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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-10-25 · 43 (25.10.1901) · p. Seite 687

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
43 (25.10.1901)
Date
1901-10-25
Page
Seite 687 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 43. Israelitische Wochenschrift. Seite 687. „Steh auf, mein Kind!" sagte er mit so milder Stimme, wie man sie noch nie von ihm gehört hatte. „Verlange von mir, was du willst, alles will ich dir bewilligen. Sidonie. nur nicht, daß ich meinen Plan aufgeben soll. In längstens vier Wochen mußt du verheiratet sein! Ich will später, wenn du ruhiger geworden bist, dir die Gründe Mitteilen. Das Eine sage ich dir jetzt: es hängt davon die Ehre und das Glück der Familie ab." 8. Vater und Sohn. Der Bankier war allein im Gemach zurückgeblieben. „Es kann nicht sein, ich darf nicht Vater sein, wie ich es wohl möchte", sagte er zu sich. „Ich selbst hatte schon einigemale den Gedanken gefaßt, Abraham und Sidonie mit einander zu verheiraten, um dadurch eine Brücke zu dem Herzen meines Bruders zu bauen. Doch darf es nicht sein. In vier Wochen muß ich Geld bekommen — viel Geld, um diese Wechsel einzulösen, die meine Unterschrift tragen und doch nicht von mir sind. Ich habe die Unterschrift erkannt, und dennoch zweifle ich noch immer, daß mein Sohn so tief gefallen ist. Und wenn auch Sidonie Recht hätte? und sie hat — dann —^dann —" Die Thür wurde geräuschvoll geöffnet. Alphons trat ein und warf eine Reitpeitsche nachlässig aus den Tisch. „Was willst du hier?" „Ich brauche Geld, Vater, viel Geld!" „Viel Geld, und deshalb kommst du zu deinem Vater?" „Natürlich, zu wem sonst!" „Zu welchem Zweck brauchst du Geld?" „Ich habe gespielt und verloren." „So, du hast gespielt und verloren, und das sagst du mir, der ich dir streng untersagt habe, jemals' ein Spielhaus zu besuchen und dort zu spielen." „Ich glaube, Vater, du wirst alt und dadurch etwas schwach im Kops, denn sonst könntest du dir es an den Fingern abzählen, daß ich nicht mehr im Alter der Schuljungen stehe, denn nur diesen gegenüber ist der Ton imponierend, den du gegen mich anschlägst. Oder bist du es nicht etwa gewesen, der mich zum Kavalier erzogen? bist du es nicht gewesen, der mich mit dem Gedanken vertraut gemacht hat, einmal der Herr über ein großes Vermögen zu werden — wenn du —" „Wenn ich tot bin, nicht wahr, das wolltest du sagen?" „Nun ja, du weißt ja doch, daß die Menschen nicht ewig leben können." „Dies Vermögen, das du nach meinem Tod zu erben gedenkst, existiert nicht mehr, ich bin zu Grunde gerichtet." „Dann hast du mich betrogen, Vater!" rief Alphons zornig, „dann steht es dir schlecht, an, noch weiter den Bankier zu spielen; im Gegenteil, du mußt zusammenraffen, was du noch in der Kassa vorfindest, was du noch schnell realisieren kannst, und mußt das Weite suchen, an irgend einem anderen Ort, wo man dich nicht kennt, neu zu arbeiten beginnen. Bist ja noch kräftig genug, versuche cs wieder von vorn, es muß dir gelingen, damit ich nicht etwa statt Geld nur Schulden erbe." „Und wenn ich deinem Rat folgen würde, was würde dann aus dir, womit würdest denn du deinen Lebensunterhalt verdienen?" „Ich? komische Frage, ich würde durchaus nichts neues ansangen, sondern so sortleben, wie bisher. Zum Geld verdienen wirst ja doch du allein ausreichen." Das Gesicht des Bankiers war dunkelrot geworden, mit einer raschen Bewegung ergriff er die Reitpeitsche, die sein Sohn aus den Tisch geworfen hatte; ein Hieb, und blutig durchzog eine Schramme das Gesicht des ungeratenen Sohnes. Alphons stieß einen Schmerzensschrei aus und wollte sich rücksichtslos auf seinen Vater stürzen, doch dieser hatte abermals die Peitsche zum Schlag erhoben. „Dieb!" donnerte ihm der Bankier entgegen, „nicht weiter. Hinaus aus diesem Gemach und nimmer betritt mehr das Haus deiner Eltern. Ich sage mich los von dir, du ehrloses Ungeheuer. Also auch mich willst du zum Dieb machen, sowie du es bereits geworden bist. Nieder aus deine Knie und gestehe —. Doch nein, es bedarf nicht erst deines Geständnisses, die Beweise sind ja vorhanden." „Dieser Ring hier", und der Bankier zog einen Goldreifen mit grünem Stein aus der Tasche, „dieser Ring gehört dir, ich hatte selbst dir ihn gegeben, ich habe ihn in jener Unglücksnacht im Kassazimmer gesunden. Diese Wechsel hier," und abermals griff der Bankier in die Tasche und zog einige Papiere hervor, „sind mit meiner Unterschrift versehen, die du nachgeahmt. Deinetwegen wurde ein Unglücklicher gebrandmarkt, deinetwegen muß deine arme Schwester ihr Lebensglück opfern, damit ich imstand bin, das Defizit zu decken, das durch deine Schandthat entstanden ist. Fort jetzt!" Und mit gebietender Handbewegung zeigte der Bankier nach der Thür. „Und diese Schramme in meinem Gesicht, sie soll dir teuer zu stehen kommen," schrie Alphons wütend und verließ das Gemach. „Was soll ich jetzt, was soll ich?" jammerte der Bankier schluchzend und verbarg sein Antlitz in beide Hände. 9. Frei! Auch im Haus des Rebb Jonathan Beer gab es trübe, traurige Tage. Teilnahmslos saß der Hausvater in seinem Sorgenstuhl und schaute zur Decke empor, ohne mit den Anwesenden zu sprechen. Aengftlich blickte seine Frau zeitweilig zu ihm hinüber oder begann ein gleichgiltiges Gespräch ohne jedoch jemals eine Erwiderung zu vernehmen. So war es auch eines Abends, drei Tage nach den Ereignissen, die sich, im Haus des Bankiers zugetragen hatten. Nur unvollkommen erleuchtete die räucherige Oellampe das kleine Gemach. Niemand bemerkte daher die Gestalt, die im Rahmen der Thür stand und zagend die Hände zur Bitte gefaltet die Wohnstube betrat. „Wer kommt zu uns?" fragte die Hausfrau und breitete schirmend ihre Hände über die Augen, um besser sehen zu können. „Wer isl's?" fragte sie. „Ich bins, Mutter!" gab die Gestalt mit zitternder Stimme zur Antwort.

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