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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. Seite 506

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 506 (sequence 10)
Language
German
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Seite 506. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. allein die österreichische Regierung, sondern auch die im Lande verbliebene Napoleon'sche Soldateska wütete grausam gegen sie. Die Kontributionen und Gelderpressungen fanden mit einer gewissen systematischen Ordnung statt, als ob sie von Naturgesetzen vorgeschrieben gewesen wären, was ihre Qual und Schauerlichkeit noch erhöhte, da ein plötzlicher Raub hoffen läßt, er werde sich nicht wiederholen, während bei dem immer regelmäßig Geforderten kein Ende abzusehen ist. Waren es in den Landbezirken Getreide, Lebensmittel und tägliche Heeresbedürfnisse aller Art, was den Bauern abgezwungen wurde, so fielen die Geldleistungen hauptsächlich auf die Städte und in den kleinen Städten vornehmlich aus die Juden. „Nicht daß die Franzosen," sagt der Verfasser, „mit ihrem von der Revolution sanktionierten Prinzip der Gleichheit einen konfessionellen Unterschied bei ihren Ansprüchen hätten zu Worte kommen lassen — allein bei der von den Gemeindebehörden selbst ausgehenden Einschätzung der Vermögensverhältnisse kam die traditionelle Annahme, unter der sich so viel Glaubenshaß und Feindseligkeit verbirgt, daß alles Geld bei den Juden sei und sie die Hüter versteckter Schätze wären, zur vollen Geltung." Durch diese Kontributionen wurde auch der „Dorsgeher" Schelinka zu Grunde gerichtet. Nun entschließt sich dessen schöne und tugendhafte Tochter Peppi, begünstigt durch allerlei eigenartige Umstände, den allmächtigen Kaiser der Franzosen im Lager aufzusuchen und für ihren Vater zu bitten, damit er gegen das Unrecht und die Gesetzlosigkeit einschreite, was ihr denn auch gelingt. Diese Szene ist von hohem" dramatischen Ausdruck. Als der Geliebte Peppi's sie von diesem kühnen Schritt abhalten will und sie ironisch fragt, ob sie denn denke, sich in die großen Angelegenheiten der Weltgeschichte mischen zu können, antwortet sie ihm trotzig: „Was ich leide, ist auch eine Weltgeschichte, es gehört dazu, und was ich leide, in das werde ich mich auch mischen können. Ich will zu ihm von meinem Vater sprechen, der um des Kaisers willen von seinen christlichen Mitbürgern ausgeraubt wurde, sodaß wir braven und ehrlichen Menschen, ohne Schuld zu tragen, jetzt hungernd und verschmachtend aus dem Stroh liegen." Als sie vor dem allmächtigen Beherrscher der Welt stand, war sie keinen Augenblick befangen und ängstlich, denn die Liebe zu ihrem Vater und zu ihrer Religion beseelte und ermutigte die Jungfrau. Doch lassen wir dem Dichter selbst das Wort: „Die Erregung und selbst Gefahr eines solchen Augenblicks verschönte die ohnehin liebliche Erscheinung außerordentlich. In ihre blassen Wangen stieg selten eine Röte, diese aber zeigte dann die milde Färbung einer nicht völlig ausgeblühten Rose, während der Ernst, der sich um ihre Lippen zog, von dem durchschimmernden Weiß der Zähne, wenn sie sprach, etwas überaus Gewinnendes empfing. In kurzen Worten, die aber vom Ton ihrer Stimme und von der Wahl des naiven Ausdrucks ergreifende Innigkeit empfingen, beschrieb sie das Los der armen deutschen Juden im Gegensatz zu der religiösen Duldung im hochgebildeten Frankreich. Der General, der inquirierte, warf flüchtig einen Blick aus den Kaiser, wie aus der Miene desselben zu erkunden, ob er die Audienz abbrechen solle. In der Miene des Kaisers war kein Unwille zu lesen, und das Mädchen fuhr fort, von der allgemeinen Beziehung auf das persönliche Leid ihrer Allgehörigen überzugehen. Sie selbst fühlte, daß sie sich um die Aufmerksamkeit bringen würde, wenn sie nicht einen raschen Schluß finde, und sie fand ihn, indem sie gleichzeitig einen Thränenstrom, der aus ihren Augen brechen wollte, mit allen sichtbarer Selbstbeherrschung unterdrückte. „Es ist gut", sagte der Kaiser, und man sah ihn lächeln. Alle, die das Gesicht des Kaisers kannten, haben oft bezeugt, daß ein doppelter Ausdruck in diesem Antlitz aus Erden nicht mehr seinesgleichen hatte: der des Furchtbaren, wenn er zürnte, der des Beglückenden, wenn er lächelte." Weniger Erfolg erzielte der Dichter als Dramatiker, wenn auch manche seiner Stücke einige Zeit auf dem Repertoire sich erhalten haben; ich nenne hier als die bemerkenswertesten: das Familiendrama „Das Forfthaus", das Schauspiel „Hieronymus Napoleon in Westfalen" und die Lustspiele „Der Herzensschlüssel", „Die Kurgäste" und „Die Alten und die Jungen". Als Denker und philosophischer Schriftsteller tritt sein Gedankenreichtum und seine Originalität namentlich in den folgenden Werken zu Tage: „Philosophisch-kritische Streiszüge", „Philosophie der Jahreszeiten", „Der Abend zu Hause", „Der Naturgenuß", „Natur und Geist", „Der grundlose Optimismus", „Die Einsamkeit" rc. Ein einsamer Denker, unbeeinflußt vom Lärm des Tages, keiner Klique und Koterie angehörend, erscheint ihm die Einsamkeit, die Weltflucht als der beneidenswerteste Zustand des unabhängigen, durch innere Ruhe und Resignation beglückten Menschen. Dieser Einsamkeit hat er in Vers und Prosa ergreifende Worte der Betrachtung gewidmet, die namentlich in unserer geräuschvollen, unruhigen und nach materiellen Genüssen haschenden Zeit besondere Beachtung finden sollten: „Jean Paul vergleicht einen großen Wasserfall in der Schweiz, der in einem so mächtigen Bogen fällt, daß man unter demselben vor dem Regen geschützt ist, mit einem großen Schmerz, der das Eindringen der kleinen Leiden des menschlichen Lebens in die Empfindung verhindert. Der große Schmerz, auf das höchste Gut der Erkenntnis verzichten zu müssen, ist begleitet von dem heiteren, weil befreienden Verzichten aus jedes heiße Trachten und Begehren nach den gemeinen Lebensgütern. Durch diese doppelte Resignation wird die Einsamkeit zum Quietismus. Dieser ist aber keineswegs, wie so oft fälschlich vorausgesetzt wird, die Unthätigkeit des Geistes, sondern einzig und allein die Ruhe der Leidenschaft. Die Thätigkeit des Quietismus ist eine zweifache: ästhetisches Betrachten und sittliches Handeln. Wird den Gegenständen jede eigennützige Beziehung aus unsere Leidenschaft entzogen, dann rücken sie von selbst unter den Gesichtspunkt der Ewigkeit, deren Lichtstrahl als Schönheit aus die Erde fällt und deren unbegreiflicher Inhalt sich in der ethischen Gestalt der Aufopferung irdisch verwirklicht". Geboren wurde Hieronymus Lorm am 9. August 1821 zu Nikolsburg in Mähren als Sohn eines geachteten Kaufmanns; er kam aber schon in seinem ersten Lebensjahre nach Wien, wo sein Vater ein Handelshaus eröffnete. Der Vater

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