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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. Seite 504

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 504 (sequence 8)
Language
German
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Seite 504. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. Schmerz, aber im Grunde seiner Seele waltet dennoch jener daseinsfreudtge Optimismus, der das Judentum kennzeichnet und es Jahrtausende hindurch allen Verfolgungen und Martern zum Trotz aufrecht erhalten hat. Er hat selbst einmal jener Stimmung in seinem Innern in einem kleinen Gedicht Ausdruck gegeben, worin es heißt-. Und droht auch Nacht der Schmerzen ganz Mein Leben zu umfassen — Ein unvernünftiger Sonnenglanz Will nicht mein Herz verlassen. Neben dem glücklichen Familienleben und den erlösenden und befreienden Mächten im Gemüt verfügt er auch noch über jene Gottesgabe, die Israel im Lauf der Geschichte so oft über die Miseren des Daseins erhoben und es in geistiger Beziehung zum Herrn über seine Peiniger gemacht hat: die Philosophie. Als Denker und Forscher, der das Buch Hiob, Kohelet, den Talmud, Spinoza, die Scholastiker und Kirchenväter mit Eifer und Erfolg studiert hat, gab er sich nie Täuschungen über den Unwert alles Bestehenden hin, und die Stimmen, die er in seinem Herzen vernahm und die ihm zuriefen, wacker auszuhalten und mit den Schätzen seines Geistes die Literatur zu bereichern, kamen von oben, wo der Ewige, Unersorschliche und Allgütige thront. Nicht umsonst war Berthold Auerbach der ursprüngliche Rabbinatskandidat, der begeisterte Jude, der Biograph-Kommentator Spinozas, sein Freund und Schwager — die Lebens- und Weltanschauung -"“"treS Dtchters^ ver-^BchwMHlEder Dorfgeschichten"- blieb nicht ganz ohne Einfluß auf den unglücklichen Sänger. Hieronymus Lorm-Landesmann hat sich wiederholt entschieden dagegen gewahrt, mit Arthur Schopenhauer, Eduard von Hartmann und Friedrich Nietzsche, den Säulenheiligen des modernen Pessimismus in einen Topf geworfen zu werden. Er bezeichnet sich vielmehr als einen Jünger des „grundlosen Optimismus", d. h. jenes Optimismus, der nicht mit Gründen belegt und dessen Berechtigung nicht rationell nachgewiesen werden kann. In diesem Sinn sagt er einmal u. A.: „Meine Schriften predigen durchaus nicht Tod und Vernichtung als das letzte Wort des Pessimismus, sondern künden nach der Ueberwindung des Vergänglichen ein Ewiges in der Menschenbrust an, welches sich dann als grundloser Optimismus darstellt. In meiner Schrift „Natur und Geist" wird zwar die Unmöglichkeit, einerseits das Naturerkennen bis zur Idee der Natur fortzusetzen, andererseits die höchste Idee des Geistes in der Natur zu verwirklichen, als die Tragödie des Menschentums beklagt, aber nur zu dem Zweck, um eine Versöhnung im grundlosen Optimismus herbeizusühren. Es heißt darüber: „In dem Augenblick, da das Bewußtsein der Endlichkeit in das Gemüt tritt, das nach dem Unendlichen lechzt, ist auch dieses gegeben, und der Himmel der Erlösung hat sich ausgethan." Das menschliche Erkennungszeichen des Nichts oder der Wahrheit ist einzig und allein die Sehnsucht, die sich von der Welt abwendet und der Wahrheit zustrebt, sowie die Sittlichkeit, die diese Abkehr von der Welt oder die Ueberwindung der Natur durch das Opfer aktiv bethätigt. Da aber der Drang nach dem Künstlerischen wie nach dem Ethischen eine Freudigkeit in sich schließt, die, weil aus dem Nichts oder der unerforschlichen Wahrheit stammend, nicht weiter erklärt und begründet werden kann, so ist dieser grundlose Optimismus die notwendige und einzig mögliche Ergänzung der Weltverneinung, des Pessimismus. Die Thätigkeit dieses grundlosen Optimismus ist das verzichtende Anschauen der Dinge oder die Betrachtung aus dem Gesichtspunkt der Ewigkeit. Diese Betrachtung verzichtet auf das Begehren wie auf das Erkennen und erreicht dadurch als individuelles Gefühl unausgesprochen und unaussprechlich „die Vereinigung von Natur und Geist." Während die Anerkennung der Bedeutung des großen Lyrikers, Romanschriftstellers, Essayisten, Kritikers und philosophischen Denkers von Jahr zu Jahr wächst und Juden und Christen ihm willig die Palmen des Sieges reichen, war es dem von Juden abstammenden — sein Vater war bereits getauft — Literarhistoriker Franz Hirsch beschieden, den unglücklichen Talmud, diesen bewährten Sündenbock, für die Lyrik von Hieronymus Lorm-Landesmann verantwortlich zu machen. Alle Freunde des unfreiwilligen Humors werden die nachstehende Charakteristik von Hirsch im 3. Bande seiner „Geschichte der deutschen Literatur" (S. 692 ff.) mit Behagen lesen. Man höre: „Als ihr einziger bedeutender Vertreter — der Gedankenlyrik — kann^mr ein Poet gelten, der, aus dem Judentum hervorgegangen, die Schopenhauersche Weltanschauung mit talmudischer Spitzfindigkeit durchsetzt und so einen ganz eigentümlichen pessimistischen Quietismus in der Lyrik predigt. Hieronymus Lorm geht in seinen Dichtungen einen verhängnisvollen Irrweg. Indem er seine Lyrik nicht aus der Stimmung, sondern aus der Betrachtung hervorgehen läßt, tilgt er das Trius der Anschauung aus dem Prozeß des lyrischen Werdens und substituiert den im Schopenhauerkolben destillierten Gedanken. So wird die Monotonie der Lorm'schen Lyrik begreiflich. Während in Heine's „Buch der Lieder" die Einförmigkeit, welche über den fortwährenden Ausdruck des Schmerzes um die verlorene Geliebte nicht hinweg kommen kann, doch immerhin die innigsten Töne der Empfindung anznschlagen weiß, ermüdet in Lorm's Gedichten die ewige Klage, um die verfehlte Konstruktion der Welt. Zum Mindesten ist es eine große Geschmacklosigkeit, diesem fortwährenden lyrischen Jammer darüber zu sröhnen, daß die Welt ihren Berus verfehlt hat. Statt ein für alle Mal, wie es Goethe gethan, im Ganzen zu resignieren, resigniert Lorm im Einzelnen und führt uns mit der Selbstgefälligkeit, die alle Schopenhauer- Jünger auszeichnet, seinen detaillierten Weltschmerz in kleinen, oft recht verkümmerten Exemplaren vor. Man kann den Dichter in Verdacht haben, daß er mit jedem Gedanken, den er hat, vermeint „eine Welt erschaffen zu haben." Gut gebrüllt, Löwe! In Wahrheit gehört Hieronymus Lorm-Landesmann, der mehrere, in vielen Auflagen verbreitete Sammlungen von Gedichten herausgegeben, zu unseren begabtesten und vielseitigsten und nicht nur gedankenreichsten, sondern auch empfindungsretchsten und gemütstiessten Lyrikern. Gewiß haben ihn die Weisen des Talmuds — namentlich in seinen Epigrammen und Sinngedichten - beeinflußt, aber diese Anlehnung ist ein Vorzug, kein Nachteil. Grazie verbindet sich bei ihm mit erstaunlicher Jdeensülle und gerade seine Vielseitigkeit ist eine seiner bezeichnendsten Eigenschaften.

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