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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. Seite 505

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 505 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 32. Israelitische Wochenschrift. Seite 606. Wie wenig reflektierend unser Poet ist, wie gewaltig er unser Herz zu packen versteht, mögen nur die folgenden wenigen Stichproben beweisen: Die Rosen. Zwei Rosen geb' ich scheidend dir, Herz-Liebchen, wahr' sie sorgsam mir. Die rote soll am Fenster fteh'n. Find' ich dich treu beim Wiederseh'n. Doch bist — du falsch und nicht mehr mein: Die weiße soll das Zeichen sein. Ich schied und als ich kam zurück. Dem Fenster galt mein erster Blick. Da stand sie selbst, verstört und bleich — Die weiße Rose kannt ich gleich. Der Verlachte. Dem Herzog ließ es keine Ruh': Er muß den Forstwart zum Günstling machen. Am Hos des Herzogs von Anjou, Die Ritter und Damen vergeh'n vor Lachen. Der Knecht als Hofmann merkt den Scherz! Denn die Prinzessin zur Laute versichert. Sie trenne sich von ihm mit Schmerz — Wie haben die Ritter und Damen gekichert! Ihm glüht die Wange, sonst so blaß, Er lauscht den Worten, den zierlich verschränkten. Und lauscht dem Lachen, wenn vor Haß Die Augen funkeln des Spottgetränkten. Dem Herzog folgt er zum Turnier, Doch beugt er früher das Knie vor der Holden: „Maria! nimm die Blume hier, Im Land sind nicht mehr die gleichen Dolden!" Sie staunt und sie errötet tief. Und lachend hat sie die Blume genommen — Nach seinem Knecht vergebens rief Der Herzog, als er nach Frankreich gekommen. Der Jüngling stand nicht mehr an Bord, War tot vielleicht, verschwunden, verschollen; Sein Bild nur wirkt' noch fort und fort Den Rittern und Damen, die lachen wollen. Der Arzt des Herzogs sucht mit Fleiß Die Blume, zur Forschung ihm empfohlen, Und als er im Besitz sie weiß Marias, will er von ihr sie holen. Sie lacht, sie schweigt — dann wehrt sie stumm Mit raschem Wink des Zorns dem Verlangen; Er geht und sieht erstaunt sich um — Die Thränen stürzen ihr über die Wangen. . . . Seine zahlreichen Novellen, Erzählungen und Romane fesseln meist durch eine geschickt erfundene und geführte Handlung, die vollendete Kunst der Erzählung und die geistreiche Idee, die ihnen zu Grunde liegt. Wie er in seinen Gedichten das Weltelend, aber zugleich Liebeslust und Weh und alles, was unser Herz in Freud und Leid bewegt, besingt, so sind es auch hier Fragen und Probleme von tief einschneidender Bedeutung, die er im Gewand der Poesie uns vorführt. Er weiß so geistreich zu plaudern und so interessant zu erzählen wie nur wenige deutsche Romanschriftsteller in der Gegenwart. Er ist immer originell und zeigt sich stets als Künstler, die Schablone verschmähend, die ausgetretenen Geleise verachtend und neue Bahnen einschlagend. Er weiß immer lebhaft zu interessieren und den Grund der Menschheit aufzuregen, selbst wenn man mit der Erzählung an und für sich oder mit vielen Details derselben nicht einverstanden sein sollte. Aus der Fülle seiner diesbezüglichen Schöpfungen hebe ich hier die folgenden, oft mehrbändigen, in aller Herren Länder, aber zum größten Teil im Vaterland des Verfassers, in Oesterreich, spielenden Werke hervor: „Ein Zögling des Jahres 1848", „Am Kamin", „Erzählungen eines Heimgekehrten", „Intimes Leben", „Novellen", „Das Leben kein Traum", „Der Schatten aus vergangenen Tagen", „Der ehrliche Name", „Außerhalb der Gesellschaft", „Auf dem einsamen Schlosse", „Die schöne Wienerin", „Tote Schuld", „Vor dem Attentate", „Ein Kind des Meeres", „Wanderers Ruhe-Bank", „Das Kopftuch der Madonna" — letzteres Werk wurde bei der 1887 von der „Allgemeinen Wiener Kunst- Chronik" ausgeschriebenen Preiskonkurrenz 'mit dem ersten Preis gekrönt —, „Der fahrende Geselle" u. a. m. _ In diesen seinen Romanen schildert er natürlich — wenn auch verhältnismäßig selten — auch Gestalten aus dem jüdischen Stamm, und man muß es ihm zum Ruhm nachsagen, daß dies immer mit Liebe und Pietät geschieht. Ich will hier nur die zuletzt genannte Erzählung: „Der fahrende Geselle" herausgreisen. Die Handlung spielt in Mähren zur Zeit der Anwesenheit Napoleons III. und ihr Held ist der fahrende Geselle „Boben", dem der Verfasser den auch für die jüdische Abstammung charakteristischen Satz in den Mund legt: „Ich habe über den Einfluß und die Macht der Abstammung viel in meinem Leben gehört und noch viel mehr in meinem Leben erfahren. Zwar bilde ich mir nicht ein, über die Deseendenztheorie der Naturforscher ein wissenschaftliches Urteil zu haben, allein ich wage zu behaupten, daß eine meiner vielerprobten Beobachtungen in dieser Richtung eine wissenschaftliche Untersuchung verdiente. Unzählige Mal hat sich meinem scharf beobachtenden Auge, das von jeher gerne aus den verstecktesten Seiten der Erscheinungen haften blieb, die Thatsache aufgedrängt, daß Temperament und Charakter weniger häufig von Vater und Mutter auf die Kinder als von den Großeltern auf die Kinder-übergehen. Gutgearteten Gemütern verschafft es sogar eine besondere Freude, wenn sie in ihren Kindern ihre eigenen Eltern wiederfinden — während Vater und Mutter weniger beruhigt zu sein pflegen, wenn fie ihren eigenen, oft hart gebüßten Qualitäten in ihren Sprößlingen begegnen." Besonders interessieren die Figuren des jüdischen Hausierers Schelinka und seiner Tochter Peppi. Das ohnehin traurige Schicksal der Juden in Oesterreich im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts wurde nach der Schlacht von Austerlitz noch kläglicher, denn nicht

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