Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-07-05 · 27 (5.7.1901) · p. Seite 430

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
Seite 430 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605448--8223-9605462
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 430. Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. „Das ist wahr, sie ist uns nicht gut", antwortete Hans, „aber das Schwesterchen soll leben!" „Ja, das Schwesterletn", wiederholte Harry, „gute Nacht und Amen!" „Wir sind noch nicht fertig —" „'s ist genug gebetet", entschied Harry. „Nein, noch nicht. Lieber Gott, grüß unsere Mama im Himmel oben". Jetzt fiel Harry vor Müdigkeit buchstäblich vom Stuhl, Hans erhob ein Zetermord-Geschrei, das Dienstmädchen stürzte wieder herein und brachte sie beide scheltend zu Bette. „Das ist nicht mehr zum Aushalten" rief Amalie heftig. Nun war von dem Lärm auch das Kleine in der Wiege erwacht, mußte getränkt, gewartet und herumgetragen werden. So rückte säst Mitternacht heran, da endlich kam die ersehnte Ruhe. Nur die junge Frau schlief nicht, oder bildete sie sich ein, nicht schlafen zu können? Immer wieder blickte sie eigensinnig auf den feinen, dünnen Lichtstreifen, den das Lämpchen auf dem Kamin über Wand und Dielen warf. Als wollte dieser leuchtende Schein sich überall verbreiten, so sing ihn ein großer Spiegel auf, der von der Diele bis zur vollen Fensterhöhe die Wand gegenüber Amaliens Bett bedeckte. Sie richtete die Augen nach der Zimmerdecke, da zitterte auf den Feldern das Licht in bunten Kringeln; das flimmerte und gaukelte, nicht zum Ertragen. „Ich möchte wohl wissen, ob das mich noch einschlafen läßt", sagte sie unwillig, aber wie sie sich auch wandte und drehte, immer sah sie den weißen Kamin mit dem Lämpchen auf dem Gesims, ja, der Spiegel ließ dessen Weiße noch gleißender und blendender erscheinen und verdoppelte schier das Licht. „Nun mache ich die Augen zu", trotzte die junge Frau, „ich will sehen, ob es dann auch hindurchkommen kann". Aber selbst durch ihre festgeschlossenen Lider zitterten die seinen Wellen des mattrötlichen Lichts. Es war, als ob der Strahl sich abhebe und sich runde, dann verdichtete er sich, schoß wie ein Springquell in die Höhe — da formte sich eine Gestalt. Diese glänzende Lichtgestalt schwebte näher und näher entgegen, hin zu Amaliens Bett. Wie lange dieses Schweben währte, Amalie wußte es nicht, ein Schauder lies ihr über den Rücken, sie fror und zitterte: „Wer ist denn das, o Gott — wer ist denn das?" Jetzt hielt das Nachtgesicht an ihrem Bett, huschte auf die Lehne und sah sie an. Die Gestalt hatte weiche, seine Linien und ein weißes, durchsichtiges Antlitz, die Augen halb offen, mit leise verschleiertem Blick. Die Lippen sprachen, aber sie bewegten sich nicht, ein Flüstern, das zitterte wie das Licht: „Ich bin es, die Helene". Amalie fürchtete sich halb krank, ihr Herz schlug noch lauter, wie die tote Stimme flüsterte. Das ist Helene, Philipps erste Frau. Sie kommt wieder, um mich zu bestrafen, weil ich sie verdrängte. Sie verlangt ihren Platz zurück, die Herrschaft in dem schönen Haus und die Wirtschaft, die Kisten und Kasten mit ihrer Fülle, die guten Möbel und den Schrank, vollgesüllt mit all den schönen Gold- und Silberdingen, die Schweizer Tüllgardinen, ihren Schmuck, alles mußte ihr Amalie wiedergeben — das arme Malchen wird wieder ein besitzloses, alleinstehendes Mädchen und muß zu der geizigen, harten Tante zurück. Ader ihr Mann! Nein, der Mann gehört wieder zu dieser zarten, weißen Frau, er darf Amalie nicht mehr lieben und herzen, und diese Frau wird sie hinausweisen samt ihrem Kind — warum auch nicht? Amalie hat die Kinder der toten Frau auch nicht lieb gehabt, und sie wollte nicht einmal das Licht für die Tote in ihrem Zimmer leiden. Zur Strafe mußte sie jetzt selber wieder sortziehen mit ihrem eigenen Kind. Heiliger Himmel, was wird die Tante sagen, wenn sie mit ihrem kleinen Mädchen wieder zu ihr kommt! Amalie weinte vor Angst, große Schweißtropfen perlten auf ihrer Stirn. „Wenn diese erste Frau ihr nun sagte: „Stehe aus und gehe fort!" „Fürchte dich nicht", flüsterte die Stimme, „ich thue dir kein Leid. Ich habe niemals Jemandem etwas Böses zugesügt". Amalie stöhnte leise; jawohl, Philipp und viele Andere hatten ihr oft erzählt, daß die Verstorbene eine gute, herzensmilde Frau gewesen sei. Um so schlimmer! Wie hatte ihre Nachfolgerin gegen ihr Andenken sich vergangen! „Sei nicht so bange", tröstete es süß, „ich komme ja nur als Bittende zu dir. Ich bin mit dir in allem zufrieden, du bist brav und fleißig, das Hauswesen gedeiht in deiner Hand. Dabei bist du schön, dein Mann liebt dich sehr. Aber gieb mir doch einmal deine Hand". Amalie war ein wenig mutiger geworden, sicher: dieser lichte Schatten, der so sanft und freundlich zu ihr sprach, war keine Feindin, die übers Grab hinaus ihr Uebles wollte. Herzhaft hob sie ihre Rechte; wie weicher Sammt glitt die Berührung der Fremden über ihre Finger hin. „Versprich mir, daß du deinem Mann nicht mehr zürnen wirst, wenn er je gezwungen wäre, dir eine Bitte zu verweigern. — Deine Empfindlichkeit thut ihm weh. Willst du sie nicht ablegen?" „Alles, was du forderst, verspreche ich dir", sagte Amalie laut. Sie fürchtete sich gar nicht mehr vor der Fremden, ja, sie empfand ein seltsames Zutrauen zu ihr, eine herzliche Neigung wie für eine alte Freundin. „Ich danke dir", sagte Helene, „sei gesegnet dafür! Es wird dir gut gehen und du wirst lange leben". Noch einmal streichelte sie Amaliens Hand und lächelte: „Leb' wohl!" dann schwebte sie davon. „Willst du nicht noch einmal nach deinen Kindern sehen?" fragte Amalie. „Nein", die Antwort klang schon fern, „es sind jetzt deine Kinder. . . . Leb wohl!" „Jawohl, es sind jetzt meine Kinder", sagte Amalie mit starker Stimme, da erwachte sie. Der Morgen dämmerte; der Apfelbaum vor dem Fenster stieß mit seinen Zweigen an die Scheiben; aus einem Ast saß eine Nachtigall und schluchzte ihr wehmütiges Lied. Am Himmel kämpfte das Morgenrot mit grauem Wolkengebälk, leiser Regen rieselte hernieder; es regnet immer, wenn man von Toten träumt. Jetzt regte sich auch in der Schlafstube ein seines Sümmchen, aber ein sehr lebendiges, der unartige, kleine Harry weinte nach seinem Papa. Amalie stand auf und ging zu ihm, der Kleine verbiß seine Thränen und war sogleich still; er fürchtete, die Mama werde schekten. Als sie ihn aber aufnahm und mit in ihr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.