Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46
- Date
- 1901-11-15
- Page
- Seite 726 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 726. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. Gerichts, der sittlichen Verantwortung vor Gott zu betrachten, das Simchath-Thorafest ist sogar in nachtalmudtscher Zeit entstanden. Wenn wir unser religiöses Bewußtsein auf den Standpunkt des Zeitalters der Prophetie zurückschrauben, haben wir also kein Fest der Offenbarung, das Neujahrsfest ist nicht das Fest des Gottesreiches, und wir haben auch kein Fest der Gesctzesfreude. Das ist aber eine Verstümmelung des jüdischen religiösen Bewußtseins. Die anderen Institutionen sind beseitigt. Das Leben unserer Gemeinschaft kann aber nicht aus der Spekulation über einige ethische Grundsätze hergeleitet und auf sie gegründet werden. Die Forderungen der gemeinen Moral erschöpfen nicht den Inhalt des jüdischen Lebens. Dieses erfordert auch die Uebung der vom Geist der Propheten geheiligten jüdischen Sitte, die die mächtige Stütze der Kontinuität, der Zusammengehörigkeit der Diaspora, und der Träger der jüdischen Geistessreiheit ist. Nur die Festigkeit der jüdischen Institutionen ermöglichte in der Vergangenheit und ermöglicht auch heute ohne Gefährdung der Gesamtheit die freie, schöpferische Arbeit des religiösen Denkens. Wenn man nur der biblischen Zeit eine höhere Bedeutung beimißt, so hat Benediktus Levita Recht, daß es keinen Sinn mehr habe, den Auszug aus Egypten, den Aufenthalt in der Wüste und dergl. zu feiern. Wir sind aber keine Resormjuden und gedenken in Dankbarkeit alles dessen, was wir unseren Gesetzeslehrern und Philosophen an religiöser Erkenntnis zu verdanken haben, als würde es in der Thora geschrieben stehen. In Wirklichkeit besteht die Vollkommenheit und Heiligkeit der Thora darin, daß sie in jedem Zeitalter von Neuem eine vollkommene religiöse Einsicht und sittliche Zucht zu erzeugen vermag. Unhiftorische Ansichten auf dem Gebiet der Religion stiften Unheil, weil ihre Vertreter den Wert dessen, was unsere Väter geschaffen, geringschätzen, weil sie vergessen, daß wir ein Produkt der geistigen Mächte sind, die uns Jahrtausende hindurch erhalten und erzogen haben. Wir sind keine Resormjuden, weil wir es für unhistorisch und absurd halten, aus die religiösen und ethischen Ideen der Propheten zurückzukehren, die erst die Form sich schaffen mußten, um im Volksleben Kraft zu gewinnen und verwirklicht zu werden; für unhistorisch und absurd finden wir es, zum Buchstaben der Thora zurückzukehren, weil die Reflexion unserer Gesetzeslehrer ihre Gesetzgebung und ihre Lehre auf eine höhere Stufe erhoben, und die Lehre vom „Reich Gottes" und andere Ideen, die die Christenheit zu dem Kostbarsten, was das Evangelium ihm gebracht, rechnet, geschaffen hat; für unhistorisch und absurd halten wir es nur, zur schriftlichen und mündlichen Thora zurückkehren zu wollen, und die Arbeit unserer Religionsphilosophen für minderwertig zu halten; denn sie haben uns gelehrt, jeden Anthropomorphismus mutig bei Seite zu schieben, und sie vermögen uns noch heute von hundert Zweifeln zu befreien. Ja, wir halten es sogar für unhistorisch und absurd, unsere Mystiker zu ignorieren, deren religiöses Feuer uns zu erwärmen vermag, wenn der Buchstabenglaube unser Empfinden zu töten oder der Jntellekualismus unsere Religion in Moral auszulösen droht. Sie alle sind wichtige Momente in der Entwickelung unseres religiösen Lebens, von denen wir keine missen wollen. Will aber das Reformjudentum anerkennen, daß seine Begründer in der Wertschätzung der nachbiblischen jüdischen Literatur sich geirrt haben und den nämlichen Standpunkt einnehmen, wie Zunz oder A. Geiger, so habenseine Sonderstellung und seine Einrichtungen keine Berechtigung mehr. Diese Ausführungen mögen den Mitgliedern unserer Gemeinde zur Warnung dienen, zu Maßnahmen ihre Zustimmung zu geben, die die Muttergemeinde aus Abwege führen können. Eine solche Maßnahme ist aber der Sonntagsgottesdienst, und der nachdrückliche Widerstand gegen dessen Einführung soll nicht erst vom Vorstand oder vom Rabbinat, sondern von der Wählerschaft ausgehen. Manchem von denen, die mit dem Leben der Gemeinde in Zusammenhang stehen, mag das Regiment dieses Liberalismus bequemer und angenehmer sein, — sein Joch ist leicht — aber dergleichen Umstände können bei solchen grundsätzlichen Entscheidungen, wie die, vor der wir stehen, nicht maßgebend sein. Vertreter des Liberalismus sehnen sich zuweilen so sehr nach einem Sonntagsgottesdienst, daß sie sogar ein Schisma herbeisühren möchten. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts handelte es sich um viel größere Gegensätze, und doch hat der Altmeister der jüdischen Wffsenschast, Zunz, gegenüber Abraham Geiger eine Trennung als verderblich bezeichnet. Er hat aber in allen Fragen des jüdischen Lebens besser gesehen, als alle Stürmer unter seinen Zeitgenossen. Und noch ein Gesichtspunkt ist nicht außer Acht zu lassen. Glauben denn wirklich die Führer der liberalen Partei, die geschichtlichen Vorgänge besser zu übersehen, die Wurzeln unseres geschichtlichen Lebens besser zu kennen, als Abraham Geiger und andere Gesetzeskundige, daß sie, aus ihre eigene Einsicht sich stützend, ein solches Experiment wagen können? Darum wird auch durch die nächsten Wahlen die Frage entschieden, ob die Mehrheit unserer Gemeinde den Gesetzeskundigen zu folgen gewillt ist, oder einer Gruppe von Laien, deren guten Willen wir nicht verdächtigen, denen wir aber in religionsgeschichtlichen Fragen mitzureden die Fähigkeit nicht zuzuerkennen vermögen. Es wird darauf gerechnet, daß die Gemeinde des vielen Geredes über den Sonntagsgottesdienst überdrüssig wird; darum müssen wir dieser einer besseren Sache würdigen Beharrlichkeit eisernen Widerstand entgegensetzen und der Partei, die allen Gründen bisher sich als unzugänglich erwiesen hat, eine Niederlage bereiten, wie sie noch keine Partei in unserer Gemeinde erlebt hat. Denn es ist wirklich an der Zeit, daß die ununterbrochene Reihe von Verirrungen, die die Bewegungen in unserer Gemeinde im abgelaufenen Jahrhundert kennzeichnen, aushören. Bald wird die Freiheit des religiösen Denkens nicht respektiert und nun stehen wir, falls die gegenwärtige Richtung der liberalen Partei bei den nächsten Wahlen siegt, der Gefahr gegenüber, daß das jüdische Leben der Gemeinde zu einem Schauplatz sektiererischer Experimente wird.