Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 502 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 502. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. vom 11. d. M. ausgesprochen haben. Das Vertrauen, dessen Sie mich versichern, ehrt mich, wie es mich erfreut. Ich habe in meinem Leben so viele ausgezeichnete Männer Ihres Glaubens kennen gelernt und auch hier jetzt wieder mit solchen verkehrt, daß es — ganz abgesehen von meiner amtlichen Pflicht — eine unverantwortliche Ungerechtigkeit sein würde, wenn ich in ein Tagesgeschrei einstimmen wollte, das an der Hand von — noch dazu falsch verstandenen — Interessen ein falsches und unmenschliches Urteil fällt. Was die Einzelnen gesündigt haben — extra und intra —, das darf nicht auf die Gemeinschaft übertragen werden, die ohnehin schwer genug darunter leidet. Es wird auch nicht so bleiben: mibiculum est, transibit. Nur thue jeder von uns nach dem Maße seiner Kraft seine Pflicht da, wohin er gestellt ist. Dann wird es besser werden. In dieser gemeinsamen Ueberzeugung drücke ich Ihnen die Hand und bleibe in ausrichtiger Hochachtung Ihr ganz ergebener Bosse." Dieser Brief kennzeichnet den Mann. In dem Zusammenbruch der Gerechtigkeit, den die Judenheit jetzt beklagt und den sie nach der Verheißung wie alle früheren überdauern wird, ist der Gedanke eine patriotische Ausrichtung, ' daß es gerechte Männer gegeben hat, Freunde der Gerechtigkeit, wie Dr. Bosse einer gewesen ist. tlftßiiüti uni) Gefühl in der jüdischen Religion. Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Der Verstand ist in religiösen Dingen nicht beliebt. Er stört den Genuß des Sichhingebens an frommen Illusionen. Er gestattet nie, das Alte und wegen seines Alters Liebgewordene mit ungeteilter Verehrung sestzuhalten. Er zwingt fortwährend zu der Anstrengung und zu der Gefahr, sich auf neue Bahnen zu wagen. Und doch, was sollte aus der Religion werden ohne diese anhaltende Kritik des Denkens in Hinsicht auf den Glauben? Nicht allein daß die höher Entwickelten alles religiösen Glaubens verlustig gehen würden, auch die große Menge würde aus die Dauer nicht aus Ueberzeugung der Religion treu bleiben können. Die Wissenschaft, so manches Mal als die gefährliche Feindin der Religion hingestellt, beweist ihr den besten Dienst dadurch, daß sie die Religion immer wieder zwingt, sich aus die Höhe der Entwicklung der neuen Zeit zu stellen. Die Schwierigkeit ist nur, den Anteil des Verstandes an der Religion aus das rechte Maß zu bringen und dabei zu erhalten. Denn wenn er dieses überschreitet, wenn er, statt nach mitwirkender Dienstleistung, nach autoritativer Herrschaft strebt, so leidet die Religion Schaden. Der Intellektualismus wird alle Zeit verhängnisvoll für die Gesundheit und die Kraft des echt religiösen Lebens. Allerdings ist im Gefühlsleben alle Zeit ein geheimer Widerwille gegen die Einmischung des Verstandes vorhanden. Das läßt sich auch sehr gut erklären. Gesühlserregung, wie edel sie auch sei, trägt stets in etwas den Charakter des Genusses an sich, und für den Genuß ist die Einmischung des Verstands ein Hindernis schon aus dem Grunde, weil er die Unmittelbarkeit stört, die eine Bedingung ungeteilten Genusses ist. Eins der allgemeinsten Merkmale aller Mystik ist das Streben nach unmittelbarer Beziehung zu dem Gegenstand der Verehrung. Daher die merkwürdige Neigung nach pantheistischer Weltanschauung bei den Mystikern. Sie dulden eben nicht, daß etwas zwischen sie und die Gottheit trete, sie wollen diese direkt umarmen; ein Wunsch, dem von Seiten des Verstands mit seiner Methode der Zergliederung und Begriffsbildung nicht entsprochen werden kann. Durch die begriffsbildende Verstandsthätigkeit kommt der Gegenstand der Verehrung für das Gefühl niemals in das Licht unmittelbarer Anschauung, sondern er wird durch den dazwischentretenden Verstand in die Ferne gerückt. — Ferner wird der Genuß um so bequemer, je mehr das Geistige in sinnliche Form gekleidet ist. Das Bild wirkt und ergreift viel stärker, als der Begriff. Auch darin läßt der Verstand das Gefühl unbefriedigt. Es ist eben nicht anders möglich; er muß immer wieder die sinnbildliche Vorstellung zu zergliedern suchen, um ihren Wahrheitsgehalt zu bestimmen, und damit verursacht er dem Gefühl Schmerz, da es nur erregt werden will und deshalb mehr aus die Form als aus den Inhalt giebt. Die Folge davon ist, daß das Gemütsleben der Zucht des Verstands am liebsten entflieht, und je mehr dies der Fall ist, desto ernster die Gefahr, daß das gesunde Gefühl in krankhafte Schwärmerei und Fanatismus ausartet. Wo daher die Religion als eine bloße Gefühlssache genommen wird, wo alles Religiöse nicht gedacht, sondern empfunden werden soll, da ist ein Verschwimmen aller religiösen Gedanken unausbleiblich, bei aller Gesühlsseligkeit doch jede innere Haltung und Festigkeit, jeder wahre Gewinn an Inhalt und That verloren, da ist auch Schwärmerei und Fanatismus wie von selbst gegeben mit ihrem ganzen unheilschweren Reich. Wer, mag er aus anderen Gebieten noch so klar denken, in der Religion nur eine Befriedigung von Gefühlen und eine Anregung der Phantasie sucht, wird allen möglichen Verirrungen ausgesetzt sein, und, ehe er es sich versieht, von fanatischen Schwärmern oder geschickten Betrügern ins Netz gelockt. Darum ist es für die Gesundheit der Religion eine unerläßliche Bedingung, daß sie niemals der Aussicht des Verstands sich entziehe. Denn das ist gerade die große Gefahr aller Gesühlsorthodoxie, die von der Vernunft Unterwerfung unter ihre Autorität fordert, daß sie keine eigene Ueberzeugung zuläßt und damit ihre Bekenner wehrlos gegenüber allen krankhaften Gefühlsregungen hinstellt. Es ist ein unschätzbarer Vorzug der israelitischen Religion, daß sie den ganzen Menschen, den einheitlichen Geist beansprucht, daß sie ihren Erweis und ihre Wirksamkeit in der Harmonie des Verstands und des Herzens, des Denkens und des Fühlens findet. Es ist hierfür charakteristisch, daß die bedeutendsten Denker in Israel, ein Maimonides, ein Gabriel, ein Juda Halevi die schärfste Verstandsentwicklung mit der innigsten Gläubigkeit vereinbar fanden, daß gerade in dem israelitischen Stamm ein höchst reges Gefühlsleben zur Charakteristik gehört, wie er sich namentlich im Familienleben und in der Wohlthätigkeit bethätigt.