Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- Seite 686 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
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- IRI
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Seite 686. Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. Feuilleton. Bankier und Handelsjude. Eine Erzählung aus dem Leben von Ad. v. Zemilnszky. (Fortsetzung.) „Mein Glück, mein Wohl! O! nein Vater, du weißt es, weißt es am besten, daß es nicht so ist. Ich bin deine Tochter, und deshalb habe ich auch durch die langen Jahre hindurch begriffen, habe einsehen gelernt, daß es sich hier nicht um mein Wohl, mein Glück handelt . . „Du vergissest, daß dein Vater es ist, mit dem du sprichst. Kein Wort mehr, es ist beschlossene Sache, und nichts darf daran geändert werden." „Eben weil du mein Vater bist, eben deshalb will ich offen zu dir sprechen. Diese Stunde, Vater, ist ernst, so ernst, daß sie entscheidend ist für mein, ja auch noch für Anderer Lebensglück. Willst du mich denn nicht erst fragen, ehe du solch einen Entschluß fassest, ob ich dem Mann gut sein kann, dem ich für ein ganzes Leben angehören soll, fragst du denn nicht erst, ob solch eine Ehe wirklich segenbringend sein kann, ob solch eine Ehe Gott gefällt? Ja, Vater, ich bin deine Tochter, und als solche habe ich die Pflicht, dir zu gehorchen, und ich gehorche, verfüge über mich, nicht weigern will ich mich. Und dennoch, dennoch wäre es so süß, so unendlich süß gewesen, wenn du zu mir gesprochen hättest, wie ein Vater mit seinem Kind sprechen soll, wenn du mich erst gefragt hättest, ob-" „Und was noch?" höhnte der Bankier, „was soll ich denn noch alles fragen?" „Ich weiß, Vater, es ist ungeziemend, ja eine Sünde gegen Gott, so mit den Eltern zu sprechen, doch der Allmächtige sieht in mein Herz, und weiß, wie sehr ich euch liebe, und darum muß ich es thun, muß ich reden, muß es heute, da wahrscheinlich keine andere Stunde hierzu paffender sein kann, in der ich all den Jammer meines Herzens auszuschütten vermag. Heute will ich vor dich hintreten und dich fragen: Warum befindet sich Abraham Beer, deines Bruders Sohn, noch immer im Gefängnis, warum befreist du ihn nicht, um ihn seinem Vater wieder zurückzugeben? Oder solltest du etwa noch immer an seine Schuld glauben? Warum reißt du mich von des armen Mannes Seite, wenn du mich mit ihm erblickst? Soll ich dir diese Frage beantworten, Vater? soll ich? Abraham Beer sitzt heute noch ohne Urteil im Gefängnis, weil er zu edel ist, um zu gestehen, daß ich ihn ins Spielhaus geschickt habe, um Alphons zu überwachen, weil er vielleicht ahnt, daß seine Freilassung Schande und Schmach über uns bringen würde. Jawohl, denn würde er frei — so müßte ein anderer den Diebstahl begangen haben, und dieser andere müßte seinen Platz im Gefängnis einnehmen, und dieser andere. . „Sprich nicht weiter, Sidonie! kein Wort mehr, oder bei Gott, ich vergesse, daß du mein Kind bist!" „O, ja wohl, vergessen! Hast du dies nicht schon längst gethan? Haft du denn nicht in dieser Minute, in der du über mein Lebensglück beschlössest, vergessen, daß ich dein Kind bin? Siehst du, Vater, niemand hat es mir gesagt, wer diesen Diebstahl begangen, und dennoch weiß ich es, ein unnennbares Etwas hat mir das Geheimnis zugeflüftert. Denkst du denn nicht, erinnerst du dich denn nicht, wie du vergebens Alphons an jenem Abend gesucht? ..." „Schweig! Er ist doch der Dieb! Meier selbst hat es gehört, als er von Gewissensbissen gequält mit sich sprach, sich anklagte. Er ist der Dieb und kein anderer." „So! Das sagst du, Vater! Das ist das Fundament, auf das du deine Anklage gebaut hast, diese Worte des heimtückischen lügnerischen Menschen, der Abraham so haßt, wie dich und uns alle. Und hat Meier auch gehört, daß Abraham Geld gestohlen hat?!" „Lächerlich, was sonst als Geld! nur Geld hat mir in der Kassa gefehlt." „Natürlich, du findest, Vater, daß man nichts anderes als Geld stehlen kann, du, der Geldmann, kann es aber denn doch nicht vielleicht etwas anderes gewesen sein? Kurz ehe er dies Haus verlassen, hatten wir miteinander gesprochen, und er nahm die Ueberzeugung mit sich, daß mein Herz ihm gehöre. Ist es nicht vielleicht möglich, daß Abraham in seiner dir nur zu bekannten Bescheidenheit sich Vorwürfe gemacht hat, daß er sein Auge zur Tochter seines Chefs erhoben habe, obwohl dieser sein Onkel ist. Schau nicht so finster aus mich nieder, ja, ich liebe ihn, ich gestehe es offen und frei, ohne zu zögern, ohne mich zu schämen, ich bin stolz aus ihn. Kommt das Unglück, das über unser Haus gekommen, etwa von ihm? etwa von mir? nein! es kommt von deinem Sohn. Frag ihn, wer das Geld gestohlen, und er wird dir frech ins Gesicht behaupten: Abraham; drohe ihm jedoch mit dem Gericht und er wird dir eingestehen, daß er und nur er der Dieb ist." „Er ist dein Bruder!" „O nein, nicht mehr! Seit jener Schandthat hat er sich jeden Anteils auf meine Liebe begeben, seit jenem Tag, an dem man einen Unglücklichen schuldlos ins Gefängnis führte." „Sidonie, du bist rasend, solche Behauptung auszustellen; wie willst du diese schwere unnatürliche Anklage beweisen? Ich wiederhole dir nochmals, Abraham hat mein Vertrauen mißbraucht!" „Meine Anklage sei unnatürlich? weshalb, Vater? Ist es etwa natürlich, wenn der Vater, um den schuldigen Sohn zu schonen, einen Unschuldigen zum Verbrecher stempeln will? Ist es etwa natürlich, das Herz eines Menschen zu brechen, das Glück einer Familie zu zerstören? Einen Menschen der Schande und Verzweiflung zu überantworten, ist das natürlich? und du thuft es, du thust es, Vater! Sieh, Vater! sieh mich auf den Knieen vor dir liegen. Dein Herz ist gut, groß, edel, trotzdem du glauben machst, daß eine Eisrinde es umzogen habe. Ein Wort von dir kann mich zur pflichttreuesten Tochter machen, und ein Wort von dir kann mein Lebensglück zertrümmern." Bittend schaute die Frau des Bankiers zu ihrem Gatten aus, flehend streckte Sidonie ihre Hände ihrem Vater entgegen. Der Bankier war weich geworden. — Eine Thräne perlte in seinen Augen und heftig bewegt umschlang er den Kopf seines Kindes und drückte einen Kuß aus ihre bleiche Stirn.