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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-15 · 46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46 · p. Seite 725

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (15.11.1901) Unterschiedliche Ausgabe zu Heft 46
Date
1901-11-15
Page
Seite 725 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 46 Israelitische Wochenschrift. Seite 725. Das Resormjudentum ist aber sogar von Abraham Geiger als eine „sektiererische" Bewegung bezeichnet worden. Diese hat mit ihrem Anhang niemals den Sinn für historische Kontinuität gehabt, der allein, wie vielfach gesagt worden ist, vor sinnloser Zerstörungswut und vor sinnloser Erhaltungswut schützt. Das zeigt sich von David Friedländer bis aus den heutigen Tag. Das Reformjudentum beginnt mit drei Grundsätzen allgemeinster Art, von denen zwei negativ und infolge von Angriffen auf das Judentum entstanden sind, nämlich: die Verwerfung der Autorität des Talmuds und die Ablehnung des Glaubens an seinen Messias, der die Israeliten nach Palästina zurückführen würde. Aber auch die Form, in der das Reformjudentum von S. Holdheim*), seinem bedeutendsten literarischen Vertreter begründet worden ist, beruht aus einer ganzen Reihe von religionsgeschichtlichen Jrrtümern, von denen ich nur einige erwähnen will- Die Bezeichnung „Resormjudentum" oder „reformiertes Judentum" zeigt, daß seine Begründer etwas ähnliches in unserer Gemeinschaft angeftrebt haben, wie das, was der Protestantismus im Gegensatz zum Katholizismus in der Christenheit bewirkt hat. Hierbei wurde aber übersehen, daß die Voraussetzungen im Judentum von denen des Protestantismus grundverschiedene waren. Dieser revidierte das kirchliche Bekenntnis aus Grund der Bibel und des Neuen Testaments. So wollte das Resormjudentum vor allem die jüdische religiöse Praxis auf Grund der Bibel revidieren, indem es seine Angriffe gegen die talmudische Schristauslegung richtete und ein Leben nach der talmudischen Gesetzgebung als antibiblisch bezeichnete. Es war aber der schnödeste Undank, der hier gegen unsere Gesetzeslehrer begangen worden ist. Denn diese haben durch ihre Auslegung der Schrift die biblische Gesetzgebung aus eine höhere Stufe gebracht und ein Leben nach ihr erst ermöglicht. Es ist den Reformern auch unbekanntgeblieben, daß die großen Bibelerklärer im Mittelalter von der talmudischen Schristauslegung meinten, daß die „Worte unserer Weisen der Bekräftigung nicht bedürfen", daß ihre Einrichtungen ihre Verbindlichkeit behalten, wenn ihre Auslegungen dem ursprünglichen Sinn der Schrift nicht entsprechen. Sie haben nämlich empfunden, was wir heute offen sagen können, daß der Wert unserer Einrichtungen nicht davon abhängt, ob er im buchstäblichen Sinn der Schrift begründet ist oder nicht. Ueber die biblischen Gesetze, die dem Resormjudentum nicht entsprachen, setzte es sich mit der Begründung hinweg, daß sie eine nationale Bedeutung haben. Die biblische Wfffenschast der Gegenwart lehrt aber, daß das Judentum im Gegensatz zum alten Israel von Anfang an eine Glaubensgemeinschaft sei, die sich auf Grund der Thora konstituiert hat, von der Thora geschaffen und bis auf den heutigen Tag erhalten *) Noch im Jahr 1871 schrieb Professor Ludwig Geiger, Geschichte der Juden in Berlin I S. 192, über Holdheim: „Ihm ging der historische Sinn ab, das zeigte sich im Leben und in den Wissenschaften." Den Bruch mit der Vergangenheit zeigt aber im Reformjudentum keine Thatsache in dem Maß, wie die Ersetzung der Sabbatfeier durch den Sonntagsgottesdienst. worden ist. Der Sabbat, das Speffegefttz und die Beschneidung sind im Judentum von Anfang d. h. von Esra an religiöse Einrichtungen und in keinem anderen Sinn national, als die Feste. War also eine solch grundsätzliche Loslösung der heiligen Schrift von der Tradition nicht gerechtfertigt, so ist die Bezeichnung „Resormjudentum" auch aus einem anderen Grund nicht zutreffend. Wie wir schon erwähnt haben, revidierten die Begründer der Reformation ihr Bekenntnis und das kirchliche Leben auf Grund der Heiligen Schrift und des Neuen Testaments, die jüdischen Philosophen des Mittelalters revidierten den Inhalt ihres religiösen Bewußtseins auf Grund ihrer Vernunfterkenntnis. Darum dachte mancher von ihnen in religiösen Fragen freier als die Scholastiker und Reformatoren. Die ganze Sorge des Reformjudentums richtete sich daraus, das religiöse Leben zu erleichtern, bequem zu machen und aus die Formen des kirchlichen Lebens zu reduzieren. Mit einer neuen Idee hat das Resormjudentum das jüdische religiöse Bewußtsein nicht bereichert. Dagegen zeichnet es sich aus durch die Verkennung des ganzen Entwrckelungsganges, den das Judentum durchgemacht hat, durch die Preisgebung wertvoller Errungenschaften der mittelalterlichen jüdischen Aufklärung, durch das Aufgeben wichtiger Ideen des Judentums. Der Gottesbegriff Holdheims*) ist nach der Lehre des Maimonides ein einziger Anthropomorphismus, er zählt die Eigenschaften Gottes mit einer Selbstverständlichkeit auf, als würden die jüdischen Philosophen von Saadja bis Jsak Abravanel nie existiert haben. Von der Auserwählung Israels sagt Holdheim: „Die Genossenschaft gesteht, aus einem solchen Gefühle elnes Stammesbündmsses mit Gott sich herausgelebt zu haben." Er hat also noch kein Verständnis dafür gehabt, daß die Auserwählung Israels eine geschichtliche Thatsache, eine durch eine jede Generation zu verwirklichende Idee und der Ausdruck des geschichtlichen Berufs unserer Gemeinschaft sei. Wenn sich in Holdheims „Reltgionsprinzipien des reformierten Judentums" so wenig Verständnis für die religiösen Ideen des Judentums zeigt, so werden wir es natürlich finden, daß dies in Betreff unserer Institutionen in noch höherem Maß der Fall ist. Für ihn und das Resormjudentum erschöpft sich das religiöse Leben im Kultus, der im Gotteshaus statlfindet. Die Feste werden aus das biblische Maß reduziert, und in konsequenter Weise wird das Wochenseft als Offenbarungssest betrachtet. Die Unmöglichkeit, auf die Bibel zurückzugehen, zeigt sich schon in der Bedeutung der Feste. Das Wochenseft ist nämlich durch unsere Gesetzeslehrer zum Offenbarungssest geworden, sie lehrten uns das Neujahrsfest als das erhabene Fest des *) Die Religionsprinzipien des reformierten Judentums 1876 S. 16. Wenn auch die gegenwärtigen Vertreter des Neformjudentums nicht in allen Punkten den Ansichten Holdheims huldigen, so beruhen doch die Einrichtungen der Gemeinde auch heute auf jenen Prinzipien. /

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