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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · p. Seite 614

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
Seite 614 (sequence 6)
Language
German
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Seite 614. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. Schon im zartesten Kindesalter fühlt der kleine Junge des armen russischen Einwanderers die Bürde der Armut, und er stählt seinen Vorsatz, diese Armut mit allen nur erreichbaren Mitteln zu bekämpfen. Und das jüdische Mädchen im Ghetto empfindet diese Last nicht minder schwer. Es weiß, daß es vom Leben zur Arbeit bestimmt ist. Die junge Jüdin muß zeitig ansangen, ihren Eltern zu Helsen, die mit ihrem großen Kinderreichtum in einem so engen Raum eingepfercht sind, daß man glaubt, ein menschliches Wesen würde darin nicht atmen können, und der doch gleichzeitig als Küche und Schlafzimmer, als Wohn- und Speisestube, als Waschküche und Werkstatt dient. Der Anblick der jungen Ghettojüdin ist rührend und mitleiderweckend. Denn sie ist schön; aus ihren dunklen Augen strahlt aller Glanz, den ihr ihre Abkunft, ihr Geschlecht und ihre Jugend leihen; von ihren Wangen leuchtet die warme Färbung der Hügel Judäas; auch ist sie durchaus nicht abgeneigt, sich „ladyltke" zu kleiden. Es steht ihr auch sehr put, denn sie ist durchschnittlich von üppigem Wuchs. Die guten Damen aus dem Westen ermutigen dieses Bestreben nach Verschönerung mit mehr gutem Herzen als mit richtigem Geschmack, indem sie den Ghettomädchen ihren abgelegten Putz schenken. Ich will hier nicht die moralische Seite dieser Sache streifen, von den Folgen reden, die auf so unvernünftige Art geweckte Putzsucht aus leidenschaftliche Naturen haben kann, die für das bunte Gefieder den Preis ihrer Unschuld zahlen — das steht auf einem anderen Blatt. Ich spreche hier nur von dem guten reinen Ghettomädchen, das neben seiner schmutzigen Umgebung schimmert wie eine blühende Rose auf einem Düngerhausen. Das Mädel spricht sein Englisch mit einer entzückenden Nichtachtung der Grammatik, mit einer Einfachheit und Freiheit, die wahrhaft poetisch sind. Sie hat ein arbeitsreiches, schweres Leben, aber sie hat auch eine harte Schule durchgemacht; Großmutter und Mutter haben sie gelehrt, ihre Last willig und lächelnd zu tragen. Es gehört ein seltener Mut für ein in Amerika lebendes Mädchen dazu, täglich in nächster Nähe schöne Läden und elegant gekleidete Damen zu sehen, und dabei zu Hause die Sauce in der Pfanne zu überwachen, dem kleinen Schwesterchen den Zopf flechten, dem Brüderchen das schmutzige Gesicht waschen zu müssen. Und während die kleinen Geschwister ihr Frühstück verzehren, muß sie noch schnell eine Näharbeit für die Mutter fertig machen, die in Hesterstreet neben ihrem ärmlichen Kram frierend auf Kundschaft wartet. Man muß Achtung und Sympathie für diese gute Ghettotochter haben, obgleich sie selbst die Berechtigung dieser Sympathie am wenigsten verstände. Sie ist durch höfliche Behandlung durchaus nicht verwöhnt; ihre Nachbarn und Freunde, ja ihre eigene Familie behandeln sie mit derselben Rücksicht, mit der ein Kohlkops eine Rose behandeln würde — man darf annehmen, daß der Kohlkops die Rose für ein blühendes Gewächs ansieht, für weiter nichts. Weder im Ghetto, noch sonst bei orientalischen Juden zählt ein Mädchen viel, außer bei Leuten, die auch Söhne haben; diese nehmen „das Bittere mit dem Süßen". Eine Tochter aber als einziges Kind ist im günstigsten Fall eine Entschuldigung für ein Kind; der orientalische Jude dankt dem lieben Gott dafür, wie für etwas, das noch schlimmer hätte sein können. Aber ein Junge, ein Sohn, ist die Stütze des Alters, durch den man noch nach dem Tod Segen hat, dessen Dasein allein schon ein Segen ist. Er ist von seiner Geburt an bestimmt für „die Gotteslehre, für die Ehe und für gute Thaten." Was „gute Thaten" wirklich bedeuten, werden nur wenige wissen; sie sind ein relativer Begriff und hängen von verschiedenen Umständen ab. Aber die Bedeutung von Gotteslehre oder einfach „Gesetz" und von Heirat sind bekannt. Die „Lehre" oder das „Gesetz" ist im Newyorker Ghetto leider nicht immer das kirchliche Gesetz mit der Kombination einer endlosen Reihe von Kommentatoren, auch nicht der in der alten Welt übliche Begriff des Ausdrucks „Thora". Im Ghetto von Newyork heißt „Gesetz" jetzt: Geschäft und zwar gutes Geschäft; und zwar muß dieses Geschäft so betrieben werden, daß es schließlich der einen oder der anderen politischen Partei dienstbar wird, sonst wäre ein Stand in Hesterstreet vorzuziehen. Da nun ein Sohn ein wertvolles Kleinod ist, muß er auch eine Erziehung erhalten, die ihn für „eine Zukunft" geeignet macht. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, daß manche Familie Hunger leidet, um den Sohn der Pforte näher zu bringen, hinter der es reichlich zu essen und zu trinken, schöne Kleider und „große Ehre in den Augen von ganz Israel" geben wird. Manche dieser Knaben erkennen die ihnen gebrachten Opfer an und arbeiten fleißig, um schneller zu Erfolg und zu der Möglichkeit zu gelangen, zurückzuzahlen. Andere aber, und solche giebt es in jedem Land und in jedem Volk, sind unüberlegte selbstsüchtige Geschöpfe, die es für selbstverständlich halten, daß ihre Eltern darben und sich schinden, damit sie den „seinen Herren" spielen können. Viele junge Leute verdienen tagsüber als Ladengehilsen ein paar Groschen und benutzen ihre Abende zur Vorbereitung für das Studium oder für ein Handwerk; sie finden bei diesen Bemühungen immer bereite Hilfe in der Jüdischen Erziehungsalliance von Newyork. Aus der Mitte dieser verschiedenen Klaffen von jungen Leuten ist jenes aus Frechheit und Klugheit gemischte Zwitterwesen entstanden, das man den Ghettosportsman nennen kann. Der Schauplatz seiner Thätigkeit ist nicht das Ghetto, sondern der obere Teil des Broadway, jenes breitere Feld des Lasters. Er ist — besonders nach Mitternacht — gut gekleidet, mit Juwelen geschmückt und spricht ausfallend laut. In seiner Sprache ist der Mangel an Grammatik der geringste Fehler. Sie ist so gemein, daß einen der Gedanke erröten macht, daß sie aus dem Mund von Juden kommt. Damit man sie für „gute Kerls" und nicht für „altmodische Fromme" hält, würzen sie ihre Reden mit nichtjüdischen Redensarten — und doch rufen ihre christlichen sogenannten Freunde sie nur mit spöttischer Miene: „Juden!" Es giebt aber im Newyorker Ghetto auch prächtige junge Männer mit edlen Grundsätzen und schönen Geistesgaben, die sich und ihre Genossen zu heben bestrebt sind. Sie amerikanisieren das Ghetto und beweisen in Rede und Gebühren Männlichkeit und Würde. Auch ihr Judentum suchen sie auf ° breiterer Grundlage zu erweitern. Die bärtigen russischen

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