Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 479 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 30. Israelitische Wochenschrift. Seite 479. Feiert. Meld. an M. Jsaac. — Argenau. Rel.-L. und K., 1350 M. Geh., fr. W., 3OO M. Nebeneink. Meld. an Jacob Schrubski. — Bütow. Sem. geb. Lehrer, K., Sch., 1800 M. Geh.. 250 M. Nebeneink. Meld. an I. Lewin. — Wonfurt b. Haßfurt Rel.-L., K., Sch. (ledig), 650 M. Geh., 400 M. Nebeneink., fr. W. Meld. an Michael Mahler. — Adelsdorf a Aisch in Unterfranken. Sem. geb. Rel.-L., K., Sch., 800 M. Geh., 600—700 M. Nebeneink. Meld. an Jacob Strauß. — Harburg, Bayern. Sem. geb. Rel.-L., K., Sch., 1250 M. Eink. Meld. an Gerson Stein. — Busendorf, Lothringen. K. und Sch., 1600—2000 M. Eink. Meld. an Jakob Bloch. — Sprendlingen b. Frankfurt a. M. Lehrer, K., Sch, 6OO M. Geh., 600—700 M. Nebeneink. Meld. an I. Stern- — Heilbronn, Württ. Sem. geb. Rel.-L., K., Sch., 1200 M. Anfangsgeh. Meld. an Vorst. — Neuenburg, W.-Pr. K., Balk, Sch., 1800 M. Geh. Meld. an Vorst. — Schildberg, Posen. Rabb., 1800 M. Geh., 600 M. Nebeneink. Meld. an Elkan Lewy. — Wangerin. K. und Sch., 1200 M. Eink. Meld. an Vorst. — Charlottenburg. Mus. geb. K. für hohe Feiert. Meld. an I. Raczinski, Verlinerstr. 58. — Unterriede nbergbei Brückenau. Rel.-L., K., Sch. Meld. an Hirsch Hecht. — Busendorf, Lothr. K. und Sch, 1600—2000 M. Eink. Meld. an Jacob Bloch. Kerl brr K ach er. Ein Ghettobild. Von Moritz Steinhardt-Berlin. Meine Muhme Gitel meinte immer, daß wegen Berls Häßlichkeit der Meschiach nicht kommen könne. Als aber Bert gestorben war, meinte sie, daß nun erst recht die Auferstehung nicht so bald käme, denn da müßte ja Berl auch wieder auferstehen, und das könne der Erlöser denn doch nicht wollen. Sie hatte aber wirklich recht. Wer den kleinen verwachsenen Mann sah, mit seinen siechenden Augen und seiner spitzen Nase, der konnte das Gruseln erlernen. Der äußere Schein log, denn Berl der Bacher war ein seelensguter Mensch, der keine Fliege töten konnte. Und doch nahte man sich dem Mann mit einer unerklärlichen Scheu. Hing doch das Geraten eines tadellosen Schabbes von ihm ab. An ihm lag es, daß die ganze Gemeinde fröhlich beim Mahl sitzen konnte, wodurch er sich die Dankbarkeit der Hausfrauen erwarb. Welches Unheil konnte er aber auch über so viele festlich gestimmte Menschen bringen, die nach der sauren Arbeit einer Woche der behaglichen Ruhe pflegen und sich an den Schabbeskuchen oder an der Schabbeskugel erfreuen wollten. Geriet die „Kugel", so waren alle voll des Lobes über Berl den Bacher, man rühmte seine fachliche Tüchtigkeit und besonders seinen Lokalpatriotismus. Berl setzte alles daran, den Ruf der „Schalelkugel" seiner Vaterstadt nicht zu gefährden; denn was nützt die beste „Füllung", wenn das Backen nicht von kundiger Hand geleitet wird! Was gilt ein schöner Kuchenteig, wenn der Backofen zu heiß oder zu kalt ist! Wie ein Schlachtenlenker saß Berl in einem abgeschabten, grünlichen Rock mit speckigem Sammetkragen, den er sicher von seinem Urahn geerbt, am Freitag Nachmittag am rissigen und baufälligen Backofen und starrte in die Glut, manövrierte mit der Holzstange, um des Feuers Macht wohlthätig zu verteilen. Seine einzige Helferin war seine hochbetagte Mutter Zipperl; sie mußte ihm das trockene Reisig reichen, das er mit verständnisvoller Miene prüfte, ob es nicht zu feucht sei, und nach dieser Prüfung in den Ofen schob. Er sprach kein Wort, seine Augen funkelten und seine vertrockneten Lippen zitterten. Hie und da strich er sich mit dem roten, von Schnupftabak durchtränktem Tuch den Schweiß von der Stirn, dann kletterte er von seinem Sitz heraus. Berl wusch ffich Hände und Gesicht am Brunnen, und befriedigt setzte er sich auf die steinerne Bank, um die Kunden zu erwarten. Jeden Naps, den man ihm brachte, prüfte er aufs genaueste, ob er nicht zersprungen sei, damit auf ihn nicht die Schuld falle, wenn der Inhalt mißriet. Nahm er einen Mangel an dem Geschirr wahr, so verweigerte er die Annahme. Jeder Topf mußte einen Zettel mit dem Namen des Besitzers haben — auch daraus hielt er sehr streng — doch mit hebräischen Buchstaben mußte der Name geschrieben sein, denn aus die „neumodische" Schrift, sagte er, kenne er sich nicht aus. Berl konnte sich nicht lange der Ruhe erfreuen, denn bald nachdem er sich auf die Bank gesetzt, kamen sie heran, die Jungen und Mädchen und überreichten Berl die Backgeschirre sonderbarster Formen. Stumm prüfte er das ihm Dargereichte, doch hatte jeder noch einen besonderen Wunsch: der eine wollte den Kuchen nicht zu braun, der andere mehr gebräunt und ein dritter nur leicht gebräunt haben, ebenso war es mit den „Kugeln". Dies alles hörte Berl mit seltener Ruhe an, indem er bei sich dachte: „ich mache es ja doch nur, wie es sein muß". Besonderen Wert legte er daraus, den Ösen stets mit Pünktlichkeit zu schließen. Kein Bitten und Flehen half, wenn jemand nach der festgesetzten Zeit ein verspätetes Erzeugnis zum Backen brachte und Berl seinem Grubensitz bereits entstiegen war. Er schickte solche Nachzügler immer mit der Bemerkung fort, daß der Schabbes bald „eingeht", sie mögen doch zum „Gojimbäcker" gehen. Wenn er nun seinen Backofen vollgepackt hatte, begann er ein wenig auszutauen und redselig zu werden; er freute sich seines vollendeten Werks und rieb sich vergnügt die schwarzgewordenen, mageren Hände. Einige übermütige Mägde, die sich mit Berl gern einen Scherz erlaubten, singen ihn zu hänseln an: warum er, ein so schön gewachsener Mann, Junggeselle geblieben. Da setzte er sich zu den Mädchen auf die Steinbank und begann von seiner goldenen Jugend, von seiner ersten, aber unglücklichen Liebe zu erzählen. „Ihr habt sie nicht mehr gekannt", begann er, „meine gottseelige Channe", und ein tiefer Seufzer entrang sich bei diesen Worten seiner Brust. „Acht Tage vor der Chassene war es, da brannte es in der Gasse; beim Rosch- Hakohol wütete das Feuer am ärgsten und das einzige Töchterchen von diesem war in Gefahr, zu verbrennen; meine Channe hat das Kind gerettet, aber sie selbst hat so schwere Brandwunden erlitten, daß sie nach drei Tagen in meinen Händen ihre Neschome aushauchte". Heiße Thränen rannen dem Mann über die Wangen, und mitleidsvoll sahen ihn die Umstehenden an. Das war die allwöchentliche Erzählung Berls. So ging er mit Gram und Kummer im Herzen seiner Wege, doch voll froher Hoffnung, seine Channe im Jenseits, im Gan-Eden einst wiederzusehen. An jedem Rosch-Chaudesch sah man Berl am Grab Channes heiße Gebete verrichten, und gestärkt kehrte er stets in seine Hütte zurück. Noch ein schwerer Kummer wars, der ihn drückte und der auf seiner Seele lastete. Mit bangem Herzen sah er stets dem