Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 469 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 30. Israelitische Wochenschrift. Seite 469. die beiden Journalisten durch den Geistlichen auffordern, die Kirche augenblicklich durch eine Seitenthür zu verlassen. Es ist wohl nicht nötig, zu sagen, daß die beiden Herren Juden waren." Die Meldung klingt nicht glaublich. Ein Erzbischof kann unmöglich vergessen, daß — sein Herr doch auch ein Jude war. * * -» (Ganz wie bei uns.) Aus Paris wird der „Nationalzeitung" berichtet: „Ein Chroniqueur des Döroulöde'schen „Drapeau" gedachte dieser Tage mit Rührung der Bartholomäusnacht, die das „Hugenottenpack lichtete", und einer seiner Berufsgenossen scherzte fast gleichzeitig über die Bastille, wobei etliche Schweizer „Zwinglianer oder Kalvinisten, immer noch nicht genug", umkamen. Noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Ton in anderen als ultraklerikalen Blättern nicht möglich gewesen; heute fällt er kaum mehr auf, so sehr hat der Gegensatz zwischen dem Katholizismus in Frankreich und den anderen Bekenntnissen sich zugespitzt. Die Anhänger der Kongregationen erblicken darin nicht mit Unrecht einen Vorteil, den sie überall auszunutzen suchen, indem sie sich wohl hüten, die gedankenlos allen Unsinn nachbetende Menge von der Thatsache zu unterrichten, daß in der Kammer und im Senat bekannte Protestanten vor allen tendenziösen Uebertreibungen bei der Ausarbeitung des Bereinsgesetzes warnten, wie andererseits der seither verstorbene Dekan der protestantischen Theologiesakultät in Paris, A. Sabatier, das Gutachten der akademischen Lehrer zu Gunsten der freien, d. i. der von Geistlichen geleiteten Unterrichtsanstalten mit Unterzeichnete. Da darf es nicht überraschen, wenn die Protestanten, denen nicht nur eine systematische Anfeindung alles Katholischen, sondern sogar Verrat an der französischen Sache, diesmal im Interesse Englands, vorgeworfen wird, sich ebenfalls regen und zur Abwehr rüsten. Noch hat sich die Entrüstung über die Anschuldigung Thiöbauds, des Exboulangisten, dessen Spezialität jetzt die Protestantenhetze ist und der über achtzig französische Pastoren als engliche Söldlinge bezeichnete, noch nicht gelegt. Die so öffentlich Gebrandmarkten haben sämtlich einzeln oder gruppenweise entschieden protestiert, und der „Eclair", der den verleumderischen Ausfall Thiebauds brachte, hat ihre Proteste abgedruckt, weil er dazu verpflichtet war, aber eine Menge anderer Blätter hat nun die Namensliste der „verräterischen Hugenotten" veröffentlicht und die Berichtigung unterlassen, was allerlei Mißverständnisse nach sich ziehen muß. Die Klerikalen verfechten schon lange den Satz, in den französischen Besitzungen Afrikas und des äußersten Ostens sei „Katholik" gleichbedeutend mit Franzosenfreund und „Protestant" mit Engländersreund. Er wurde noch. unlängst während der Debatten über das Vereinsgesetz breit getreten, um die Notwendigkeit der Jesuiten, Lazaristen und anderen katholischen Mrssionare in China und in Madagaskar darzuthun und die Missionen der französischen Bibelgesellschaft nach dem Vorgang des sie überall bekämpfenden Abgeordneten de Mahy zu verdächtigen. Die Regierung, die solche Stützen Frankreichs nicht zu erhalten wüßte und dagegen die Protestanten frei gewähren ließe, wäre nach der Darstellung der Bewunderer der Jesuiten eine Bande von „sanspatrie". Man sieht aus dieser Schilderung, daß der Antiprotestantismus in Frankreich genau mit den gleichen Mitteln, genau nach derselben Methode, genau nach dem nämlichen Ziel arbeitet, wie der Antisemitismus in Deutschland und in aller Welt. Das hindert aber nicht, daß die deutschen antisemitischen Gesinnungsgenossen der Deroulede und Kompagnie sich als urteutsch und urnational geberden und den Protestantensressern und Deutschenhassern die biedere teutsche Bruderhand reichen. Das Deutschtum ist eben bei allen Antisemiten, bei allen ohne Ausnahme, Maske, nichts als Maske, zu Geschästszwecken vorgesteckt. Mit der Niedertracht des Antisemitismus ist nationale Gesinnung ebensowenig wie irgend eine andere edle Regung vereinbar. Mar IHiilln aber die iMchen Jaden. Der berühmte Oxforder Professor Max Müller erzählt in seiner Autobiographie mancherlei von den deutschen Juden. Dieser Sohn eines Dichters, den Heine am nächsten zu Goethe stellte, war in Dessau, der Heimatstadt Moses Mendelssohns, geboren. Müller spricht von dem Denkmal, das dort dem jüdischen Philosophen errichtet worden. Er erinnert sich von seiner Knabenzeit her, daß in Dessau gewisse Straßen ausschließlich von jüdischen Familien bewohnt waren. „Eln früherer Herzog hatte eine große Zahl Juden in Dessau ausgenommen. Er gestattete ihnen, sich dort niederzulassen zu einer Zeit, da sie in anderen Teilen Deutschlands verfolgt wurden, und machte nur zur Bedingung, daß sie ausschließlich in bestimmten Straßen wohnten. Diese Straßen waren allerdings die schlechtesten in der Stadt, doch zeigten sie mehr Behaglichkeit und nur wenig von dem Schmutz, der die jüdischen Viertel in anderen Städten Deutschlands verunzierte. Als Kinder wurden wir ohne jedes Vorurteil gegen die Juden ausgezogen, wenn wir auch unzweifelhaft ein dunkles Gefühl hatten, daß jene nur geduldet seien und nicht ganz des nämlichen Ursprungs waren, wie wir selbst. Ebenso empfanden wir zeitweilig sehr entschieden religtöse Bedenken. Waren die Juden nicht Christi Mörder? und hatten sie nicht ausgerusen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" Doch da man uns gelehrt hatte, daß es Unrecht sei, Gefühle der Rache zu hegen, vergaßen und vergaben wir Kinder bald und spreiten als die besten Freunde miteinander. Ich erinnere mrch, daß ich eine Anzahl jüdischer Worte aufgefangen habe, die nirgend anderwärts verstanden worden wären. Ich bin kaum zum Bewußtsein gekommen, daß sie jüdisch waren, und gebrauchte sie wie andere Worte auch. Einmal aber erregte ich damit bei meinem Freund Professor Bernays, der ein Jude war, großen Anstoß. Er hatte irgend eine ganz unglaubliche Behauptung ausgestellt, und ich ries ihm zu: „Sind Sie denn ganz meschugge?" Ich hatte es nicht schlimm gemeint, doch er war sehr beleidigt." Max Müller kannte mehrere jüdische Familien und genoß manche Freundlichkeit von ihnen. Einige darunter waren reich, ohne aber von ihrem Reichtum mißfälligen Gebrauch zu machen oder Neid dadurch zu erregen. Ueber den Antisemitismus spricht er sich in Anknüpfung an diese Jugenderinnerungen folgendermaßen aus: „Alles das hat sich geändert. Die Kinder der Juden, die vordem in Dessau ein so ruhiges Leben führten, bewohnen jetzt die besten Häuser, schwelge« in kostspieligen