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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-07-05 · 27 (5.7.1901) · p. Seite 429

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
Seite 429 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 27. Israelitische Wochenschrift. Seite 49. bedurfte so vieler Abwartung und Pflege; da blieb wirklich keine Zeit, die großen Jungen, die schon recht gut hätten selbständiger sein können, länger zu verwöhnen. Nicht, daß die Kinder vernachlässigt wurden, behüte! Sie bekamen ihr Essen und Trinken wie zuvor, nur bildeten sie nicht mehr den Mittelpunkt des Hauses, wie ehedem. Kinder besitzen oft ein außerordentliches Feingefühl; die beiden Bübchen hatten es bald heraus, daß die Freundlichkeit der neuen Mama, wie ein kleiner Sommervogel davongeflogen war. Desto inniger klammerten sie sich an ihren Papa; der war ihr unbestrittenes Eigentum und mußte herhalten und aushelsen, wo sie sich in ihren kleinen Ansprüchen verkürzt glaubten. Hans, der ältere, war ein außerordentlich kluger Junge; er bemutterte und pflegte den kleinen Harry mit rührender Zärtlichkeit. Anstatt die Besonnenheit und Fürsorge des Knaben anzuerkennen, wurde Amalie ihm fast Larob gram; sie verargte ihm seine Klugheit, nahm diese für Hinterlist und glaubte, Hans spioniere und klatsche, wenn er in aller Unschuld dem Papa diese oder jene Beobachtung anvertraute. Daß der Knabe oft nur den Widerschein ihres eigenen Wesens zurückspiegelte, merkte sie nicht. Vor einiger Zeit war sie wieder einmal mit den Kindern spazieren gegangen, Hans und Harry Hand in Hand voraus, neben ihr die Amme, das Baby aus dem Arm. Eine Berliner Bekannte, die just besuchsweise einmal nach der kleinen Stadt verschlagen wurde, war ihr begegnet, hatte sie begrüßt und sich freundlich verwundert, Malchen, die sie von Jugend aus gekannt, als Frau und Mutter wiederzustnden. „Dies sind alles Ihre Kinderchen?" hatte die Fremde teilnehmend gefragt. „O nein!" antwortete Amalie abwehrend, „nur das eine ist mein". Am selben Abend, da Hans seinen Eltern gute Nacht bieten sollte, faßte er seinen Vater stürmisch um den Hals und sagte heftig-. „Nicht wahr, Papa, wenn sie dich fragen, wie viel Kinder du hast, du sagst drei?" Philipp blickte verwundert von dem Knaben auf seine Frau; Amalien stieg glühende Röte ins Gesicht; jetzt war sie überzeugt, daß ihr in dem Jungen ein Hauptfeind hinterhergehe. Gereizt und streitsüchtig ergriff sie die Offensive und begann Hans, der natürlich Unarten zeigte, wie jedes andere Kind, schärfer auf die Finger zu sehen. Wo sie im Recht schien, ließ ihr Mann sie seufzend gewähren; als sie sich aber unterfing, das Kind unnütz zu plagen, erhob Philipp Einspruch, einmal, aber scharf und fest. „Laß mir den Hans in Ruhe!" rief er, „du machst ihn ganz wirre durch dein unablässiges Strafen. Der Junge sieht schon auf seinen eigenen Weg, der kann nicht mißraten, er hat von seiner Mutter ein vorzügliches Herz". Das schlug dem Faß den Boden aus. Wie die Mehrzahl junger Frauen konnte Amalie es nicht vertragen, wenn ihr Mann ein Lob spendete, das ihr nicht galt. Von Anderen wußte er immer viel Rühmens zu machen! Noch mehr wie seine Worte ärgerte sie der weiche, sehnsüchtige Ton, mit dem Philipp von der Toten gesprochen. . . Ja, er liebte sie wohl noch immer? Amaliens bemächtigte sich eine nagende, thörichte Eifersucht aus die Tote. Heimlich, aber um so ausdauernder unternahm sie einen kleinen Feldzug gegen alle alten Bilder, Porzellanstücke und die kleinen unschuldigen Andenken, die von der Verstorbenen stammten. Schlau und vorsichtig, ohne vor dem Mann als Verschwenderin zu bestehen, gestaltete sie unter dem Vorwand, zu modernisieren und zu verschönern, die ganze Wirtschaft um, und verbannte Wäsche u. s. w., kurz allen Hausrat, den sie von der Vorgängerin überkommen, unerbittlich in die Rumpelkammer. Philipp sah nichts, er wollte nichts sehen. Einmal faßte Amalie Reue über ihr Verfahren und sie fragte ihren Mann schüchtern, ob er ihr böse sei, weil sie ein gewisses Daguerrotyp von seinem Schreibpult entfernt. Philipp sah sie mit großen, glänzenden Augen an. „Böse", sagte er, „nein, böse bin ich dir nicht. Nur ties traurig stimmt es mich. . . ." Er sprach es nicht aus, was er dachte, aber Amalie las es in seiner Seele, da stand mit ewiger Schrift: Warum verfolgst du mit dieser Leidenschaft das Andenken meiner armen Toten? Würdest du auch alle ihre Bilder verstecken und verbrennen, eines wirst du nie vernichten, das, was ich in meinem Herzen trage. Amalie kränkte sich tief, und ein finsterer Geist bekam über das junge Weib Gewalt. Da jährte sich der Todestag der Verstorbenen wieder. Am Vorabend hatte Philipp in dem großen Schlafzimmer, das die Gatten mit ihren Kindern teilten, auf den Bordrand des Kamins ein winziges Lämplein gestellt und selbst angezündet. Amalie hatte zuerst gewünscht und dann dringend gefordert, das Licht, das ihr, wie sie offen gestand, unheimlich und zuwider war, zu entfernen, Philipp hatte ihr Verlangen sofort, wie eine sündige Versuchung abgewiesen; da war denn jener streit entstanden, den wir zu Anfang unserer Erzählung beschrieben haben. Der erste Streit über Sonnenuntergang. Es war spät geworden, Amalie kauerte noch immer an der Wiege und hegte ihren Groll. Im Eßzimmer saßen die Knaben am Tisch und vergnügten sich, kleine Murmelkugeln über die Tischplatte lausen zu lassen. Das Dienstmädchen kam und mahnte die Kinder, schlafen zu gehen: „recht leise, daß ihr nicht stört!" „Erft beten", sprach Hans, setzte seine Mütze auf und stülpte dem Kleinen das Hütchen über den Kops. Hans sagte fehlerlos das Nachtgebet, das er von seinem Vater gehört. „Das plappert er nach, er versteht kein Wort davon", murrte Amalie, als sie seine Stimme hinüberschallen hörte. „Zu meiner Rechten Michael, zu meiner Linken Gabriel, vor mir Ariel, hinter mir Raphael und über meinem Haupt die Herrlichkeit Gottes, Amen!" schloß Hans. „Jetzt bete du", befahl er dem Bruder. „Ich kann doch nicht", sagte der Kleine, „ich bin auch so. müde". „Ich werde dir's vorsprechen, ganz kurz", tröstete Hans, sag mir nach: „Lieber Gott, laß meinen Papa gesund! —" „Lieber Gott, laß meinen Papa ganz gesund! . ." (Harry wollte es noch schöner machen.) „Die Mama auch —" „Nein, die Mama nicht", rief Harry eigensinnig. „Die Waschfrau sagt, sie ist unsere Stiefmutter und sie ist uns gar nicht gut!" „Der auch, dieser kleine Dummkops", dachte Amalie empört und nahm sich vor, schon morgen der Waschfrau den Marsch zu blasen.

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