Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- Seite 717 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 45. Israelitische Wochenschrift. Seite 717. Es war dies ein Mann von etwa sünfundfünfzig Jahren, von stattlichem Wuchs, der aber durch den gebogenen Rücken nicht ganz zur Geltung kam. S ein gebräuntes durchfurchtes Gesicht war krankhaft blaß; ein dichter, breiter grauer Bart bedeckte sein Kinn und seine Wangen; seine großen schwarzen Augen blickten gutmütig und ehrlich, aber trüb und nachdenklich; aus seinem sympathischen Gesicht, besonders aber um seine Lippen lag der Ausdruck heimlichen tiefen Grams. Sein wollenes Gewand war ein national-geistliches und sehr sauber. „Friede mit euch, meine Kinder", — grüßte er einen Haufen Juden, zu ihnen tretend. „Guten Morgen, Rabbi", antworteten diese, ihm ehrfurchtsvoll Platz machend. „Was geht denn hier vor?" „Habt Jhrs noch nicht gehört?" „Keine Silbe." „So wendet Euer Haupt, Rabbi, gen Misrach (Osten) und sehet . . . dort . . . dorthin . . . Seht Jhrs?" „Ach, meine Augen sind schon schlecht; ich sehe nichts", sagte der Rabbi traurig lächelnd. „Aber seht doch recht hin ... Seht Jhrs? Am äußersten Ende des Himmels . . . da . . . ein schwarzer Streifen! Dieser war noch gestern nicht zu sehen, Rabbi." „Und was soll das bedeuten?" „Hm . . . man sagt — ein Wald!." „Ein Wald? Was für ein Wald? Ich kenne hier die Umgegend; da sind Haiden und Ebenen, alles aber so glatt wie ein Handteller." „Ja, auch wir kennen die Umgegend sehr gut. Es wird aber behauptet, die Pans hätten über Nacht einen Wald .. . gemacht." „Meine Kinder, was redet ihr da für ungereimtes Zeug!" Doch Niemand hörte den Einwand. Auf der breiten Straße, die den Marktplatz durchkreuzte, sah man einen Reiter in schwerem, ungleichmäßigen Trab ankommen. „Henoch, Henoch!" johlte die Menge und stürzte dem Reiter entgegen. Nach wenigen Minuten kam dieser aus seinem magern ungesattelten Gaul an und war im Nu von einer dichtgedrängten Menge umzingelt, die ihn mit Fragen überhäufte. „Wahr und wahrhaftig — ein Wald!" krähte der Reiter, während er sich mit der Hand den Schweiß vom Gesicht wischte. „Erzähle mir doch ausführlich, Henoch," bat der Rabbi freundlich. „Steige ab und erzähle." „Nu, die Sache ist nämlich die, Rabbi," begann Henoch seine zusammenhanglose Rede, nachdem er vom Pferde gestiegen. „Die Sache ist nämlich die . . . Alle schreien: ein Wald, ein Wald! und ich sage, die Menschen sind verrückt. Wieso ein Wald? Wo ist ein Wald? Nu, denk ich, laß doch mal nachschauen; ich setz mich auf meinen Alten, schnalze . . . und los geht es, direkt dorthin . . ." „Nu?" trieben die ungeduldigen Zuhörer ihn an. „Nu — ich komme dort an, ich sehe hin . . . und was seh ich? — einen wirklichen Wald. Und was für einen, als stände er schon ein Jahrhundert da! Ich denke, der Narr beißt mich . . ." „Ich bitte dich, Henoch, erzähle vernünftig," ermahnte ihn der Rabbi. „Die Sache ist nämlich die, Rabbi. Ich reite hin, kuck mich um, und was seh ich? . . . einen wirklichen Wald — so groß und lang und dicht und finster, daß es mich selbst beim Erzählen überläuft. Gott, denk ich, was ist denn das? Wie ist da in einer Nacht ein Wald gewachsen? Näher hinzutreten, wagte ich doch nicht recht — es ist aber auch zu ängstlich, denn, denk ich, am Ende ist das ein Teufelsspuk. Wär es bei Nacht, bei Gott, ich wär vor Schreck gestorben. Und während ich so dastehe und darüber nachdenke ... da packt mich Jemand von hinten an ein Bein . . . Ich schreie entsetzt auf, kuck mich um . . . und wer, meint Ihr, stand hinter mir? Der Haiduke Omeko, und lacht . . . und lacht und hält sich in die Seiten und lacht. Der Narr glaubte nämlich mich erschreckt zu haben, mich . . .!" „Aber Henoch, du bist ja schon wieder aus Abwege geraten!" bemerkte der Rabbi lächelnd. „Nu, dieser Haiduke erzählte mir alles. Er erzählte, wie unser erlauchter Pan Stephan bei einem Bankett zu den andern Pans gesagt hat: „Ueber alles, hat er gesagt, lieb ich mein herrliches Zwantz; einer Sache wegen aber nicht — in der Nähe meines Schlosses ist kein Wald, wo man eine Jagd veranstalten könnte". Nach dem Bankett hatten die Pans eine Unterredung. „Meine Herren", sagte der eine, laßt uns dem Pan ein Schlach-Mones (Geschenk) zu seinem Namenstage machen!" Und wie haben sie es gemacht, meint Ihr? Nu, jeder der Pans ließ.aus seinem Walde die ältesten und größten Bäume mit den Wurzeln ausgraben, und gestern Abend ließ jeder seine Bäume auf Fuhren laden und dort auf die Wiese bringen. Mit den Fuhren kamen auch Bauern mit Spaten und Schaufeln und Acxten und Hämmern. Es mochten ihrer wohl so einige Tausend gewesen sein. Und in der Nacht, beim Licht von Laternen, gruben sie tiefe Löcher, setzten die Bäume hinein, stampften den Boden ein und belegten ihn mit grünem Moos. Nu, und gegen Morgen — da war der Wald fertig. He, was meint Ihr wohl?" „Pschsch! ... das heißt ein Kunststück!" bemerkten die Zuhörer bewundernd. „Hört noch weiter; ich bin noch lange nicht fertig, ihr werdet noch mehr staunen ..." „Was, noch mehr?!" „Freilich. Die Pans haben nicht allein einen Wald gemacht, sondern sie machten auch Hasen und Hirsche und Säue und Füchse und Bären und . . ." „Ei, Henoch, da lügst du schon!" „Ich soll gleich aus der Stelle hier liegen bleiben, wenn ich lüge. Der Haiduke hat mir's gesagt. Er sagt, daß seitdem sich die Pans entschlossen haben, unserem Pan einen Wald zu schenken, sie auch angefangen haben, allerhand Wild in Käfigen zu sammeln. Diese Tiere wurden nun auch hergebracht und heule Morgen in den Wald gelassen. Und jetzt bewachen Haiduken und Bauern den Wald, daß das Wild nicht davonläust Und morgen werden alle Pans, auch unser erlauchter Herr auf die Jagd gehen mit ihren Flinten und ihren Hunden — Jawohl."