Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 43 (25.10.1901)
- Date
- 1901-10-25
- Page
- Seite 679 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 43. Israelitische Wochenschrift. Seite 679. Humoristen: Berthold Auerbach, Eduard Jacobson, David Kalisch, Hermann Salingre, Julius Rodenberg, Eduard Lasker, Ludwig Bamberger, Eduard Maria Oettinger u. a. m. In seinen Memoiren, den 1896 erschienenen „Heiteren Erinnerungen", weiß er von ihnen manches Interessante zu erzählen, was noch heutzutage von Wert sein dürste. Hier nur einiges: Berthold Auerbach, der allezeit heitere, lebenslustig-optimistisch in die Welt lächelnde, war stets zu Scherzen aufgelegt, wohlwollend und gesellig. Er war sich seines Werts bewußt und freute sich seiner großen Popularität. Von seiner Naivität erzählt Stettenheim das folgende Pröbchen. Als Schneegans, der nach dem deutsch-französischen Krieg vielgenannte elsässische Publizist, Abschied von seinen Berliner Freunden nahm, um in Straßburg die Leitung des Elsässischen Journals zu übernehmen, erhob sich Auerbach an der Abschiedstasel, um einen Toast auf den Scheidenden zu sprechen. Da geriet dieses Toastes Ernst in nicht geringe Gefahr, als Auerbach plötzlich zu einer musikalischen Illustration griff, indem er das alte Lied: „O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt" zu singen begann. Die Tafelrunde sah sich ganz bestürzt an. Auerbachs Stimme gehörte zu denjenigen, die Seume nicht gemeint haben konnte, als er ein ruhiges Niederlassen da, wo man singet, dringend empfahl; sie schien weit mehr dazu angethan, Straßburg in seinen Grundfesten zu erschüttern, als die Wunderschönheit dieser Stadt zu preisen. Aber Auerbach hätte das niemals zugegeben; er war sich „zugleich ein Sänger und ein Held" und als er geendet hatte, glaubte er überhaupt nicht nur wirklich schön gesprochen, sondern den Anwesenden auch einen üppigen Ohrenschmaus bereitet zu haben. Mir Eduard Lasker wurde Stettenheim im Haus des Parlamentariers Karl Braun-Wiesbaden bekannt. Er war unseremHumoristen immer interessant durch seine Weltfremdheit. Er machte stets den Eindruck, als sei er inmitten der großen Stadt ein Einsiedler. Eines Tags traf ihn Stettenheim aus der Straße und begleitete ihn nach Haus. Der Unfug des Antisemitismus war eben einige Monate alt, und Stettenheim fragte Lasker, was er von dieser Erscheinung halte. Ganz erstaunt sah er ihn an und sagte: „Existiert denn das noch immer?" Diese Frage war ganz ehrlich; Lasker wollte nicht etwa einer ungerechten und häßlichen Bewegung gegenüber den Gleichgiltigen spielen. Er lebte seinen Arbeiten, widmete sich den parlamentarischen Fragen, verkehrte wenig, und was nicht aus seinem Weg lag, was sich ihm nicht ausdrängte, das sah er nicht. In jeder Beziehung ein anderer war sein ehemaliger Fraktionsgenosse Ludwig Bamberger, ein Weltmann aus dem Rednerpult, ein geistvoller Plauderer im Salon, ein Politiker mit eleganten Formen. Einmal erzählte Bamberger seinem Freund Stettenheim, als jener von einem Diner bei dem damaligen Reichskanzler kam, dieser habe etwas aus sich warten lassen, da er durch einen Vortrag im kaiserlichen Palais abgehalten war. Es hatte sich wohl um eine schwierige Auseinandersetzung gehandelt, denn Bismarck war ziemlich verstimmt, als er endlich bei seinem Gast erschien, die Mappe, die er trug, ärgerlich auf einen Sessel warf und dabei mit komischem Ernst ausries: „Ich kann nicht Fürstendiener sein!" Bismarck als Marquis Posa! Daß übrigens auch Bamberger nicht Fürstendiener sein konnte, bewies seine Haltung, als der Altreichskanzler von den Nationalliberalen, die so lange treu zu ihm hielten, sich losgesagt hatte. Zum Geburtstag Bambergers — 22. Juli — sandte Stettenheim ihm einmal das Berschen, das noch ungedruckt ist: Mög Gott dir den Humor bewahren, Um den dich nie die Zeit bestohlen. Mein lieber Freund, in 30 Jahren Will diesen Wunsch ich wiederholen. Für die Muse und den Charakter des von den Antisemiten so heftig befehdeten „ungezogenen Lieblings der Grazien", Heinrich Heine, hat Stettenheim oft in Wort und Schrift in wärmster Weise Partei ergriffen. Eine seiner amüsantesten Beiträge zur Heine-Literatur ist wohl das kleine Poem, das er vor Jahren zu dem Sammelwerk „Freiheit, Liebe, Menschlichkeit" beigesteuert hat, also lautend: Im Konzert. Du bist wie eine Blume — Ein wundervoller Text, Das ist das Lied der Lieder, Das hat mich schwer behext! Ich finde aus dem Programme Des Dichters Namen nicht, Es ist gewiß von Goethe, So teutsch, so tief, so schlicht! „Das Liedchen ist von Heine" — Ein Jude machte dies Lied? Jetzt find ichs ganz abscheulich — Ich bin Antisemit. Für den „Heine-Almanach" 1893 schrieb er: Philister über dir! laß sie! Du bist Und bleibst der Stolz doch deinem Vaterlande! Das Denkmal, das sie dir verweigern, ist Ein Monument von unsrer Zeiten Schande. Mit namhaften Künstlern, Industriellen, Bankiers jüdischen Glaubens in freundschaftlichem Verkehr stehend, hat er bei Geburtstagen oder sonstigen festlichen Veranlaffungen an diese die hübschesten Gedichte gerichtet, die einerseits von seinen freundschaftlichen Gesinnungen, der Grazie seiner Muse, und andererseits von seinem tiefen Gemüt Zeugnis oblegen. Der Liebenswürdigkeit des Dichters habe ich die Kenntnis des nachstehenden allerliebsten Poems zu verdanken, das natürlich bisher ungedruckt ist. Gewiß wird es auch unseren Lesern Vergnügen bereiten. Dem Hofschauspieler Adolf Sonnenthal und seiner Tochter Hermine hat er wahrhaft graziöse Verse gewidmet. Mögen hier nur einige, an die junge Dame gerichtet, ein Plätzchen finden: I. Wie lieb ich dich! Zur Treue selbst bewegst Mein Herz du mir, du bist so lieb und gut! Man weiß, daß du nach deinem Vater schlägst, Und doch so sanft, daß es nie weh ihm thut.