Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- Seite 684 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605533--8306-9605545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 684 Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. einigen Fachleuten im Orient zur Begutachtung vorgelegt, und das gesamte aus diese Weise geschaffene Material einer Kommission überwiesen werden, die aus den fachmännisch gebildeten Mitgliedern des Zentral-Komitees zusammengesetzt -wird. Diese gründliche Durchberatung wird, wie man hofft, Lehrpläne schaffen, die nicht nur für die im Augenblick in Aussicht genommenen Schulen ihre Bedeutung haben sollen, sondern auch zugleich für die Zukunft vorbildlich werden können. Ferner hat der Hilfsverein sich mit dem gegenwärtigen Stand der jüdischen Verhältnisse in Rumänien beschäftigt und Gelegenheit gehabt, sich an den Verhandlungen zwecks Durchführung der rumänischen Auswanderung zu beteiligen. An der demnächst in Breslau stattfindenden Konferenz zur Regelung der Durchreisendensrage wird sich der Htlfsverein beteiligen und ebenso sich mit der Lage der Juden in Galizien beschäftigen. Natürlich wird von der Unterstützung, die der Hilssverein bei den deutschen Juden in materieller Beziehung findet, viel abhängen; denn die Verwirklichung größerer Pläne kostet Geld und zum Teil viel Geld. Erfreulicher Weise ist nach dieser Richtung zu berichten, daß bereits in einer ziemlich großen Zahl von deutschen Groß- und Mittelgemeinden sich Komitees für den Hilfsverein gebildet haben. Berlin, 21. Oktober. (Bodenkulturverein.) Von dem Generalsekretär des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands, Herrn Dr. Ernst Tuch, erhalten wir folgende Zuschrift: „Am Sonntag voriger Woche fand eine Vorstands-Sitzung des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands statt, die von einschneidender Bedeutung für die sozialen Bestrebungen dieses Vereins sein wird. Es wurde beschlossen, von der bisher hauptsächlich betriebenen theoretischen und propagandistischen Thätigkeit zur Praxis überzugehen. Der Verein, der heute weit über 1000 Mitglieder zählt und über ganz Deutschland in mehr als 30 Ortsgruppen vertreten ist, hat sich die Sympathie weiter jüdischer Kreise erworben. Mit Ungeduld erwartete man die Inangriffnahme seines Projekts. Schon in seinem im Mai d. I. herausgegebenen Bericht hieß es, daß das Hauptaugenmerk daraus gerichtet werden müsse, ein für die Zwecke des Vereins passendes Gut zu erwerben, und es wurde schon dort die Hoffnung ausgesprochen, daß man im Laus des Sommers zum Ankauf würde schreiten können. Dank der rastlosen und unermüdlichen Arbeit der für die notwendigen Vorarbeiten eingesetzten Kommission ist es gelungen, ein angemessenes Objekt zu finden; besonders hervorzuheben ist hierbei die Thätigkeit der beiden Posener Mitglieder der Kommission, der Herren Rosenthal und Werner. Nach eingehender und umfassender Besichtigung und Prüfung durch verschiedene Fachleute, unter anderm durch den Herrn Oberamtmann Cohn, den Vorsitzenden des Vereins, und Herrn Rittergutsbesitzer Rohr aus Langguhle, wurde das Gut Neuhos bei Posen als in jeder Hinsicht zur Ausbildung der späteren Ansiedler vorzüglich geeignet und als preiswert erkannt. Aus die Darlegungen der Kommission hin wurde vom Vorstand beschlossen, Neuhof zu erwerben. Dieser Beschluß war möglich, da ein hochherziger Freund der Bestrebungen dem Verein 50 000 M. für diesen Zweck vorgestreckt hat. Eine interessante Debatte entspann sich über die Form, in der am zweckmäßigsten der Gutsankauf zu bewerkstelligen sei; nach gründlicher Durchberatung kam man zu dem Entschluß, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu begründen, die das Gut zu erwerben und im Sinne des Bodenkulturvereins zu bewirtschaften habe. Man wird sich demnächst an die größere Oeffentltchkeit wenden, um sie aufzufordern, sich an diesem Unternehmen durch Zeichnung von Anteilscheinen zu beteiligen. Nachdem in der Vorstandssitzung selbst bereits eine gewisse Anzahl übernommen worden ist, zweifelt man nicht, daß der Rest leicht wird untergebracht werden können. So wird denn binnen Kurzem der Bodenkulturverein an die Verwirklichung seiner Ideen herantreten. Es ist dies eine Thatsache von gar nicht hoch genug einzuschätzender Bedeutung. Sollte der Versuch gelingen — und es liegt nicht die geringste Veranlassung vor, das Gegenteil anzunehmen —, so ist damit der Grund gelegt zu einem Kulturwerk ersten Ranges. In allmählicher aber steter Entwicklung wird dann ein starker, gefestigter jüdischer Bauernstand in Deutschland emporblühen. Das Ziel ist groß und erstrebenswert. Möge es dem Verein gelingen, in diesem Mustergut ein leuchtendes Vorbild zu schaffen; er wird, deß können wir heute schon sicher sein, bei diesem Werk die gesamte deutsche Judenheit hinter sich haben. Diejenigen, die sich für diese eminent bedeutungsvolle Angelegenheit näher interessieren, verweisen wir an den Vorsitzenden des Vereins: Oberamtmann L. Cohn, Berlin, Nürnbergerstr. 46 (Tel. VI, 2586), sowie an den Generalsekretär Dr. Ernst Tuch, Charlottenburg, Knesebeckstr. 16 (Tel. Amt Charlottenburg Nr. 729), die jederzeit bereit sind, genauere Auskunft zu erteilen." Karlsruhe, 20. Oktober. (Israelitische Landessynode.) Die israelitische Landessynode hat in voriger Woche hier ihre Aufgaben erledigt. Geh. Oberregierungsrat Becherer eröffnete die Sitzung mit einer Ansprache, in der er namentlich die Forderung einer mäßigen Steuererhöhung motivierte. Die Synode wählte die Herren Dr. Hachenburg- Mannheim und Dr. Friedberg-Karlsruhe zu Präsidenten, Dr. Hammer-Konstanz und Wertheimer-Bühl zu Schriftführern. Die Mandate wurden als unbeanstandet sämtlich für giltig erklärt. Die israelitische Gemeinde Pforzheim wurde zu einem selbständigen Wahlbezirk gemacht. Mit Zustimmung des Oberrats wurde eine Resolution gegen die Mtßftände des Ortskirchensteuergesetzes angenommen. Ein Antrag, daß den Bezirksrabbinen ausgegeben werden solle, abwechselnd in den Landgemeinden Predigten zu halten, wurde dem Oberrat zur Berücksichtigung empfohlen. Die Verordnung über die kirchlichen Trauungen und Beerdigungen wurde gutgeheißen. Sie bestimmt, daß die kirchliche Trauung nur nach nachgewiesener standesamtlicher Trauung und nur durch einen Rabbiner zu bewirken sei, daß Beerdigungen nur in der behördlich angeordneten Frist stattfinden dürfen, daß die aus der Gemeinde durch Austrittserklärung ausgeschiedenen Juden aus den jüdischen Friedhof keinen Anspruch haben und bei ihrer Beerdigung badische Rabbiner nicht Mitwirken dürfen. Endlich wurde auch der Etatsvoranschlag für die Jahre 1902—1904 bewilligt. Er verlangt für die Oberratskasse 10 300 M., für