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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. Seite 471

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
30 (26.7.1901)
Date
1901-07-26
Page
Seite 471 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 30. Israelitische Wochenschrift. Seite 471. lohnung schmachvoller Dienste bildeten und heute noch als Höflichkeits- und Eitelkettsentlohnungen gang und gäbe sind! Herr Professor Max Müller spricht von Dessauer Verhältnisten vor fünfzig Jahren, stellt sie uns als Vorbild hin und giebt uns zu verstehen: wir würden nicht über Antisemitismus zu klagen haben, wenn wir noch dieselben wären, wie die Juden in Dessau vor fünfzig Jahren. In der That scheinen die Destauer Juden von damals, wenn wir Herrn Max Müller glauben dürfen, vorzüglich dazu angethan gewesen zu sein, uns als Vorbild zu dienen. Die Destauer Christen von damals aber sind, nach demselben Gewährsmann, nicht in dem gleichen Maß vorbildlich gewesen, denn sie haben einem wackeren, arbeitsamen, redlichen, nützlich thätigen und wissensreichen Mann die schuldige Achtung nicht gezollt, die man ihm nicht vorenthalten hätte, wenn er nicht Jude gewesen wäre! Wir können das Zeugnis des Herrn Max Müller nicht blos nach einer Seite gelten lassen; wir müssen es ganz verwerfen oder ihm Wert in beiden Richtungen beimessen. Demgemäß können wir nicht umhin, auf seine Autorität gestützt, zu sagen: Das Destauer Ghetto-Idyll mit den geduldeten Laubhütten in den Judengassen ist nicht ganz ungetrübt und zeigt nicht durchaus Zustände, deren Aufgeben beweinenswert wäre; und die kindliche Duldsamkeit von vor fünfzig Jahren, die den Juden den Tod Christi vergab und vergaß, hinderte weder das stille Gefühl der Ueberlegenheit über die „blos Geduldeten", noch die direkte Ungerechtigkeit selbst da, wo man dem „Geduldeten" Dank schuldete! Was Herr Max Müller von dem Brauch der drei Steine und ihrer Zweckbestimmung berichtet, ist sicherlich dem damaligen Schammes von Dessau getreulich nacherzählt. Herr Max Müller hat nichts erdichtet, aber auch die Mühe der Prüfung hat er sich gespart; er würde sonst nicht versäumt haben, ausdrücklich zu sagen, was für unsere Leser zu bemerken überflüssig wäre: daß man ihm die Narrendeutung eines örtlichen Brauchs von unbekanntem Ursprung gegeben hat. Zum Schluß noch eine Bemerkung: Herr Professor Max Müller sagt, daß in seiner Jugendzeit übergetretene Juden von ihren früheren Glaubensgenossen nicht verfolgt wurden, wie es heute der Fall sei. Herr Max Müller irrt sich. Wir verfolgen die Religionsgenosten nicht, die sich von uns losgesagt haben. Dazu fehlt uns die Macht, und wenn wir die Macht hätten, so würde uns der Wille fehlen. Unsere Gefühle unseren Renegaten gegenüber sind ganz anderer Art: wir bedauern und verachten sie. Im Wochembschkitt. Von Rabbiner Dr. B. Selig ko witz-Cöthen. Des Menschen größter Vorzug besteht darin, daß er in allen drei Zeitabteilungen zugleich zu leben vermag. Ihm gehört die Gegenwart, in ihr denkt, fühlt und wirkt er; die Vergangenheit weiß er sich auzueignen, indem die längst dahingeschwundenen Jahrhunderte mit ihren Erfahrungen ihm Aufschluß geben, so er sie befragt; nicht minder versteht er die Kunst, in der Zukunft zu leben. Und mag sie sich auch in einen dichten Schleier hüllen, sein geistiges Auge sucht auch durch den dichten Schleier zu dringen, und gänzlich verborgen bleibt ihn das Kommende nicht. Weil in der Regel die Vergangenheit die Mutter der Zukunst ist, so kann der Verstand der Verständigen in dem wenn auch fernstehenden Spiegel der sich entwickelnde^ Zukunft gar mancherlei Gestalten schauen. Denn wie die Gegenwart mit jedem Augenblick Vergangenheit wird, so bildet sich die Zukunst mit jedem Pulsschlag zur Gegenwart heran. So eindringlich Vernunft und Religion die Lehre predigen, „nutze die Gegenwart dergestalt, daß du, wenn sie entflohen, auf sie mit heiterem Gemüt und ohne Vorwürfe schauen darfst; um die Zukunft aber kümmere dich nicht, überlaß sie der waltenden Vorsehung" — so begnügen wir uns doch weder mit der hinter uns liegenden Vergangenheit, noch mit der kaum begonnenen Gegenwart; sondern das Künftige wünschen und suchen wir. Sehen wir gar im Geist, wie die Zukunst die segensreichen Saat, die wir ausgestreut, zu segensreicher Ernte reisen läßt, — wie erhebend für die Menschen muß dann erst die Aussicht aus die Zukunst werden! Mose wollte nicht diesseits des Jarden von seinem Volk scheiden, sondern es selbst hinübersühren und in das Land seiner großen und heiligen Bestimmung begleiten. „Du selbst Haft angesangen, deinem Knecht deine große und starke Hand zu zeigen . . . möchte ich doch hinüberziehen und das schöne Land sehen, das jenseits des Jarden liegt, dieses schöne Gebirge und den Libanon". Ist das Libanon-Gebirge denn so wundervoll, daß der unsterbliche Lehrer ein so großes Verlangen hegte, es zu sehen? Nicht der Libanon und nicht seine Cedern waren der Gegenstand seines Verlangens: „Libanon, das ist der Tempel, der aus des Libanon Cedern erbaut worden". Das war das Höchste, das Wertvollste, das es für den Propheten gab. Es war das Haus, daraus der Name Gottes genannt, das als der Sitz Gottes geheiligt werden sollte. Durch ihn sollte die Gemeinde Israel eine Gemeinde sein, die Gesetz und Recht als Mittel- und Vereinigungspunkt hat. Im Tempel saß das hohe Gericht, das zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, über Mein und Dein, über Leben und Tod zu entscheiden hatte. Denn da, wo Gesetz und Recht herrschen. Recht und Gerechtigkeit gehandhabt werden, daß der Schuldlose geschützt sei gegen feindlichen Angriff und ungerechte Bedrückungen, da wohnt Gott, da ist Gottes Herrlichkeit und Majestät in ihrem erhabensten Glanz gegenwärtig. Ein solches Land sollte das israelitische sein, ein solches Volk sollte darin wohnen. — Dies zu sehen, danach sehnte sich das Herz des Propheten, das war sein Verlangen, das war der Gegenstand seiner Wünsche, das war das Ziel seines Strebens. Gewiß fragt mancher Israelit, wenn man ihm die Aufgabe seines Volkes kündet, wenn man ihm sagt: „Israel war das Saatkorn, das Gott selbst gepflanzt hat, aus daß die ganze Welt seine Gottessaat ernte, die Saat des reinen Glaubens, der echten Tugend, wenn man ihm von seiner Geschichte erzählt, wie die Ahnen Jahrtausende sestgehalten haben an der Verheißung Gottes, daß die Ernte ihrer so unendlich opservollen Ausdauer im Aussäen und Pflanzen von Licht

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