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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. Seite 472

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
Seite 472 (sequence 8)
Language
German
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Seite 472. Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. und Heil einst reich ausgehen wird — dann fragt so mancher ungeduldig: sind nicht schon Jahrtausende hingegangen, und wo bleibt die Ernte? Sind schon alle Vorurteile geschwunden? Ist es Tag geworden allüberall? Tag in den Geistern, Tag in den Herzen der Menschen? Wozu noch länger verharren in unserer Stellung? Wozu noch länger säen, wenn die Ernte sich nicht zeigen will? Denen, die also reden, entgegnet die Religion: Nicht erntet der Geist so rasch, wie die Natur. Das Saatkorn, das dem Geiftesboden anvertraut ist, treibt ebenso sicher und gewiß seine Frucht, wie das der Erde übergebene — nur in langen, von uns nicht zu übersehenden Zeiträumen. Derselbe Gott, der gesprochen, „Saat und Ernte sollen nie aufhören", auf jede Saat soll die Ernte folgen, derselbe Gott wacht über jeden Gedanken, jede Lehre, jedes Wort, jede That, die irgend eines seiner Menschenkinder ausgesprochen und geübt hat, auf daß die Menschheit edler, reifer und vollendeter werde. Wenn man sagt, jede Zeit sei die Wirkung der ihr vorangegangenen, so dürfen wir das nicht in schattenhafter Unbestimmtheit nehmen. Auch in der geistigen Welt geht kein Atom verloren; was je war, das verharrt unvertilgbar; in unfern Geistern leben die Geister aller Verstorbenen aller Zeiten. Das ist es, was man Tradition nennt, nämlich die Bestimmung, daß jedes Geschlecht die geistige Erbschaft seiner Väter antritt. Die Gedankenelemente, die in solcher Weise überliefert werden, mögen immerhin mannigfache Schicksale _ ersghren — vernichtet werden sie nicht. Hieraus beruht das geistige Leben, seine Gesundheit und seine Krankheit, seine Stetigkeit und sein Kampf. Sehen wir uns um, wie viel Licht von unserer Religion bereits ausgeströmt, in wie viel Menschenherzen durch ihre Lehre Ruhe, Trost und Seligkeit gesenkt worden! Daß man uns das nicht eingesteht — was thut das der Wirklichkeit für Eintrag? Und wenn wir noch immer durch Herabsetzung und Bedrückung zu leiden haben, so liegt der stärkste Trost und die größte Beruhigung darin, daß man uns dadurch das Bewußtsein der Menschenwürde nicht schmälern kann. „Der Ewige zürnte über mich um euretwillen und hörte nicht auf mich", so lautet es im Text, „der Ewige sprach zu mir: es ist genug, steige hinauf auf die Spitzen des Pisga, hebe deine Augen auf . . . du wirst nicht über den Jordan kommen". Es sollte dem göttlichen Mann der heißeste Wunsch versagt werden. Und warum? Der Ewige zürnte des Volkes halber! Steht Mose hierdurch etwa minder groß in der Geschichte? Durchaus nicht. Vielmehr trägt seine Entsagung und Ergebenheit nur dazu bei, seine Würde noch zu erhöhen, seine geistige Kraft noch sichtbarer hervortreten zu lassen. Das, was einmal in dem Plan der welttreibenden Vorsehung liegt, kann der Mensch nicht abändern. Seine Blicke mag er dahin richten, sein Verlangen, seine Sehnsucht mag und soll immer aus das Höhere gerichtet sein; aber entsagen muß er, wenn Gottes Ratschluß ihm den Besitz versagt. Israel hat vieles, ja wir sagen kühn, das Meiste beigetragen zur Gestaltung des jetzigen Weltbewußtseins, obgleich dieses Moment mit Stillschweigen übergangen wird. Jener * ewige Protest der Juden gegen die Tochrerreligion mußte schließlich die Kirchenlehrer zwingen, immer und immer wieder aus die Dogmen zurückzukommen, bis endlich in der neueren Zeit die freie kritische Denkweise hervorgerusen wurde. Und so sieht das Judentum die Welt von ihrer Verirrung gegen sich täglich immer mehr zurückkommen, sieht die Schrecken weichen, die Gewalten sich verziehen. Es kann sagen, es hat ausgeharrt. Und dieses Ausharren hat schon zum Teil das Ziel erreicht; denn es hat wirklich die religiöse Idee für die Zukunft der Menschheit bewahrt. Schön und tiefsinnig drückt der Talmud dieses Verhältnis zur Welt aus. Es heißt: „denn wie die vier Winde habe ich euch zerstreut", spricht der Herr! Was meint der Prophet? Meint er etwa, daß Gott Israel in die vier Weltenden zerstreut habe, dann müßte es ja heißen i n die vier Winde, nicht aber wie die vier Winde. Nein, das meint er: so wie die Welt nicht bestehen kann ohne Winde, so kann sie auch nicht ohne Israel bestehen; wie das Wehen der Winde die Welt vor Fäulnis bewahrt, so ist Israel da, um alle Fäulnis in der Welt zu vernichten. Die Inden in Ackerbau «nd Handwerk. Sehr geehrter Herr Redakteur! Seit kurzem wird wieder in jüdischen wie nichtjüdischen Zeitungen die schon häufig erörterte Frage besprochen, ob Juden „produktiv" thätig sind oder nicht. Unter „produktiver Thätigkeit" wird hierbei — freilich unwissenschaftlich genug — nur die des Bauern und des Handwerkers verstanden, während es doch keinem Zweifel unterliegen kann, daß, volkswirtschaftlich gesprochen, Gelehrte, Künstler, Kaufleute in gleicher Weise produktive Arbeit leisten. Aber selbst wenn hierunter nur Handarbeit im Gegensatz zur Kopfarbeit verstanden werden soll, trifft der Vorwurf, Juden seien in Berufen, die mit körperlicher Anstrengung verbunden sind, nicht vertreten, diese in keiner Weise. Mit Recht ist schon von Rabbiner Dr. Münz in Gleiwitz aus die Handwerker Schlesiens, von anderer Seite aus die jüdischen Bauern in Argentinien und den übrigen Kolonien verwiesen worden. Zu verwundern ist nur, daß bisher nicht die amtliche Statistik des deutschen Reiches herbeigezogen ist, die genau angiebt, wie viel Juden aus unserm heimischen Boden landwirtschaftliche Berufe betreiben. Gestatten Sie mir hierfür die Zahlen der Berufs- und Gewerbestatistik des deutschen Reiches vom 14. Juni 1895 anzusühren. Danach giebt es in der Landwirtschaft, Gärtnerei, Viehzucht, Forstwirtschaft und Fischerei: Männl. Weibl. a) Selbständige Israeliten. . b) Wirtschafts beamte, . 1197 419 1616 Wirtschafterinnen rc. 73 3 76 c) Knechte, Mägde rc. ... . 893 786 ---- 1679 2163 1208 3371

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