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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-07-05 · 27 (5.7.1901) · p. Seite 431

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
Seite 431 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 27. Israelitische Wochenschrift. Seite 431. Bett trug, wurde er ganz zutraulich, legte sein Aermchen um ihren Hals und schlief bald darauf getrost an ihrer Seite ein. Hans war gleichfalls erwacht undR blinzelte herüber; er sah mit stiller Verwunderung den Austausch von Liebkosungen, der sich da drüben abspielte. Hätte die Mama das Brüderchen hart angesahren oder geschlagen, Hans würde bitterlich geweint haben; der nengeschlossene Friedensbund erregte bei ihm eine sehr kriegerische Reaktion; voll tiefster Entrüstung blickte er nach Harry und ballte die Faust unter der Decke: „Wenn ich ganz munter sein werde, werde ich ihn durchhauen, weil er immer schreit". Gegen Abend, als Philipp wieder zurückkehrte, fand er zu seiner unbeschreiblichen Freude seine gesamte, kleine Familie im Schlafzimmer einträchtig beisammen. Es war wirklich ein hübsches Bild, Amalie hielt ihre Tochter aus dem Schoß; durch einen ihrer Arme hatte, wie durch ein kleines, rundes Fenster Harry sein Lockenköpschen gesteckt und schmiegte sich an die Mutter; Hans kauerte zu den Füßen der jungen Frau und versuchte allen Ernstes, die Kleine sprechen zu lehren. Da der glückliche Gatte hereintrat, vermochte er all seine Schätze aus einmal zu umfassen. Zufällig fiel sein Blick dann aus den Kamin, das Lämpchen glimmte noch immer. „Nun, das hättet ihr längst auslöschen können", bemerkte er zu seiner Frau. „Nicht doch", sagte Amalie errötend, „es soll brennen bis Sonnenuntergang. Und nächstes Jahr, wenn wir das Leben haben, laß mir die Sorge darum! Ich liebe ja doch alle, die du liebst, und werde auch deiner Toten frommes Andenken, wie ihr gebührt, ehren". Von C. Berg. Vor dem Zentralhotel in der Friedrichstraße schritt ein junger Mann unruhig aus und ab. „Uf wat der wohl lauert?" fragte ein an einem Prellstein postierter Eckensteher einen Kollegen, „kiek man, der jeht ja wie ein Perpendikel hin und her, hin und her —" „Ja, und jedem Wagen, der vorbeifährt, gafft er ein Loch mang de Scheiben", stimmte der Kollege bei und blickte dem Perpendikel kopfschüttelnd nach. Ich will meinen wertgeschätzten Leser sofort mit den Personalien des oben angeführten unruhigen Spaziergängers bekannt machen, aus daß der Wertgeschätzte in berechtigter Ungeduld nicht meine sorglich abgesaßte Einleitung Überschläge. Also: er hieß Heinrich Rüben, war ein mittelgroßer, ansehnlicher Mann, der, im Sommer seines Lebens stehend (er zählte bereits einunddreißig Jahr), ein wohlgesormtes Gesicht mit Hellen, klugen Augen besaß. Ich füge noch hinzu, daß sich Rüben Doktor der Philologie nennen durste, und da er an einem Provinzgymnasium längst sein Probejahr abgehalten, jetzt sehnsüchtig eine Anstellung von Staatswegen erhoffte. Er war Jude. „Der Teufel hole das Warten und den, der es erfunden hat", murmelte Rüben verdrießlich, indem er seinen Hut lüftete und sich nervös das krause, dunkelblonde Haar durchftrich. „Wenn seine Exzellenz der Herr Kultusminister beabsichtigten, meinen Kollegen und Leidensgenoffen Rosenstein zu höchst Dero Nachfolger zu ernennen und höchst selbstmündig geruhten, ihn in die Mysterien dieses ehrenvollen und einträglichen Amtes einzuweihen, so könnte sich diese Malefiz-Audienz auch nicht länger ausdehnen, als so". Er zählte abermals seine hundert Schritte auf und ab. Plötzlich blieb er stehen und ein Schein von Zuversicht erhellte seinen Blick. „Aber warum beunruhige ich mich eigentlich? So eine Exzellenz ist doch, mit Respekt zu sagen, nebenbei auch ein Mensch mit Kopf und Herz, der folglich nicht zulassen wird, daß man ehrliche Leute allein um ihres Glaubens willen um Amt und Brot bringe. Meinetwegen könnte einer den Buddah anbeten, oder um den Duk-Duk tanzen, ich würde nicht darum fragen, ich —" Eine Droschke hielt vor dem Portal, der ein kleiner Herr in Frack und weißer Binde entstieg. Endlich! Rüben stürzte dem Ankömmling mit Hast entgegen. „Was hast du ausgerichtet?" fragte er. Der Angeredete nahm den Cylinder ab und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Jetzt gewahrte Rüben, daß sein Freund leichenblaß war. „Nichts", sagte Rosenstein dumpf. „Wir sollen uns taufen lassen". WorKos schritten die Freunde die Treppen hinauf und begaben sich in ihr gemeinsames Zimmer. Hier angekommen, riß sich Rosenstein mit einem Wutschrei Frack und Binde vom Leib; Brille, Kette, Uhr, all das flog mit heftigem Geklirr zu Boden, er selbst stürzte sich der Länge nach voll Wucht auf das Sopha und weinte und schluchzte wie ein wundgeschlagenes Kind. Rüben suchte kein Trosteswort, er ließ den Aufgeregten gewähren. Einstweilen verschloß er die Thür und setzte sich aus das Bett dem Freund gegenüber, den er bekümmert betrachtete. „Sei ruhig, Markus", begann er sanft, „Gott wird uns helfen". Der andere fuhr mit der Geberde eines Rasenden empor. „Wenn Gott uns helfen wollte", ries er verzweifelt, „würde er dieses Mannes Herz bewegt haben. Was habe ich ihm nicht vorgestellt, wie herzlich ihn gebeten. O, er war sehr huldvoll, nicht einen Augenblick hat er ausgehört, verbindlich zu lächeln". „Ich will es recht gern glaubend sprach er mit seinem weichen, einschmeichelnden Organ, „daß Ihnen als Israeliten die Umwandlung der Simultanschule, an der Sie bereits einige Zeit mit schönen Erfolgen gewirkt haben, in eine Staatsanstalt unerwünscht scheinen muß. Doch leider ist mein persönliches Bedauern für Sie nicht ausreichend, die Entschließungen der Regierung auf den Ihren Wünschen mehr entsprechenden Status quo ante zurückzusühren. Wenn aber die Herren Petenten statt meines wenig anzuschlagenden Einflusses mit meinem Rat^vorlteb nehmen wollten, so" — hier strich er sich wohlgefällig den langen, blonden Bart — „so dürste dieser einzig dahin gehen, daß sich die Herren sobald als thunlich aus den Boden dec Staatsreligion stellen möchten; dann würde ich allerdings in

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