Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Date
- 1901-09-27
- Page
- Seite 615 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 39 Israelitische Wochenschrift. Seite 616. Prediger, deren Vortragsart dem älteren Element so behaglich ist, sind nicht nach ihrem Geschmack. Der einzige russische Prediger, der im Newyorker Ghetto Popularität genießt, ist der unvergleichliche Jargonredner Rabbi Marsliansky. Der Ghettosportsman kümmert sich aber weder um Marsliansky noch um das Ghetto: der erste mahnt ihn an seine Pflicht, das zweite erinnert ihn daran, daß er noch gestern mit Seife oder Schuhbändern hausieren ging — und wer läßt sich an so etwas gern erinnern? Das Ghetto ist außerdem eine billige Gegend, und der strebsame Jüngling mit sportlichen Neigungen ist bei seiner persönlichen Eitelkeit nicht gesonnen, mit der im Osten üblichen billigen Bewertung sich zufrieden zu geben. Um „Jemand" zu sein, muß er den Westen aussuchen, und das thut er. So leicht, wie er wohl möchte, kann er sich aber am oberen Broadway nicht assimilieren. Dort weht jene gewisse Lust, die Dinge und Leute erst annehmen, nachdem sie eine gewisse Entwickelungsperiode durchgemacht haben, und der neue Ankömmling, der sich eine studierte Ausdruckswetse zurechtgemacht hat, die nach seiner Meinung seinen Ursprung verwischen sollte, fällt aus und wird erkannt, sobald er den Mund austhut. Für den Juden, er mag hoch oder tief stehen, ist es immer am besten, ruhig zu sein; und es ist charakteristisch für die Besten dieses Volks, daß ihre wirksamsten Thaten unauffällig geschehen. So oft ich das Benehmen dieser Ghettosportsmen beobachtet habe, wunderte ich mich darüber, daß sie so ganz die Traditionen ihrer Väter vergessen konnten, deren Hauptvorzüge Fleiß und Mäßigkeit waren. Vielfach ist ja die unvernünftige Nachsicht der Eltern Schuld an ihrer Frechheit. Ein alter Mann sagte mir einmal: „Sie sollten nur die Herren sehen, die mit meinem Sohn gehen; die feinsten Herren aus der oberen Stadt. Als ich in seinem Alter war, Hab ich Talmud gelernt und war froh, wenn ich Kartoffelsuppe bekam und einmal in der Woche Fleisch. Aber mein Junge bekommt alles, was sein Herz begehrt. Oben in der Stadt halten sie alle Welt von ihm. Schön; soll er auch ein gutes Leben haben; ich hatte es nicht, als ich jung war, und das Geld, das er verbraucht, wird mich nicht arm machen, ich hab's, Gott sei Dank". Diese Rede ist nicht spezifisch jüdisch; man kann sie von närrischen Vätern jedes Glaubens und jedes Stammes hören — wer könnte diese Art Schwäche bekämpfen? Der Ghettosportsman bleibt aber gemeinhin nicht sein ganzes Leben lang leichtsinnig. Zu rechter Zeit kommt ihm die Ueberlegung und regt sich in ihm der kräftige Verstand, den sein Vater hatte, als er noch ein wandelndes Warenlager gewesen und der ihn dazu geführt hat, die Groschen zu sparen und Goldstücke aus ihnen zu machen. Mancher in Amerika geborene und ausgewachsene junge Jude schlägt vielleicht auch deswegen ein wenig über die Stränge, weil ihm die von seinem Vater bekannte und geübte Religion in ihren Formen nicht zusagt. Er ist mit allen seinen Fehlern Amerikaner. Die ohrzerreißenden Triller des russischen Chasens gefallen ihm nicht mehr, nachdem er eine Synagoge der oberen Stadt besucht hat. Er würde gern Mitglied so einer „seinen" Gemeinde werden, aber ist es denn möglich bei seinen Ghettobeziehungen? Welche „Westend- Lady" würde einen „Ostend-Jud" dulden? Da er nun mit dem Westen nicht aus gleichen Fuß kommen kann und sein Osten ihm unerträglich scheint, gerät er aus verbotene Wege und gleicht „einem zügellosen Roß". Nicht immer aber hat das Abwenden vom Ghetto nur leichtsinniges Amüsement zum Zweck; oft auch glaubt der junge Mann aus diesem Weg zu einem guten Geschäft oder zu einer ersprießlichen Heirat zu gelangen. Dieser Gedanke steht vielfach hinter den Opfern und Mühen, die der Ghettojude für seinen Sohn auswendet. Aus der Dunkelheit seiner eigenen Existenz sieht er das helle Licht der Zukunst strahlen; er hat die Vision einer glänzenden Heirat; er erblickt den Ruhm politischer Bedeutung, einen weiten Kreis von „feinen Bekanntschaften" und eine hohe Stellung im Westen! Von seinem Hausen alter Kleider und seinem dumpfigen Laden aus schaut er wie Moses in das Kanaan des Westens, schaut aus der Ferne mit thränenvoller Sehnsucht — aber der Eintritt ist ihm verboten. Es ist der Ehrgeiz jedes Juden aus dem Osten, seinen Sohn dieses gelobte Land betreten zu sehen, dieses heilige Land, in dem nicht Milch und Honig, aber Diamanten und Geld fließen. Denn welche Meinung auch der orthodoxe Jude des Ostens in Religionsdingen von seinem Bruder im Westen haben mag, darin stimmt er mit seinem Sohn überein, daß es angenehmer ist, im Westen ein behagliches Leben zu führen, als im Schmutz des Ostens zu verkommen. Wenn sein Sohn ein künftiger Rechtsgelehrter ist, sieht der Vater ihn bereits die eminente Höhe eines Eduard Lauterbach, Guggenheimer, Goldvogel und anderer bedeutender Juristen erreichen. Emersons Wort zur Bezeichnung des Ehrgeizes „Hängt euren Wagen an einen Stern", ist bei den Juden seit tausend Jahren in Uebung gewesen, und der Ghettojude ist ehrgeiziger, als alle anderen. Die Heirat bedeutet für den jungen Ghettobewohner eine Erlösung. Mit der Heirat wird er ein achtbarer Mann, ein Balbos, ein Hausherr. Eine vorteilhafte Heirat wird deshalb von jedem jungen Juden im Ghetto gewünscht, vom Ladendiener bis zum Rechtsanwalt ohne Klientel und zum Doktor ohne Praxis. Im Ghetto giebt es ein Bureau, in dem man eine Liste von Vätern mit heiratsfähigen Töchtern findet, so wie ein Warenverzeichnis in anderen Geschäften. Die Höhe der Mitgift bezeichnen Hieroglyphen, die nur der Bureauinhaber zu entziffern versieht. Es ist ebenso viel Nachfrage nach jungen aussichtsvollen Juristen und Aerzten von Seiten des Mannes, dem der liebe Gott nur eine Tochter gab, wie nach solcher einzigen Tochter und ihrem Vermögen von Seiten der jungen Leute. Ein Ghettokrösus, der nur Töchter besitzt, hat gern einen Rechtsanwalt oder einen Doktor in der Familie. Eine Doktorfrau ist eine Person von Ansehen, und ein Doktor mit etwas politischem Ehrgeiz kann es weit bringen. Man kann aus all dem ersehen, daß das Ghetto von Newyork nicht nur eine Schmutzpsütze ist, mit der das Straßenreinigungsdepartement sich zu befassen hat, sondern auch ein Zentrum für politische Organisation, mit dem die Führer von politischen Kliquen ernsthaft rechnen; die Jargonpresse im Ghetto bekommt ebenso gut Subsidien von den beiden großen politischen Parteien, wie die übrigen Zeitungen der Stadt. Die politischen Führer bearbeiten das Ghetto hauptsächlich durch seine jungen Leute, deren Einfluß kein anderer in irgend &