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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · p. Seite 616

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
Seite 616 (sequence 8)
Language
German
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Seite 616. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. einem Bezirk der Vereinigten Staaten gleichkommt. Die jüdischen Politiker lausen in das Ghetto, fraternisieren mit den jungen Leuten, annonzieren in den Jargonblättern und erreichen aus diese Weise das gewünschte Ziel. Die Juden in Amerika gehören zu seinen besten Bürgern, zeichnen sich in der Politik aus und haben wiederholt bewiesen, daß sie für ihr Land kämpfen und sterben können. Im spanisch-amerikanischen Krieg haben über viertausend jüdische Soldaten im Heer der Vereinigten Staaten gekämpft, und die Mehrzahl dieser Kämpfer kam aus dem Ghetto. Die jungen Leute im Newyorker Ghetto müßten eine unabhängige Synagoge und damit verbunden eine Stätte zur Entwickelung moderner Kultur erhalten. Diese beiden großen Institute würden sie Zusammenhalten und ihre Kräfte so zum Guten entwickeln, daß sie in moralischer, körperlicher und geistiger Beziehung Niemandem nachstehen. Der unangenehme Auswuchs des Ghettosports wird verschwinden, und die neue Generation wird in der Ausübung jener Bürgertugenden glänzen, die überall dort die Charaktereigenschaften der Juden bilden, wo ihnen die gleichen Rechte gegeben sind, wie den anderen Bürgern. „Himmel ails Erden" und das „Zommerghetto". Von Rabbiner Dr. I. Niemiro wer-Jassy. Ein schöner Punkt in Karlsbad, von dem aus man die göttliche Natur in ihrer Herrlichkeit und die menschliche Kultur in ihrer Meisterschaft bewundert, wird mit — Himmel auf Erden bezeichnet. Dieser vielsagende Name weckte in mir verschiedenartige Gefühle und drängte mannigfache Gedanken in mein Bewußtsein. — Himmlische Zustände der Gerechtigkeit, Gleichheit und Sorglosigkeit sind noch weit entfernt von der Erde. Wir Juden haben oft nur den Himmel der Religion aus Erden, aber nicht die Erde und ihre Früchte. Andererseits gelangt die erhabene Mission des Judentums, die Ideale zu realisieren und die Wirklichkeit zu idealisieren, das Religiöse zu verweltlichen und das Weltliche zu heiligen, lebendige Religion und religiöses Leben zu erzeugen, das Hohe in Gnade herabstrümen zu lassen und das Niedere in Liebe emporzuheben am besten in dem Zauberwort — Himmel aus Erden — zum Ausdruck. Soll ich denn an dieser gesegneten Stätte, die allen Nationen und allen Konfessionen nervenheilenden Dust spendet, nur an Israel und seine Lehre denken, fragte ich mich, und dennoch konnte ich den Zauberkreis jüdischer Gedanken nicht verlassen. Es lag nicht nur an mir, sondern auch in dem Umstand, daß Karlsbad und Marienbad viele jüdische Gäste ausweisen und gewissermaßen ein „Sommerghetto" darstellen, in dem jüdisches Leben pulsiert und Gedanken an Judentum und Judenheit herumschwirren. Wie interessant ist dieses luftige und farbenreiche Sommerghetto mit seinen westlichen Reformern und Neuorthodoxen, östlichen Wunderrabbis und Gelehrten, mit seinen Saphirs, Kalischs und Stettenheims im Kaftan, Auch- und Bauchjuden im Salonrock, mit seinen unartigen Großen und artigen Kleinen, edlen Philanthropen und „Talmireichen", mit seinen zudringlichen Fragen und gemütlichen Antworten, beißendem Scherz und traurigem Ernst, mit seinen glänzenden Lastern und erhabenen Tugenden. Dieses wandelnde Ghetto, das an den berühmten Gewässern des modernen Babylons internationaler Kurorte auch von den ärmsten Juden im Vertrauen zum jüdischen Herz aufgeschlagen wird, verrät den mächtigen Lebenstrieb der Juden, der alles überwindet und uns hoffen läßt, daß unser Stamm auch den Todesmächten der Geschichte siegreich trotzen wird. Jene Matrone, die ihrer „Perrückenkollegin" klagt, daß Karlsbad weniger jüdisch als Berditschew sei, jener greise Wunderrabbi, der mit jugendlicher Leidenschaftlichkeit seinem zionistischen Nachbar beweisen will, daß der heilige Boden Palästinas „neumodische" Juden „ausspucken" wird, und jener litthauische Witzsabrikant, der seinen nüchternen Mitmenschen mit seinem geisterhaften Gesicht und geiftreichelnden Wesen quält, verraten immerhin eine bedeutsame Lebenskraft, die von kulturell fortgeschrittenen Juden mit religiösem Gemüt und stolzem Stammesbewußt ein zum Heil Israels und der Gesamtheit verwertet werden kann. Jedenfalls wirkt der Anblick der im Stadtpark und in den Kolonaden herumspazierenden Juden so stark, daß man auch aus dem Himmel auf Erden den Himmel des Judentums und die geweihte Erde Palästinas sieht. Aus dieser herrlichen Höhe, von der aus man einen Teil Karlsbads beobachten und so manche Häusertitel lesen kann, die gewöhnlich an berühmte Orte und gefeierte Persönlichkeiten im Reich des Wortes und der Feder, der Töne und Farben erinnern, befaßte sich meine Phantasie mit Ortschaften von kulturgeschichtlicher Wichtigkeit für die Juden und israelitischen Größen der Wissenschaft und Kunst, Politik und Philanthropie, Frömmigkeit und Gelehrsamkeit. Wenn das Geschick uns hold gewesen, wir noch unfern Staat gehabt und etwa in der Gegend von Liberias ein „Davidbad" mit heilungbringenden Quellen besessen oder wenn es unS vergönnt sein sollte, ein großes Kolonialgebiet inne zu haben und auch ein modernes Rothschild- oder Hirschbad unser zu nennen, welchen Namen würden die Häuser und Villen tragen? Wenn die Juden unserer Zeit mehr selbstbewußt wären und ihrer ruhmreichen Geschichte mehr Treue bewahren würden, welche Namen würden sie den von ihnen in den Kurorten errichteten Häusern beilegen? Gewiß soll der Jude auch dem nichtjüdischen Genie in jeder Form huldigen und der Liebe zum Vaterland Ausdruck verleihen, aber auch der spezifisch jüdischen soll er gedenken. Die Namen der Patriarchen, der Helden eines großartigen Familienlebens, der Propheten, der Offenbarer des Religiösen in Natur und Geschichte, der Philosophen und Dichter, die der Genius des Judentums zu verschiedenen Zetten erzeugt, und der Fackelträger der Kultur, die unser Stamm der Menschheit geschenkt, würden erhebend und anziehend wirken. Allein wir können vorläufig auf Häusertttel der Kurorte verzichten; wir sollen aber in dem aus die Erholungszeit folgenden Tischrimonat, der für uns religiös der i Himmel aus Erden ist und in dem wir uns gleichsam in ein „heiliges Ghetto" flüchten, die Namen unserer Helden als die Symbole unserer Häuser, als die Leitsterne unseres Lebens betrachten!

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