Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · p. Seite 622

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
Seite 622 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605516--8291-9605530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 622. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. aus der direkten Herrschaft der Türkei zu entlassen und in einen tributpflichtigen Staat unter der Regierung einer zionistischen Republik umzuwandeln, so würde dieser Gedanke bei Abdul Hamid ebenso wenig Anklang finden, wie bei einem seiner Vorgänger aus dem türkischen Thron. Das einzige unermüdliche Bestreben des Sultans geht nach einer Vergrößerung seiner persönlichen Macht; das beweisen die häufigen Kollisionen mit England und Frankreich. Seine Bildung und Ueberlegenheit zeigt Abdul Hamid darin, daß er die Tüchtigkeit seiner jüdischen Unterthanen sich auf allen Gebieten frei entfalten läßt; aber trotzdem wäre er der letzte Monarch, der seine Herrschaft über einen dieser Bürger aufgäbe. Die türkischen Juden können sich in der That keinen besseren Herrn wünschen. Die Gefahr der von den Zionisten versuchten Manipulationen ist sehr groß; sie werden für sich keine Privilegien erlangen, die auch nur annähernd zu irgend einer Unabhängigkeit führen, aber der Mißerfolg und die enttäuschten Hoffnungen einflußreicher Persönlichkeiten können für die türkischen Juden arge Folgen haben. Diese hohen Herren, die das Ohr des Sultans haben, können ihren Souverän zu üblen Maßnahmen gegen die Juden veranlassen, dis bisher von dem unbeeinflußten Landesherrn mild und wohlwollend beherrscht worden sind. Berlin, 22. September. (Dr. Bernhard Cohn.) Heute ist hier der praktische Arzt Dr. med. Bernhard Cohn beerdigt worden, der ein Alter von nur 60 Jahren erreicht hat. Der liebenswürdige Mann hatte sich mit jugendlichem Feuer der zionistischen Bewegung angeschloffen und war geraume Zeit Vorsitzender der hiesigen Zionistenoereinigung, riäiih Berlin, 22. September. (Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums.) Das Verzeichnis der im Winter- Semester 1901/1903 zu haltenden Vorlesungen ist erschienen. Herr Dr. Baneth wird lesen: 1) Talmud Babli stat.: Hullin Kap. VIII (Forts.), 4 Stunden, Montags und Donnerstags 8—10 Uhr. 2) Talmud Babli kursorisch: Baba Mesi'a, Kap.VIII, 4 Stunden, Sonntags und Mittwochs 8—10 Uhr. 3) Jore De'a (Tur und Schulchan 'Aruch LXV—LXVIII, 2 Stunden, Montags und Donnerstags 10—11 Uhr. 4) Eben ha'ezer Hil. Gittin (Forts.), 1 Stunde, Donnerstags 11—12 Uhr. 5) Mischne Tora, IV. Buch, 2 Stunden, Montags und Donnerstags 12—1 Uhr. 6) Einleitung in den Talmud, 1 Stunde, Montags 11—12 Uhr. Herr Dr. Maybaum wird lesen: 1) Echa rabbatti, 1 Stunde, Dienstags 8—9 Uhr. 2) Homiletische Uebungen, 2 Stunden, Freitags 8—10 Uhr. Herr Dr. Schreiner wird lesen: 1) Alte Pentateuchkommentare, 2 Stunden, Sonntags 10—12 Uhr. 2) Erklärung der 12 kleinen Propheten, 2 Stunden, Dienstags 9—10 und Mittwochs 10-11 Uhr. 3) Geschichte der jüdischen Schriftauslegung und der hebräischen Sprachwissenschaft, 1 Stunde, Sonntags 12—1 Uhr. 4) Saadia, Emunoth we-deoth, 2 Stunden, Dienstags und Mittwochs 12—1 Uhr. 6) Systematische Religionsphilosophie, 2 Stunden, Mittwochs und Freitags 11—12 Uhr. 6) Geschichte der Juden, 2 Stunden, Dienstags und Freitags 10—11 Uhr. 7) Historische Uebungen, 1 Stunde, Dienstags 11—12 Uhr. Die Eröffnung des Wintersemesters findet am 15. Oktober um 12 Uhr mittags statt. Alle Vorlesungen an der Anstalt sind unentgeltlich. Als Zuhörer für die Vorlesungen sind in erster Linie die rite immatrikulierten Studierenden der Universität — ohne Unterschied der Fakultät — in^Aussicht genommen. Auch andere Personen können auf Grund besonderer Ermächtigung an den Vorlesungen teilnehmen. Die Anmeldung erfolgt bei dem zeitigen Vorsitzenden des Lehrer- Kollegiums, Herrn Rabbiner Dr. S. Maybaum, in seiner Wohnung, Hinter der katholischen Kirche 1, täglich (mit Ausnahme der Sabbate und jüdischen Festtage) von 11—12 Uhr. t. Warschau, 22. September. (Spende des Deutschen Kaisers.) Rabbi Jizchak Elchanan Niederland, Rabbiner des kürzlich niedergebrannten Grenzftädtchens Wischtyten, Gouvernement Suwalki, erzählt in der „Hazefirah" von der großmütigen Unterstützung, die Kaiser Wilhelm II. den von der Feuersbrunst schwer betroffenen Bewohnern des Ortes gewährt hat. Kaiser Wilhelm läßt täglich 500 Pfund Brot über die Grenze kommen, ebenso gelangen täglich unter Aussicht deutscher Beamten große Mengen koscher geschächteten Fleisches unter den Juden von Wischtyten zur Verteilung. Die Juden des Städtchens haben dem kaiserlichen Wohlthäter telegraphisch ihren Dank ausgesprochen. t. Kiew, 22. September. (BlühendesKolonie.) Drei Meilen von Rosischtsch, Gouvernement Wolhynien, liegt ein Dorf Sofiawka, das von 150 jüdischen Familien bewohnt wird und 5000 Hektar Land hat. Das Dorf ist unter Zar Nikolaus I. gegründet worden und hat guten Boden. Die jüdischen Bauern treiben Milchwirtschaft, Körner- und Obstbau. Sie zeichnen sich durch Fleiß, leider auch durch Unwissenheit aus. Ihre Eintracht wird gerühmt, ihr materielles Gedeihen läßt nichts zu wünschen übrig. London, 24. September. (Charles Samuel.) Gestern ist Mr. Charles Samuel achtzig Jahre alt geworden. Eine äußere Feier dieses Tages war durch den Versöhnungstag ausgeschlossen, aber seine zahlreichen Freunde und die große Zahl der Glaubensgenoffen, für die der liebenswürdige alte Herr sein Leben lang gewirkt, haben seiner in herzlicher Liebe gedacht. Charles Samuel ist viele Jahre hindurch Vicepräsident der jüdischen Armenkommission und erster Schatzmeister der United Synagogue gewesen. Seine meiste Arbeitskraft und bedeutende Geldsummen hat er für Jews College ausgewendet, für das er seiner Zeit das stattliche Haus erworben, in dem das Institut sich noch befindet. Er hat viele Tausend Pfund Sterling ausgegeben, um die Schule zu einer Musteranstalt zu machen, hat im Verein mit anderen Freunden die Bibliothek wesentlich bereichert, hat aber in übergroßer Bescheidenheit vermieden, seinen Einfluß bei den Erziehungs¬ und Unterrichtssystemen geltend zu machen. Seine ungetrübte körperliche und geistige Frische gestattet dem edlenIMenschenfreund die Aufrechterhaltung seiner Thätigkeit in den Wohlfahrtsinstituten, doch hat er aus den Rat der Aerzte in letzter Zeit keine größeren Versammlungen mehr besucht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.