz des größeren Teiles unserer Gemeinde, aus dem unheilvollen Einfluß, den neu entstehende Sekten, freireligiöse Strömungen und die Herzensergüsse mancher Schriftsteller jüdischer Abstammung aus Mitglieder unserer Gemeinde ausüben, zu erklären ist. Darum wünschen wir, daß auch diejenigen Mitglieder unserer Gemeinde, die dem jüdischen Leben fernstehen, der Erkenntnis nicht unzugänglich bleiben mögen, daß keine große religiöse Bewegung im Abendland ohne die Einwirkung des Judentums oder wenigstens seiner religiösen Urkunden stattgesunden hat, daß der Wahrheitsgehalt unserer Lehre, der Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen im jüdischen religiösen Leben der Vergangenheit ihnen gegenüber unserer Gemeinschaft und ihren religiösen Gütern Pflichten auserlegen. Keine sittliche Einsicht vermag das Bewußtsein dessen zu ersetzen, daß wir im Dienst von Ideen stehen, für die unsere Ahnen Jahrtausende hindurch gelitten haben. Es ist vielleicht auch nützlich, daran zu erinnern, daß solche Gedichte, wie die Sonetten des Giordano Bruno, an denen sich unsere Stammesgenossen — novarum rerum Studiosi — erbauen, im Diwan des Abraham Jbn Ezra (12. Jahrh.) und unter den Gedichten des Salomon Jbn Gabriol (11. Jahrh.) dutzendweise zu finden sind, daß monistische Ansichten auch unter unseren frommen Vorfahren Anhänger gesunden haben, daß also keine Veranlassung vorhanden ist, wegen des Interesses, das man solchen Ansichten entgegenbringt, sich dem jüdischen Leben zu entfremden. Darum hoffen wir, daß eben die, die infolge einer höheren Bildung für religiös-geschichtliche Vorgänge Verständnis besitzen, nicht vornehm abseits stehen bleiben, sondern den entscheidenden Ereignissen in unserer Gemeinde das Interesse entgegenbringen werden, das sie ihnen pflichtgemäß schulden. Die Kerliner Geiimlldemhlku. Am vorwöchigen Donnerstag Abend hat wieder eine von dem sogenannten Centralverein veranlaßte Wählerversammlung stattgesunden. Etwa hundert Personen waren der Einladung nach den Andreas-Festsälen gefolgt. Die Verlockung, Herrn Rechtsanwalt Levinsohn zum zweiten Mal über die Bedeutung der bevorstehenden Gemeindewahlen reden zu hören, muß also nicht sehr groß gewesen sein. Herr Levinsohn machte sich auch keine erheblichen Unkosten: er wiederholte beinahe wörtlich, was er in der Woche zuvor in einer anderen Versammlung gesagt, und was er damals bereits ohne Quellenangabe diesem Blatt entlehnt hatte. Dem ersten Ausguß gegenüber machte er nur insofern eine Variation, als er das angebliche Wirken der Centralvereins - Männerchen in der Gemeinde wie in der Repräsentantenversammlung noch derber herausstrich und noch nachdrücklicher die Wahl der Kandidaten empfahl, die die Herren Bergel, Salinger, Wedell, Caro, Salz — wir haben hier die intellektuelle und gesellschaftliche Blüte des Centralvereins genannt — ausstellen wollen. Wer diese Erlesenen der Herren Bergel und Genossen sind, das ist der Oeffentlichkeit noch nicht mitgeteilt worden, wir können es aber hier verraten: Die abgewirtschafteten Repräsentanten sollen sämtlich bis aus einen einzigen wiedergewählt und dieser einzige soll durch Herrn Hirsch (Messingwerke) ersetzt werden. Die Kandidatur dieses Letzteren ist dazu bestimmt, der ganzen Liste einen orthodoxen Hautgout zu geben, der den Geruch der anderen Herren deckt. Herr Levinsohn begann seine Darlegungen mit der Versicherung, daß die große Berliner Gemeinde vollkommen verrottet und, bis aus einige Wohlfahrtsinstitute — von denen er, ausgerechnet! das jüdische Krankenhaus nannte — verwahrlost wäre, wenn nicht die Privatgemeinden durch ihre jedes Ruhmes Maß erschöpfende Thätigkeit den gerechten Zorn des Himmels einigermaßen beschwichtigt hätten. Die Privatgemeinden aber seien eigentlich Kern und Vorbild und Abglanz des Centralvereins, der alles, was in der Berliner Gemeinde irgend Gedeihliches geschehen, wenn schon nicht direkt geschaffen, so doch veranlaßt habe. Der Centralverein habe bewirkt, daß neue Synagogen gebaut wurden, daß der obligatorische Religionsunterricht eingeführt wurde, daß die steuerpflichtigen Gemeindemitglieder auch wirklich zur Steuer herangezogen wurden. Die sogenannten Liberalen aber, die in manchen Dingen dem Drängen des Centralvereins nachgegeben, seien jedes Vertrauens unwürdig, nachdem sie die Deutsch'sche Stiftung für das Krankenhaus und das Bamberger'sche Legat unter den bekannten Bedingungen angenommen hätten. Vor dieser Schlußwendung hatte Herr Levinsohn auszugsweise wiederholt, was in diesem Blatt gegen die Einrichtung eines sonntäglichen Predigtgottesdienstes gesagt worden. In der sich anschließenden Debatte äußerte sich Herr M. A. Klausner wie folgt:

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