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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · p. Seite 718

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
Seite 718 (sequence 14)
Language
German
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u Seite 718. Israelitische Wochenschrift. Nr. 45. \ „Ei, ei, ei! Was die Pans nicht alles machen können! Ein wahres Wunder." „Was da, die Pans? Die Leibeigenen sind es, die alles machen", bemerkte der Rabbi trocken. „Und haben unsere Vorfahren in Egyptens Sklavenjoch nicht ganze Städte mit ihren Händen gebaut?" Mit diesen Worten nickte der Rabbi seiner Umgebung grüßend zu und ging nach seiner Hütte. „Wohin, Rabbi?" versuchten einige ihn zurückzuhalten. „Nach Haus, meine Brüder; dort erwartet mich wohl schon mein Enkelkind mit größter Ungeduld. Gott mit euch!" „Wie er seine Enkelin liebt!" „Gewiß. Wie sollte er auch anders. Ist sie ihm doch allein übrig geblieben." Dem Mädchen, von dem hier die Rede war, ward das Warten auf den Großpapa zu lange, es lies darum diesem entgegen. „Großväterchen, goldnes Großväterchen, sei mir nicht böse! Mir wurde die Zeit zu lang und ich lies dir entgegen. Sollte ich es nicht thun?" „Wildsang! Nicht gelangweilt Haft du dich, sondern neugierig warst du, nicht wahr, Etja?" „O, die Neuigkeit kenn ich schon, Großoäterchen; ich habe sie schon ohne dich erfahren." „Was denn?" „Daß die Pans einen Wald gemacht haben." „Woher hast du es erfahren?" „Großmütterchen sagte es mir. Aber jetzt will ich dir etwas neues erzählen." „Ich bin gespannt." „Heut ist bei unserem Pan ein großes Fest; viele Gäste sind schon angekommen, Herren und Damen und Kinder, und wie man sagt, alle in Silber und Gold. Und Musik wird gemacht werden . -. Wirst du mich hinführen, Großväterchen? Ach ja, führe mich doch an das herrschaftliche Schloß; ich werde da durch ein Spältchen gucken und die Musik hören. Ich liebe ja so sehr Musik! Wirst du mich hinführen, Großväterchen?" „Nu, nu, schon gut, ich werde dich hinführen!"- Ein Jude trat an den Rabbiner heran und unterhielt sich mit ihm lebhaft. Esther trat an die Seite. Einen großen Stein in der Nähe bemerkend, sprang sie aus ihn mit der Gewandtheit einer Gemse, legte die Hand aus den Nacken, warf das Köpfchen graziös zurück, musterte aufmerksam den ganzen Platz und ließ ihren Blick schweifen über Passanten und allerhand Haustiere, die phlegmatisch und ziellos den Platz maßen von einem Ende zum andern. In dieser malerischen Stellung verharrte sie einige Zeit. Die Sonne beleuchtete so vorteilhaft diese reizende Erscheinung, daß alle Vorübergehenden unwillkürlich innehielten, um dieses bezaubernde Bild anzuftaunen. Nach ihrem jugendlichen Gesichtchen zu urteilen, mochte Esther zehn Jahre alt sein, obwohl sie durch Wuchs und Formen bedeutend älter aussah. Und während sonst Mädchen in diesem Entwicklungsstadium das wenig verlockende Bild eines blaßgrünen Würmchens, das sich zu einem Schmetterling zu entwickeln beginnt, darbieten, war Esther oder Etja schön wie eine üppig aufblühende Rose Jerichos. Die Züge des brünetten ovalen Gesichtchens waren vollendet, als sei dieses aus dem Meißel eines klassischen Künstlers hervorgegangen. Einige Minuten irrte der Blick des Mädchens auf dem verödeten Marktplatz umher; dort nichts Interessantes bemerkend, erhob es den Blick gen Himmel. Da, auf dem reinen, wolkenlosen, blau-rötlichen Firmament schwang sich ein Geier, bald mit gewaltigem Flügelschlag die Luft durchschneidend, bald einhergleitend, graziöse Schwenkungen machend und weite Kreise in der Luft zeichnend. Mit jedem Kreis wuchs der Segler immer mehr, und je mehr er wuchs, desto enger, kleiner wurden die von ihm gezeichneten Kreise. Das Kinn des Mädchens erzitterte, die Oberlippe bebte und bewegte sich, in den schwarzen Augen spiegelte sich der Gedanke wieder: „Wozu läßt der schöne Vogel sich hier nieder?" Das Mädchen ließ seine Blicke nach allen Seiten schweifen und — erblaßte. Wenige Schritte vom Stein entfernt, gackerte eine Bruthenne, ausgestreutes Gekörne gierig sammelnd. In ihre Beschäftigung vertieft, schien sie sogar ihre armen Ktndlein vergessen zu haben, und die winzigen, kaum flügge gewordenen Küchlein zerstreuten sich nach allen Seiten, sprangen sorglos umher oder wühlten mit ihren winzigen Schnäbelchen in einem Haufen Kehricht. Das Mädchen durchschaute sofort die Absicht des fliegenden Räubers, die thörichte Sorglosigkeit der Henne und die gefahrvolle Lage der hilflosen Küchlein. „Närrin! . . . Arme Tierchen! . . . Feiger Mörder!" rief das Mädchen laut, vom Stein springend und zu dem Großvater eilend. Hier riß Esther dem Greis den Stock aus der Hand und eilte zum Schutz der Küchlein. Allein die thörichte Henne begriff die gute Absicht ihrer Retterin nicht und ergriff, noch lauter als früher gackernd, die Flucht. Zwitschernd, mit den kurzen Flügelchen schlagend, eilten ihr die Küchlein nach. Der Geier war schon in der Nähe — noch zwei, drei Kreise und er stürzt sich aus sein Opfer . . . Allein, das Mädchen schwang den Stock sausend durch die Lust, hüpfte und schrie aus Leibeskräften. Der Räuber wurde ängstlich. Einige Sekunden unentschlossen in der Lust schwebend, schoß er plötzlich wie eine Rakete in die Höhe; noch einige Sekunden, und er war in den Lüsten verschwunden. Das Mädchen jubelte und klatschte in die Hände vor Freude, und trieb die Henne nebst den Küchlein aus einen benachbarten jüdischen Hof.- Während das Mädchen dieses Rettungswerk vollzog, trat aus der Hütte des Rabbiners eine bejahrte kleine Frau mit gutmütigem, von Schönheit noch zeugendem Gesicht. Das echauffierte Mädchen bemerkend, rief sie weich: „Aber ich bitte dich, Benjamin! Unser Estherchen klagte den ganzen Tag über Kopfschmerzen und nun läßt du sie hier in der Hitze!" „Sei unbesorgt, Rahel, danke Gott, daß er uns mit so einem Kind begnadet," und der Rabbi erzählte seiner Gattin lächelnd das Vorgefallene. „Gute Seele!" sagte Rahel gerührt. „Geh, Reb Chaim, mein Bruder, voraus", sagte der Rabbi zu seinem Besuch. „Ich werde euch gleich folgen." Mit diesen Worten begab sich die kleine Familie des Rabbiners in die Hütte.

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