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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. Seite 503

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (9.8.1901)
Date
1901-08-09
Page
Seite 503 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32. Israelitische Wochenschrift. Seite 503. Der Monotheismus ist überhaupt die Religion des Verstands, noch dazu, wo jener so scharf, so unerbittlich streng im Begriff ausgesaßt wird, daß jede Modifikation als ein Abfall, jede sinnliche Auffassung und bildliche Darstellung als ein Verbrechen betrachtet wird. Er wird aber Religion des Gefühls und des Herzens, so bald in ihr das Verhältnis dieses Gottes zur Welt und zum Menschen aufgeht und die unendliche Liebe dieses Schöpfers aller Wesen und des Vaters aller Menschen zu Bewußtsein und Gefühl kommt, und hieraus wieder die Liebe zu den Mitmenschen und zu allen Wesen und das Recht als das Gesetz des Lebens für den Menschen erfließt. Alles dies tritt uns in der heiligen Schrift bestimmt und charakteristisch entgegen. Dagegen ist der Monotheismus in seinem Wesen und in seiner Integrität ungeeignet, eine Religion der Phantasie und der Schwärmerei zu sein; und so bald er sich dazu hinneigt, geht er aus seinen Grenzen heraus und verliert seinen Charakter. Die heilige Schrift zeigt uns Gott als Vorsehung und Richter durch Lehre und Geschichte; aber erst bei Späteren wird diese Vorsehung zum phantastischen Fatalismus und das Richten Gottes zu einem Weltgericht in der Erscheinung am Ende der Tage. In der heiligen Schrift wird die Unsterblichkeit der Seele mannigfach angedeutet; aber erst bei den Spätern wird sie zu einem bunten Phantasiegemälde von Paradies und Hölle, von Freuden und Qualen, die mehr oder weniger nach Sinnlichkeit schmecken. Ein vernunftgemäßes Denken in religiösen Dingen bildet von jeher ein sehr starkes Element des Judentums, und eine natürliche Folge dieses Hineinziehens des Denkens in den Bereich der Religiösität war, daß das Studium für Jedermann eine ebenso heilige Verpflichtung war, wie die religiöse praktische Uebung selbst. Im Judentum herrschte daher stets eine lebendige Regsamkeit, eine unaufhörliche Geistesfriktion gab dem Studium stets neuen Aufschwung. Und überschaut man das Ganze des Judentums und seinen Entwicklungsgang, so bemerkt man in ihm zwar eine scharfe Verstandsrtchtung, eine gewisse Nüchternheit, die aber mit dem tiefsten, innigsten Glauben und Gefühlsleben harmonisch verbunden, das Judentum vor dem Einherschreiten auf den Stelzen der Extase und Verzückung bewahrte, die sich in Visionen und Unbegreiflichem berauscht und ihren Triumph darin erblickt, den Verstand zu unterjochen, das Begriffsvermögen aus seinen Fugen zu reißen und sich in eine brennende Glut zu stürzen, an der sich die Schwingen des Geistes versengen. Charakteristisch schließlich für die Durchdringung des vernunstmäßigen Denkens und innigen Gefühlslebens im Judentum ist die puritanische Anschauung hinsichtlich des Gottesdienstes. Wie ehrend ist es für unser Volk, daß Jahrhunderte hindurch die einfachsten Formen im Gottesdienst ausreichten. Zehn Menschen vereinigten sich in einem beliebigen Raum zum Gebet, und damit ist die Veranstaltung zum Gottesdienst erschöpft, um die gläubigen Seelen zu erbauen und zu begeistern. Und wie gestärkt für den Lebenskampf, der ihrer draußen harrte, kehrten sie aus ihren Bethäusern zurück, die nichts enthielten, was die Phantasie irgendwie hätte anregen können. Fern sei es von uns, diese puritanische Anschauung hinsichtlich des Gottesdienstes auf den Thron zu erheben und jede äußere Verschönerung des Gottesdienstes alsmit dem echten Geist des Judentums nicht vereinbar zu betrachten. Nur darf man sich nicht dem Glauben hingeben, daß durch diese äußere, sinnliche Anregung der Phantasie allein, die durch Gesang und Orgelklang bewirkt wird, schon alles abgethan sei. Das Feuer, das allein durch Gefühl und Phantasie, durch Berauschung der Sinne entzündet wird, ohne Selbstthätigkeit des Geistes, ist nur ein flackerndes Strohfeuer. Die tiefe Ueberzeugung und die aus dieser fließenden Gesinnungstüchtigkeit schafft eine wahre Begeisterung für das Judentum. Das vernunftgemäße Denken bildet ein zu starkes Element des Judentums und ist der Schöpfer eines so energischen Bewußtseins, daß wir seine Wiederkehr in das Judentum nicht hoch genug anzuschlagen, und es, wenn auch bereichert durch Gefühl und Phantasie, festzuhalten haben. Aus dem Gebiet des Gemütslebens in der Religion liegen die Extreme nebeneinander: das Höchste und das Niedrigste, das Edelste und das Gemeinste. Nirgends bringt die Religion schönere Blüten hervor, nirgends auch wuchern auf ihrem Acker giftigere Pflanzen. Religiöses Gefühl ist die Seele aller Gottesfurcht; aber in seiner Entartung wird es die Quelle der größten Verirrungen. _ Ei» achtWiihngtt Dichtelphilchph. Von Dr. Adolph Kohut. (Nachdruck verboten.) „Des Menschen Leben währet 70 und wenn es hoch kommt 80 Jrchre, und ist es köstttch 'geweftn,-s0 ift iS Mllhe^nö Arbeit gewesen" — dieses Wort des Psalmisten findet selten eine so buchstäbliche Anwendung, wie auf den Dichterphilosophen Heinrich Landesmann — oder wie er sich als Schriftsteller nennt — Hieronymus Lorm —, der am 9. August in Brünn — wo er seit einigen Jahren bei seinem Sohn lebt, der dort als praktischer Arzt thätig ist — seinen 80. Geburtstag begeht. Dieser Mann ist der lebendige Beweis des Sieges der Seele, des Göttlichen in uns, über den Körper, wenn man erwägt, daß er seit seinem 15. Jahr infolge von Krankheiten seiner wichtigsten Sinne, des Gehörs, Gesichts und der Sprache, beraubt ist. Nicht plötzlich kam das Ungeheuerliche über ihn; nach dem Ausspruch Georg Herweges muß das arme Menschenherz stückweise brechen; nachdem er Gehör und Sprache verloren, büßte er allmählich auch das Augenlicht ein, er, der begeisterte Sänger der Natur, der ein herrlicheZ"Buch über den „Naturgenuß" geschrieben hat! Gewiß hat er unendlich viel gelitten, dieser Hiob der deutschen Literatur, aber die Vorsehung hat ihm auch Trost in seinen Leiden gespendet: eine Gattin, die seit 1856 ihm als ein Schutzengel beschützend und beschirmend zur Seite steht und nur für ihn und durch ihn lebt, eine Tochter, die seine Korrespondenz führt und seine Gedanken, die er durch eine einfache und sinnreich erfundene Fingersprache ausdrückt, schriftlich fixiert und vor allem eine in ihm lebende glühende Begeisterung für das Höhere, das Sittliche, die idealen Güter des Lebens. Man hat ihn den Dichter des Pessimismus genannt, denn seine Leier besingt mit Vorliebe die Nachtseiten unseres Daseins, das Nichts, die Vernichtung, das Unglück und den

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