Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- Seite 716 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 716 Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. werden mußte. In dieser Synagoge war jeder Gilde eine bestimmte Ecke angewiesen. Die Gold- und Silberarbeiter saßen beisammen, ebenso die Nagelschmiede und Nadler, die Weber waren an einer anderen Stelle untergebracht. Die Absicht der hiesigen Tabakarbeiter, eine eigene Synagoge zu gründen, ist ein Beweis für ihre Friedensliebe und ihre Einigkeit. Die Synagoge wird kein Nährboden für Strikes und für Streitigkeiten sein, sie wird aber die Ausdehnung der Sabbatbeobachtung unter ihren Mitgliedern befördern. t. Petersburg, 3. November. (Versolgungs maßnah men.) Der Gouverneur von Orenburg hat an die Polizeiverwaltung der Stadt Orenburg ein Schreiben gerichtet, in dem er ihr den Vorwurf der Pflichtvernachlässigung machte, ihr Durchstechereien nachsagte und namentlich ihren Eifer den Juden gegenüber bemängelte. Zwar bestehe die Ausgabe der Polizei keineswegs darin, die Juden zu bedrücken und zu verfolgen, allein es könne auch nicht geduldet werden, daß aus Sorglosigkeit, Trägheit und Gewinnsucht der polizeilichen Organe das Gesetz von den Juden umgangen werde. Der Herr Gouverneur meinte nämlich, daß viele Juden sich als Handwerker angemeldet hätten, um die Aufenthaltserlaubnis zu erwirken, während sie ein Handwerk nicht ausübten, auch gar nicht Handwerker seien. Offenbar hatte er die Ansicht, daß es nicht zu dulden sei, ein barbarisches Gesetz mit Milde zu Gunsten der Juden zu handhaben, daß es aber keineswegs verwerflich scheine, das Gesetz mit besonderer Härte und unter Rechtsbeugungen zum Schaden der Juden auszuführen. Er ernannte deshalb eine aus nichtjüdischen Handwerkern bestehende Kommission, die untersuchen und begutachten sollte, ob die als Handwerker gemeldeten Juden wirklich Handwerker seien und demgemäß in Orenburg wohnen dürsten. Das war für die Vertrauensmänner des Gouverneurs eine günstige Gelegenheit, sich der unbequemen Konkurrenten zu entledigen, auch den Begriff Handwerk, früheren Senatsentscheidungen entgegen, so eng zu ziehen, daß Maschinenführer, Dentisten u. s. w. nicht darunterfielen. Die Folge waren zahlreiche Ausweisungen. Der Senat ist dagegen angerufen worden, einstweilen aber müssen die Ausgewiesencn fort, da die Berufung keine ausschiebende Wirkung hat. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Herr S H. Wilner in Manchester ist im Alter von 69 Jahren gestorben. Er ist ein Nachkomme des berühmten Wilnaer Gaon und selbst ein bedeutender Talmudgelehrter gewesen. Von Beruf Kaufmann, schrieb der Verstorbene ein sehr elegantes Hebräisch und hat verschiedene hebräische Dichtungen ins englische übersetzt. — Der Verband der französischen Zionistenvereine hat in der vergangenen Woche in Paris eine Delegiertenversammlung abgehalten. Vakanzen. Marköbel. Rel.-L., K., Sch., 600 M. Geh., 400 M. Schächtgeb. Meld. an Dr. Bamberger in Hanau. — Liegnitz. Sch. und Scham., 1300 M. Geh. und hohes Nebeneink. Meld. an Cohn. — Malchow i. M. Lehrer, K., Sch., 800 M. Geh., fr. W., 150 M. Schächtgeb. Meld. an Isidor Jacobson. — Stralkowo. R.-L., K., 1000 M. Geh. Meld. an I. M. Rosenfeld. — Kosten i. Posen. L., K., Balk., Sch., 1200 M. Geh., fr. W. Meld. an Vorstand. — Ulm. R.-L. und K., 2400 M. Anfangsgeh. Meld. an Dr. Fried. — Ettlingen bei Karlsruhe. Rel.-L., K., Sch., 900 M. Geh., fr. W., 300-400 M. Nebeneink. Meld. an Dr. Mayer in Bühl (Baden). — Sandersleben. Sem. geb. (verh.) Kultusb., 1200 M. Geh., fr. W. Meld. an Landesrabb. Dr. Walter in Dessau. — Hungen, Oberhessen. Rel.-L., K., Sch., 1000 M. Geh., fr. W., 200 M. Schächtgeb. Meld. an Heinemann Stern. — Neustadt b. Pinne. K., Balk., Sch., 1000 M. Geh., fr. W., 600-800 M. Nebeneink. Meld. an Max Wolfsohn. — Ermelzhofen, Unterfranken. Rel.-L., K., Sch., 700 M. Geh., 600 M. Nebeneink. Meld. an Gabriel Stark. - Chaux-de-fonds (Schweiz). Sch.,(orth.), 1600Frcs. Geh. Meld. an Dreyfuß und Blum in Bern. — Göllheim. Lehrer, K., Sch., ca. 1000 M. Geh. Meld. an L. Friedmann. — Dornheim, Hessen. Rel.-L., K., Sch., 700 M. Geh., fr. W., Heiz. Bel., 400 M. Nebeneink. Meld. an Moritz Pappenheimer. — Woischnik, O.-S. K. und Sch., 760 M. Geh., 250 M. Nebeneink., fr. W. Meld. an L. Riesenfeld. Feuilleton. Spinnen nnd Fliegen. Kulturhistorische Erzählung von Gregorij Bogrow. Nachdruck verboten. „Wächter, wie stehts um die Nacht?" — Es kommet der Tag und wiederum Nacht! — Fraget nur immerhin! Ihr kommet doch Oester noch wieder. . ." Erstes Kapitel. Ein ungewöhnliches Geschenk. An einem heißen Sommertag des Jahres 1623 herrschte in dem gutsherrlichen Dorfe Zwantz, das zu den zahllosen Stammgütern des Magnaten Stephan Potocki gehörte, schon am frühen Morgen reges Leben und Treiben. Gaffer und Postenträger beiderlei Geschlechts rannten von Gasse zu Gasse, von Hütte zu Hütte, riefen ihre Nachbarn und Bekannten herbei und teilten ihnen etwas sehr geheimnisvoll mit, beteuerten und schwuren, gestikulierten mit den Händen und schüttelten mit den Köpfen, zeigten nach dem Osten auf einen am Horizont sich abspiegelnden dunklen Punkt. Die Zuhörer nahmen die Mitteilung mit ungläubigem Lächeln entgegen, wandten aber trotzdem den Kopf nach der von den Poftenträgern angedeuteten Richtung und betrachteten, das Auge vor den Strahlen der stechenden Sonne mit der flachen Hand schützend, den am Horizont sich abspiegelnden dunklen Punkt. Am meisten liefen und rannten die beweglichen Kinder Israels. Und die Juden bildeten den größten Teil der Bevölkerung des gutsherrlichen Dorfes Zwantz. Der Marktplatz — das Centrum der jüdischen Einwohnerschaft und die Arena ihrer Thätigkeit — wimmelte von Juden und deren zahlreicher Nachkommenschaft. Gegen Mittag war der Platz von einer dichtgedrängten Menge bedeckt und alle schnatterten durcheinander. Aus einer kleinen, sehr sauberen Hütte, hart an der baufälligen hölzernen Synagoge, trat ein älterer Jude und richtete eilfertig seine Schritte nach dem Marktplatz, wo die Menge sich immer mehr staute.