Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. Seite 480

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
Seite 480 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605465--8242-9605481
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 480. Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. Schowuausseft entgegen, und nervöse Unruhe bemächtigte sich seiner. Vor mehreren Jahren war es, am Vorabend des genannten Festes. Die Zworach-Kuchen (Käsekuchen) lagen aus kleinen und großen Backblechen vielverheißend an der Erde. Das Feuer im Backofen war in der richtigen Temperatur und Berl freute sich schon im Innern auf das Lob der Gemeinde. Doch mit des Schicksals Mächten konnte selbst Berl keinen ewigen Bund flechten. Berts Mutter lag krank im Bett, und er mußte sich zu ihr in die Stube begeben, um ihr eine Labung zu reichen. Diesen unbewachten Moment benutzten einige lose Frevler, indem sie von mehreren Becken dem Teig den süßen Inhalt entnahmen und die leere Hülle wieder zuklebten. Berl weilte länger, als er beabsichtigt, und draußen stand schon eine Menge harrender Kunden. Erregt über diese Verspätung, begann Berl das Versäumte rasch nachzuholen, stieg in die Grube und schob die Becken und Näpfe flugs in den Ösen. — Es geriet alles prächtig, Berl war seelenvergnügt. Am andern Morgen ließ ihn der Gemeindevorsteher rufen. Berl konnte sich nicht enträtseln, was diese Vorladung zu bedeuten hätte. Es war noch nie vorgekommen, daß ihn jemand rufen ließ. Klopfenden Herzens trat er seinen Weg an. Er traute seinen Augen kaum, als ihm die Köchin des Vorstehers die käselosen Kuchchen zeigte. Die Erbitterung über diesen Bubenstreich raubte Berl die Stimme, und geknickt sank er in den Küchenstuhl. Als er wieder auf dem Heimweg war, öffneten sich einige Fenster der Gasse, und aus diesen rief man nach ihm. Wie von Sinnen blieb er stehen, und bei einem Fenster wurde ihm der Käsekuchen hinausgereicht. Er starrte ihn an. Doch was halss, der Kuchen war da, der Käse fehlte. Wie konnte ihm, dem nahezu Unfehlbaren, so etwas passieren! Das Geschehene war nicht mehr zu ändern, aber Berl wurde seit jenem Tag ein Menschenfeind, und überall glaubte er das Unglück auf ihn lauern zu sehn. Scheu schlich er des Abends in die dunkelnde Gasse, um seinen bescheidenen Bedarf einzuholen, bei Tag fürchtete er, gesehen zu werden; er mied die Menschen. Nur Freitag Nachmittag, wenn cs an seinem Backofen rege zuging, thaute er für kurze Zeit ein wenig auf, versank aber bald wieder in tiefe Wehmut, wenn ihn sie Mädchen veranlaßten, ihnen von seiner Channe zu erzählen. Während Berls Mutter noch am Leben war, fühlte er sich wie ein Kind, abhängig von der Leitung und dem Rat Zipperls. Sie nahm ihm alle trüben Gedanken fort, und für alles hatte sie Troftesworte. Als Zipperl starb, wurde Berl erst die Größe seines Unglücks gewahr, und seine Einsamkeit machte ihn noch freudloser. Er vernachlässigte seinen Berus, kein Feuer wollte recht brennen, kein Kuchen wollte mehr geraten, er sah nicht mehr daraus, ob ein Napf mit Zettel versehen war. So wurden die Kuchen vertauscht und Berl fiel immer mehr in Ungunst. An einem Freitag war es, es war gerade Rosch-Chaudesch, da fanden die wenigen, Beil noch treu gebliebenen Kunden bcu Backofen kalt, kein dürres Reisig lag umher, die Grube, in der Bert der Bacher stets gesessen, war leer. Die Mädchen blickten einander verwundert an, was denn mit Berl auf einmal geschehen sei. Stumm gingen sie und kopfschüttelnd nach Haus. „Wo ist Berl geblieben?" — fragten sie sich. — Draußen am „guten Ort" saß Berl an einem frisch aufgeworfenen Grabhügel, mit einem großen, vergilbten Gebetbuch in der Hand, und sang eine rythmenlose Melodie; dann fing er zu weinen an, daß sich die Thränen über seine Wangen ergossen. Er sprang aus, vergrub seine Hände in den Hügel, als ob er ihn aufscharren wollte. Da kamen Leute herbei, die Berl suchten. „Berl, was machst du, heute ist ja Freitag?" Als er der Leute ansichtig wurde, erbebte er am ganzen Körper und wie leblos siel er zur Erde. Man trug ihn von der Stelle. Und als er anderen Morgens im Spital, wohin man ihn gebracht, erwachte, lag ein mildes Lächeln aus seinen Zügen. „Mutter", ries er der Krankenfrau entgegen, „nicht wahr, morgen will ich mit Channe Chaffene machen?" Berl hatte den Verstand verloren. Man gab ihn ins Versorgungshaus. Sein Schicksal trug er mit ruhiger Ergebung. Sein Backofen, der keiner Reparatur mehr wert war, war zerfallen, das kleine Häuschen wurde abgetragen, um einem Neubau Platz zu machen. Berl aber saß stumm am Gitterfenster seines neuen Heims und starrte hinaus ins Leere, als ob er aus jemand wartete. War aber eine Hochzeit in der Gemeinde, so war Berl der erste vor der „Schul", um eine Chuppestange zu halten. Wenn dann unter den Klängen der ländlichen Musik die Braut unter die Chuppe geleitet wurde, lächelte Berl vergnügt, und im Geist sah er sich an der Seite Channes. War die Trauzeremonie zu Ende, so ging er zu den umstehenden Hochzeitsgästen und lud sie zu seiner Hochzeit ein, die „morgen" stattfinden solle. So wartete Berl noch viele Jahre aus das „morgen", bis ein milder Richter seinem gebrochenen Herzen und seinem getrübten Geist die ewige Ruhe gab. L»rief- und Fragekaslen Herrn A. M. in H. Für die vorige Nummer um einen Tag verspätet. — Herrn Dr. W. in B. Schönsten Dank für die freundliche Auskunft. — Herrn L. E. in N. Ist nicht geeignet. Der Verfasser jenes Artikels ist möglicherweise ein guter Arzt, aber sicher ein schlechter Statistiker. Er würde sonst wissen, daß mau sehr kleine Zahlen nicht mit sehr großen in Vergleich stellen darf. Besten Gruß. — Herrn L. N. in B. Dank für die Mitteilung. ln Preislagen von Mit. 1,20, 1,40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per ty2 Ko Allen Frenndcn eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Gebrannte Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Max Schäffer in Berlin. zum Wurzen ist und bleibt die beste billigste und ausgiebigste Würze schwacher Suppen und Speisen. — Wenige Tropfen genügen! — In Fläschchen schon von 25 Pf. an. Zu haben in Delikatess-u.Kolonialwarengeschäften. Verlag Siegfried Lronbach, Berlin W. 67. — Druck: Arthur Scholem, Berlin 6., Roßstr. ».

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.