Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 470 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 470. Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. Ausgaben und suchen in jeder Art ihre nichtjüdischen Nachbarn zu überstrahlen. Sie kaufen sich Titel und bedingen sich, wenn sie können, Sterne und Orden aus als Belohnung für erfolgreiche finanzielle Unternehmungen, die sie mit dem Geld fürstlicher Persönlichkeiten ausgeführt haben. Hieraus ist die über ganz Deutschland sich erstreckende Gefühlsabneigung entstanden, die man Antisemitismus nennt und nicht blos eine soziale, sondern schon eine politische Bedeutung erlangt hat. Ich bezweifle, daß die Religion damit irgend etwas zu thun hat, wie zu der Zeit, da wir Knaben waren. Der antisemitische Haß ist der Haß gegen den Geldmacher, der nicht schwere Arbeit nötig hat, sondern einzig ein auskömmliches Anfangskapital, Hartnäckigkeit und spekulative Schlauheit. . . . Man kann die Juden so wenig wie andere Spekulanten tadeln, daß sie sich ihrer Hilfsmittel bedienen; aber sie dürfen sich auch nicht beklagen, wenn sie Neid erregen, und wenn dieser Neid am letzten Ende einen gefährlichen Charakter annimmt. Die Juden leiden unter gewissen Unbequemlichkeiten, sie genießen aber auch gewisse Privilegien gegenüber ihren christlichen Mitbewerbern in Deutschland. Sie haben die Staatsangehörigkeit, aber sie gehören auch zu einem Staat im Staat. Sie haben sozusagen unseren Sonntag und zugleich ihren Sabbat. Der Jude wird immer dem Juden gegenüber einem Christen beiftehen — und wer möchte ihn deswegen tadeln! Man kann nur sagen, daß sie sich über ihre Unpopularität nicht beklagen, sondern sie als einen Teil des Risiko betrachten sollen, das sie auf sich nehmen. Die Juden, wie sie vor fünfzig Jahren in Dessau waren, hat kein Mensch gehaßt. Sie hatten ihre eigenen Schulen und ihre Synagoge, und niemand verwehrte ihnen, wenn sie zur Zeit des Laubhüttensestes in den Straßen ihre Laubhütten errichteten, in denen sie lebten, feierten und schliefen, zur Erinnerung an ihren Aufenthalt in der Wüste. Man sah ihnen sogar beleidigendere Bräuche nach, daß sie beispielsweise drei Steine in die Särge legten, die der Tote gegen die Jungfrau Maria, deren Gatten und Sohn schleudern sollte. Niemand hatte sie im Verdacht, Christenkinder zu ermorden oder mit deren Blut Opfer darzubringen. Dafür kannte man sie zu gut. Uebertritte von Juden waren nicht selten, und bekehrte Juden wurden nicht, wie jetzt, von ihren ehemaligen Religionsgenossen verfolgt. Auch Ehen zwischen Christen und Juden waren nicht ungewöhnlich, besonders wenn die junge Jüdin schön oder reich oder gar beides zugleich war. So widerwärtig die antisemitischen Aufruhrszenen in Deutschland und Rußland waren, so ist doch außer Zweifel, daß beide Parteien Tadel verdienen, und es wird noch mancher Schädel eingeschlagen werden, ehe Aussicht aus Wiederherstellung des Friedens sich zeigt." Die Preßverhältnisse im damaligen Dessau waren von den heutigen sehr verschieden. Gab es in Spanien oder in der Türkei eine Schlacht, so erfuhr keine Seele davon, bis es der Regierung oder den jüdischen Bankiers gefiel, eine Mitteilung zu verbreiten. Der Dessauer Handel war meist in den Händen der Juden. Es scheint, daß man auch die Kenntnis der modernen Sprachen von den Juden bezog. Max Müller hatte auf dem Gymnasium französischen Unterricht, lernte aber nicht viel, weil der Lehrer nicht imstand war, in der Klasse die Disziplin aufrecht zu erhalten. „Ich wurde", berichtet Max Müller, „zu einem alten Juden geschickt, bei dem ich Französisch und ein wenig Englisch lernen sollte. Dieser alte Jude — er hieß Levy Rubens — war ein vollkommener Gentleman. In seinen früheren Jahren war er vermutlich in einem Handelshaus angestellt gewesen, doch wußte niemand bestimmt, woher er kam und wie er seine Sprachkenntnisse erworben. Er hatte meinen Vater und meinen Großvater unterrichtet, und war entzückt, daß er auch die dritte Generation unterweisen konnte. Er sprach Englisch und Französisch sehr fließend, aber mit streng jüdischem Accent, den er aus alle seine Schüler in Dessau vererbte. Ich schäme mich heute noch, wenn ich an die Streiche denke, die wir dem alten Mann gespielt haben ... er aber absolvierte die Lektionen, als ob nichts geschehen wäre. Er nahm seine karge Bezahlung und war zufrieden, wenn die Stunden vorüber waren und er zu seiner langen Pfeife und zu seinen Büchern sich niedersetzen konnte. Er lebte ganz allein, ein hart arbeitender, ehrsamer, alter Jude, nicht gerade geringschätzig behandelt oder verfolgt, aber nicht mit der Achtung behandelt, die er sicher verdiente und die man ihm nicht vorenthalten hätte, wenn er nicht ein Jude gewesen wäre." Wir haben diese Mitteilungen aus Max Müllers Autobiographie wiedergegeben, weil sie uns sehr interessant scheinen. Interessant sind sie namentlich in dem, was zwischen den Zeilen steht und was der Autor mehr verrät als sagt, nicht weil er die Absicht des Versteckens hat, sondern weil es ihm selbst nicht ganz zum Bewußtsein gekommen ist. Es ist überaus bezeichnend, daß ein Mann, wie Max Müller, der sich unbedingt für einen vorurteilsfreien Mann hält und in gewissem Sinn auch vorurteilsfrei war, gleichwohl von der Befangenheit seiner Kinderjahre sich nicht freimachen konnte. Er hat als Kind den Juden vergessen und vergeben, daß sie „Christum gekreuzigt" haben, er hat auch heute unvermindertes Wohlwollen für sie — aber die Verfolgungen des Antisemitismus, meint er, haben die Juden sich selbst zuzuschretben, weil sie nicht im Ghetto geblieben sind, weil einige von ihnen Reichtümer erlangt haben und zuweilen sogar mit diesen Reichtümern prunken. Das ist in Max Müllers Augen oder vielmehr in Max Müllers Gefühl ein hinreichend schweres Verschulden, um die Greuelthaten der Antisemiten zu erklären, halb zu entschuldigen oder mindestens auszuwiegen. Seine Menschenliebe und sein Gerechtigkeitssinn erschöpfen sich darin, den Juden Ruhe und Frieden und selbst die Errichtung von Laubhütten aus den Straßen zu gönnen, vorausgesetzt, daß sie das Ghetto nicht verlassen und dem Neid kein Ziel bieten. Wie schade, daß Herr Professor Max Müller sich niemals die Mühe gegeben hat, darüber nachzudenken, ob es wirklich ein Unrecht von den Juden gewesen, daß sie nicht freiwillig im Ghetto ausharrten, nachdem die Ghettomauern gefallen waren, und ob es wirklich eine Störung der sittlichen Weltordnung darstellt, wenn für sehr reale von Juden geleisteten Dienste zuweilen Ordensauszeichnungen gegeben wurden, noch lange nicht so prunkvoll wie die Ordensauszeichnungen, die Jahrhunderte hindurch die regelmäßige fürstliche Be-