Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Date
- 1901-08-09
- Page
- Seite 501 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32 Israelitische Wochenschrift. Seite 501. 140 000 Juden (10 pCt.), in London 120 000 oder 2,7 pCt., in Paris 75 000 oder 3 pCt., in Berlin 88 000 oder nicht ganz 5 pCt. — Die Zahlen sind Approximativzahlen. * * * t. (Russische Senatsentscheidung.) Wieder einmal hat sich gezeigt, daß der russische Senat in gegenwärtiger Zeit ein Hort des Rechts ist gegenüber den freveligen Auslegungskünsten antisemitischer Beamten. Der Gouverneur von Charkow hatte aus der Hauptstadt des Gouvernements einige jüdische Zahntechniker ausgewtesen, die nach seiner Meinung ihres Handwerkercharakters und ihres Handwerkerprivilegs dadurch verlustig gegangen waren, daß sie an der Universität Charkow Vorlesungen zu ihrer weiteren Ausbildung gehört hatten. Der Senat hat den Gouverneur belehrt, daß man einen Handwerker nicht ausweisen dürfe, weil er sich in seinem Handwerk zu vervollkommnen trachtet. ÄaatMinlster II. Dr. Koffe. Am Mittwoch, den 31. Juli, ist Staatsminifter D. Dr. Bosse aus dem Leben geschieden. Er hat ein Alter von nicht ganz fiebenzig Jahren erreicht. Nachdem er Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern und dann Staatssekretär des Reichsjustizamts, in dieser Stellung zugleich Vorsitzender der Kommission zur Ausarbeitung des deutschen bürgerlichen Gesetzbuchs gewesen, wurde er an Stelle des Grasen v. Zedlitz-Trütschler an die Spitze des preußischen Kultusministeriums berufen. Hier hat er über sieben Jahre gewirkt. Seit dem 4. September 1899 hat er dienstliche Obliegenheiten nicht mehr gehabt; er füllte seine Muße nützlich und verdienstlich mit schriftstellerischer Thätigkeit aus. Religiös und politisch der konservativen Richtung angehörig, wäre Dr. Bosse durch seine vorbildlichen menschlichen Eigenschaften vorzüglich angethan gewesen, aus allem politischen Streit, aus aller religiösen Meinungsverschiedenheit jedes verbitternde Element auszuschalten, auch die Anhänger getrennter Lehren zu gemeinsamem Thun friedlich und förderlich zu vereinen. Er war ein gerechter Mann, gerecht in jedem höchsten Sinn, teilnehmend, hilfreich und von großer Herzensgüte. Niemand hat sich je vergeblich an ihn gewandt, wo Beistand in seiner Macht lag; und die Art, mit der er sich gefällig erwies, erhöhte noch den Wert seines menschenfreundlichen Dienstes. Gerechtigkeit lag in seiner Natur, die dem Prunk abhold war, auch dem inneren Prunk, und namentlich der Selbstgerechtigkeit blieb sein ganzes Wesen fern. Weit, weit steckte er den Kreis seiner Pflichten, und seine Menschenpfltcht that er still, anspruchslos, unermüdlich, in reiner Menschenliebe. Des Staatsmanns Thun und Wirken zu beurteilen, ist hier nicht der Ort. Nicht als ob pietätvolle Rücksicht aus das frische Grab das offene Wort verböte. Nein, in dieser Richtung hat Dr. Bosse keine Prüfung und kein Urteil zu scheuen; vielmehr wird der Dank für sein Thun in demselben Maß wachsen, wie die Kenntnis von seinem steten und oft erfolgreichen Bemühen, dem gerechten Anspruch des Einzelnen wie der Gesamtheit zu seinem Recht zu verhelfen. Er freute sich, wenn er Anerkennung fand, aber Verkennung beirrte ihn nicht und nahm seiner Gerechtigkeit nichts von der heiteren Ruhe, die ihn stärkte und aufrecht erhielt. Was uns verbietet, das Tagewerk des Verewigten hier vorzusühren, das ist der Aufgabenkrets unseres Blattes selbst, das nur von jüdischen, aus Judentum und Judenheit bezüglichen Dingen zu reden berufen ist. Doch diese natürliche und notwendige Beschränkung hindert unS nicht, trauernden Herzens den Mann zu rühmen, dessen Gerechtigkeit nicht konfessionell beschränkt war, der die Vorschriften seiner Religion so auffaßte und bethätigte, wie jeder Fromme, welches Glaubens immer, die Vorschriften seiner Religion ausfassen und bethätigen sollte. Dr. Bosse war Kultusminister, als die Berliner städtische Schulverwaltung halb in bösem Willen, halb unbewußt, zur Entrechtung der jüdischen städtischen Lehrerinnen die Hand bot. Die Bezirksvereinsweisheit pries dafür den „liberalen" Magistrat, und erkannte erst spät, sehr spät, daß der angeblich reaktionäre Kultusminister es gewesen war, der das Unrecht eilends getilgt hatte, sobald er davon erfahren. „Ueber die Schwelle meines Ministeriums tritt der Antisemitismus nicht!" Dr. Bosse hat dies Wort, das er gesprochen, auch bewahrheitet. Es kam vor, daß er in einem Kreis, von der Ernennung eines jüdischen Physikus Abstand nahm, weil die besonderen Verhältnisse d^, Kreises das rajlsam erscheinen ließen; doch sicher ernannte ^er ^ann^einen jüdischen^Aysikus für einen anderen Ort, wo sonst ein solcher nicht in Frage gekommen wäre. Es war kurz nach den eben erwähnten Vorkommnissen, als Dr. Bosse in Karlsbad nachstehenden Brief erhielt: „Berlin, den 11. Juli 1896. Hochgebietender Herr Staatsminister! Euere Exzellenz feiern morgen den 64. Geburtstag. Ich habe im Laus der Zeit von Euerer Exzellenz so viele verwöhnende Freundlichkeit erfahren, daß ich mich berechtigt glaube, den herzlichen Wünschen, die ich für Euere Exzellenz in dankbarem Gemüt allezeit hege, heute Ausdruck zu geben. Es sei mir gestattet, auch hierbei, zwar nicht die Sprache, aber die Formel zu benutzen, die meiner Väter uralter Brauch geweiht hat, und Euerer Exzellenz zuzurufen: Ad centum et viginti annos! Ich habe für meine Glaubensgenossen bei Euerer Exzellenz gerechten Sinn gefunden. Das ist in diesen Tagen selten, und darum gebührt der seltenen Tugend doppelte Anerkennung. Wenn ich solche Anerkennung ausspreche, so maße ich mir kein Mandat an, nur als Wissender will ich Zeugnis ablegen. Sei Euerer Exzellenz für das Wohlwollen, das Sie den Nachkommen der Patriarchen geschenkt, der Patriarchen reicher Segen beschieden". Dr. Bosse antwortete hieraus was folgt: „Karlsbad, den 14. Juli 1896. Sehr geehrter Herr! Empfangen Sie meinen warmen Dank für die freundlichen Wünsche, die Sie mir in Ihrem geehrten Schreiben