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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-11-08 · 45 (8.11.1901) · p. Seite 719

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
45 (8.11.1901)
Date
1901-11-08
Page
Seite 719 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 45. Israelitische Wochenschrift. Seite 719. Zweites Kapitel. Drei Geier. Am äußersten Ende des Dorfes, wo mehrere Dorf- und Landstraßen sich kreuzen, mehrere baufällige Windmühlen, die bei der völligen Windstille ruhten, ein schmaler, schmutziger Fluß mit ausgesahrenen Ufern und der „neugeborene" Wald zu sehen waren, stand ein Haus, ein plumpes, langes, schiefes Gebäude. Wäre nicht aus einem der zahlreichen Schornsteine qualmender Rauch gedrungen, wären nicht vor dem Thor riesige Heureuter aufgestapelt, bewegten sich nicht vor der Thür lebende Geschöpfe — man würde die riesige unharmonische Ziegelmasse eher für einen verödeten Schafstall, als für eine menschliche Behausung gehalten haben. Wie ein Aussätziger wurde dieses Gebäude von den Uebrigen fern gehalten; es durfte weder mit den Wänden noch selbst durch einen Fußpfad mit ihnen in Berührung kommen. Der schmale Fußsteig von der Landstraße nach dem Gebäude schien auf einem furchtbaren vulkanischen Boden zu liegen: — in weitem Umkreis kein einziges Bäumchen, kein Grashalm, nicht einmal ein Büschel Unkrauts. Aber hier wohnten Menschen — der „Rendar" mit seiner zahlreichen Familie. Hier hielten Fuhrleute mit ihren langen polnischen Buden (Planwagen); hier konnte man ganze Nächte hindurch wehmütige Lieder hören von den tierisch betrunkenen Leibeigenen, die ihr Letztes für übelriechenden Fusel Hingaben, um darin ihr Leid zu ertränken; hier prügelte man sich bis zur Verstümmelung, tanzte man bis zur Raserei, schrie und johlte man bis zur Heiserkeit, liebkoste man sich bis zum Cynismus; hier lebten, litten und schwelgten Menschen — aber Menschen einer anderen Welt, einer obdach-, Heimat- und rechtlosen Welt; hier wurde das letzte Hemd des blinden Bettlers als Unterpfand angenommen; hier teilten oft die Helden , der Nacht ihre Beute; hier war Himmel, hier war Hölle — kurz: hier war eine Schenke! Seit undenklichen Zeiten stand hier eine Scheyke. Sie wurde von dem Ahnherrn des gegenwärtigen Besitzers zu einer Zeit erbaut, als noch keine einzige Hütte zu sehen war aus dieser wilden, jungfräulichen Steppe, wo im Laus der Zeit ein ganzes Dorf mit einem edelherrlichen Palais erstand. Viele Schenker oder „Rendars" haben hier schon gelebt; die einen bereicherten sich und zogen in mehr bewohnte und weniger gefährliche Ortschaften, andere aber trugen hier ihre Haut zu Markt, indem sie entweder von umherziehenden Banden entlaufener Leibeigener umgebracht, oder aber von dem Pan und dessen grausamen Domestiken zu Tode geprügelt wurden. In den letzten vier Jahren lebte hier der Schenker Zodek mit seiner Familie. Anfänglich gingen seine Geschäfte nicht übel; er ernährte seine Familie und legte sogar manchen Gulden zurück — für einen Unglückstag. Für die Arrende zahlte er dreihundert Gulden jährlich. Allein vor etwa zwei Jahren trat in die herrschaftliche Administration ein Schlachtziz Namens Jan Woickowski, ein gistiger Judenfresser und habgieriger Despot. Mit jedem Halbjahr erhöhte er die Pacht, und im letzten Halbjahr zahlte Zodek schon tausend Gulden. Aber das war noch nichts; Pan Woickowski hatte außer der Pacht zu Gunsten des Besitzers noch für sich solche Summen dem Schenker erpreßt, daß der arme Zodek nicht nur in bittere Armut, sondern auch in drückende Schulden geraten war. Trotz aller Anstrengung vermochte der Schenker nicht die Geschenke alle zu geben, die er dem Pan Woickowski für das letzte Halbjahr versprochen hatte, so daß Pan Woickowski beschlossen hatte, den „Gauner" Zodek aus der Arrende zu jagen. Nachdem ein pachtlustiger Jude, der dem Pan Woickowski goldene Berge versprach, gefunden war, suchte dieser nach einem Vorwand, um den Schenker davonzujagen. Zodek aber kam dem schriftlichen Vertrag pünktlich nach; man konnte ihm darum nichts anhaben. Da ersann Pan Woickowski ein schlaues Stückchen. Nach dem Vertrag war nämlich Zodek verpflichtet, den Pachtzins an jedem Ersten bis zum Lichtzünden, d. h. bis zum Abend pränumerando zu entrichten. Am Vorabend des letzten Zahltags nun, lange vor -Sonnenuntergang, trug Zodek seine neuen silbernep Guldenstücke in einem Taschentuch zum Pan Woickowski. Das Vorzimmer des Pan betretend, sah der Schenker zu seinem Erstaunen, daß dort schon so zeitig Licht angezündet war. Er wurde dem Pan Woickowski gemeldet. Dieser erschien mit einer Reitpeitsche in der Hand. (Fortsetzung folgt.) Brief- und Lragekasten. Herrn Dr. A. in Eh. Dank für die Mitteilung, die sich aber hier nicht zur Veröffentlichung eignet. — Herrn Dr. F. in B. Besten Dank für den Hinweis. — Herrn Dr. R. in I. Der Brief an Herrn Dr. C. ist besorgt. Der „Inhaber" war wieder hier und ist verduftet. — Zionist in B. Wird in geeigneter Weise geschehen. — Herrn K. in K. Ist gern geschehen. — Herrn Dr. A. in Ch. Zehn Exemplare von Nr. 44 sind in voriger Woche, zehn von Nr. 45 heute an Sie abgegangen. Gruß. — Herrn H. A. in B. Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie für einen Reklame-Artikel kein Honorar beanspruchen. Die Ausnahme war um der guten Sache willen schon in der vorigen Nummer erfolgt. Gekonnte Koffccs ln Preislagen von IM. 1,30, 1,40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per y2 Ko Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner,, für den Inseratenteil: Max Schaffer in Berlin. J. Dobschiner, CigatttlenfatmlMt. Importeur echt rrrff. «nd türk. Tabake j Berlin N.W., Karlstr. 42. Telephon: Am«,,

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