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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-15 · 46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46 · p. Seite 727

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46
Date
1901-11-15
Page
Seite 727 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46. Israelitische Wochenschrift. Seite 727. II. Neben der Notwendigkeit, die die Ursprünglichkeit und Selbständigkeit des jüdischen Lebens gefährdenden Bestrebungen nachdrücklich abzuweisen, haben wir noch auf Forderungen hinzuweisen, die früher oder später erfüllt werden sollen. Die gegenwärtige Verfassung unserer Gemeinde entspricht schon lange nicht mehr den Bedürfnissen, der Größe und der gedeihlichen Entwickelung unserer Gemeinde. Die verhältnismäßig kleinen zentralen Körperschaften, Vorstand und Repräsentanz, geben den Kräften der Gemeinde, die zur Verfügung stehen, keine Gelegenheit, daß sie sich im Dienst unserer Gemeinschaft bethätigen, so daß unser gegenwärtiger Zustand alle Nachteile des Staatskirchentums ohne dessen Vorzüge zeigt. Die Forderung des wahren Liberalismus wäre eine weitgehende Deeentralisation der Verwaltung. Daß sie von den liberalen Repräsentanten nicht gefordert wird, ist daraus zu erklären, daß bewußt und unbewußt erwartet wird, daß nach der durch den gegenwärtigen Zustand herbeigesührten Verdumpfung der Massen, durch das Absterben der jüdischen Traditionen, durch den rasch fortschreitenden Prozeß der Verwesung, der Boden für religionsgeschichtliche Abenteuer am besten vorbereitet wird. Auch aus diesem Grund haben wir alle Veranlassung, einem unbeschränkten liberalen Regiment das größte Mißtrauen entgegenzubringen und zu fordern, daß die Schichten der Gemeinde, deren jüdisches Bewußtsein noch nicht ganz verdumpst ist, zu Worte kommen. Im Wahlaufruf des „Liberalen Vereins" heißt es: „Zur Wahrung dieses Friedens ist ein Stillstand, ein Beharren in den alten Bahnen weder nötig noch rätlich." Die „alten Bahnen" sind die von Zunz und Abraham Geiger, und so lange der „Liberale Verein" den Ansichten dieser Männer nicht solche, die sich auf eine ebenso tiefe Kenntnis des Judentums gründen, gegenüberstellen kann, haben wir keine Veranlassung, die „alten Bahnen" zu verlassen. „Auch in den religiösen Anschauungen giebt es eine Entwickelung (— sehr tiefsinnig! Das haben wir bisher wirklich nicht gewußt! —), einen Fortschritt, der die Freierdenkenden befriedigt, die Altgläubigen nicht verletzt." Es würde uns sehr freuen, wenn die Vertreter und Anhänger des „Liberalen Vereins" die Entwickelung und den Fortschritt der jüdischen religiösen Anschauungen gefördert hätten. Wir kennen aber sehr freidenkende Mitglieder der Gemeinde, die im Sonntagsgottesdienst nebst seiner Begründung keinen Fortschritt sehen, und man braucht nicht altgläubig zu sein, um dessen Einführung als einen argen Mißgriff zu betrachten. Ueberhaupt war der vorwiegend praktische, — wir meinen auf Aenderungen im jüdischen Leben hinzielende — Liberalismus von jeher mit Nichten eine Strömung, die sich aus eine Erhöhung und Vervollkommnung des jüdischen religiösen Bewußtseins gerichtet hätte. Die treibende Macht in dieser Strömung war vielfach nicht der religiöse Zweifel, die Not des Gewissens, der Durst nach einer einheitlichen, selbständigen, den Ueberlieferungen der Synagogen entsprechenden, idealen X Lebensanschauung, sondern die Bequemlichkeit und die Assimilation an das kirchliche Leben der Außenwelt. Nlcht nach der Freiheit des religiösen Denkens strebten ihre Vertreter, sondern nach äußerem Aufputz. Sie wollten den mächtigen, alten Bau des jüdischen Lebens durch eine mit allerlei Flitter ausgeputzte Baracke ersetzen. Dieser Verwesungsliberalismus hat mit der Lebensarbeit der großen Lehrer der Synagoge nicht das Mindeste zu thun. Zunz hat für ihn stets sarkastische Bemerkungen übrig gehabt, denn die Vertreter dieses Liberalismus konnten niemals Männer gebrauchen, die, das geschichtliche Leben des Judentums vor Augen haltend, seine Entwickelung angestrebt haben, sondern nur gefügige Haustheologen, die alle ihre Einfälle gutgeheißen haben. Herr Levinftein und die Repräsentanten, die ihnen folgen, setzen nicht das Werk von Zunz und Geiger, sondern das Holdheims fort und betrachten das religiöse Leben der Reformgemeinde teilweise oder im ganzen als das Ideal, dem die Muttergemeinde nachzustreben hat. Wir haben aber die Pflicht, es entschieden abzulehnen, daß diese wissenschaftlich nicht zu rechtfertigende Episode in der Religionsgeschichte unserer Gemeinde uns als Ideal hingefteüt wird. Der Verwesungs-Liberalismus, wie er hier gekennzeichnet worden, ist der Exponent einer bestimmten sozialen Schicht in unserer Gemeinde aus religiösem Gebiet. Die nächsten Wahlen bedeuten, daß diese soziale Schicht im religiösen Leben der Gemeinde unumschränkte Gewalt beansprucht. Es fällt uns nicht ein, in der Gemeinde eine soziale Spaltung hervorzurufen; es wird aber notwendig sein, zu untersuchen, wie diese soziale Schicht in religiöser Beziehung sich verhalten hat, ehe wir ihr unser Vertrauen schenken. Es muß anerkannt werden, daß sie den jüdischen Wohlthätigkeitssinn niemals verleugnet hat, und wir sind gern bereit, in Angelegenheit unserer Wohlfahrtseinrichtungen ihr die Führung und das entscheidende Wort zu überlassen. Wie hat sich aber die durch Besitz, Wohlstand und Intelligenz ausgezeichnete Schicht unserer Gemeinde wie der Judenheit überhaupt gegenüber oem jüdischen religiösen Leben und seiner Quelle, dem W ffen vom Judentum gegenüber verhalten? Ausnahmen giebt es hier, wie überall, aber im allgemeinen war es so, daß unsere besten Philanthropen unserem Volk nur die Leiber erhalten, die jüdische Seele haben sie ihm abfterben lassen wollen. Der Baron Hirsch hatte gegen die jüdische W ssenschast eine wahre Idiosynkrasie, und unlängst hatte ein Direktionsmitglied der I. C. A. die Dreistigkeit, den Wunsch auszusprechen, die arme jüdische Bevölkerung Osteuropas sollte dem Sabbat und den Speisegesetzen entsagen. Diesen zwei Einrichtungen hat aber jene körperlich und moralisch mehr zu verdanken, als allen jüdischen Philanthropen des 19. Jahrhunderts zusammen. Das Verhalten dieser sozialen Schicht gegenüber dem eigentümlich jüdischen Geistesinhalt und dem jüdischen religiösen Leben hat sich an ihr selbst und an der gesamten abendländischen Judenheit bitter gerächt. Denn darüber kann bei allen Einsichtigen kein Zweifel sein, daß innerhalb der abendländischen Kultur das Judentum nur dann sich als besondere religiöse Gemeinschaft erhallen kann, wenn sie dein Höystgebildeten beweist, daß sie im Geistesleben etwas bedeulet,

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