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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. Seite 351

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
22 (31.5.1901)
Date
1901-05-31
Page
Seite 351 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 22. Israelitische Wochenschrift. Seite 351. Herr von Tueno verlor einer solchen Hartnäckigkeit gegenüber alle Kaltblütigkeit und Besonnenheit. „Du kannst nicht", erwiderte er zornig. „Gut, dann mußt du uns sagen, warum, verstehst du? oder sofort gehorchen!" „Ich kann nicht", wiederholte Juanita. „Du sollst sagen, warum", schrie Herr von Tueno, bebend vor Wut. Juanita blieb einen Augenblick ruhig und unbeweglich, noch einmal durchliefen ihre Blicke prüfend die glänzende Versammlung, die sich um sie drängte, aber sie begegnete nur zornigen und mißbilligenden Geberden. Sie sah ein, daß jeder Widerstand vergeblich sei . . . Noch ein Mittel war vorhanden, um dem Grafen zu entgehen, ein furchtbares Mittel, und der bloße Gedanke daran ließ ihr das Blut erstarren . . . ihren Glauben eingestehen . . . und der Inquisition anheimsallen . . . Das unglückliche junge Mädchen war wieder furchtbar bleich geworden, ein kalter Schweiß perlte auf ihrer Stirn, die Schatten des Todes bedeckten ihr Antlitz . . . Sie blickte mechanisch um sich, inmitten der edlen Herren und Damen bemerkte sie plötzlich einen Mönch, einen Dominikaner aus dem Gefolge der Inquisitoren. Blitzschnell durchzuckte sie ein Gedanke: Enriquez, Enriquez konnte sie aus der Hand des heiligen Offiziums retten: er hatte es gesagt . . . Dieser Gedanke fiel wie ein Hoffnungsstrahl in die Schrecken, die sie umlagerten. „Du sollst sagen, warum", begann jetzt Herr von Tueno wieder, „warum?" Juanita war bleich, die ganze Umgebung verschwamm vor ihren Augen. „Warum?" sagte sie, mit unerhörter Anstrengung die Worte hervorstoßend. Dann nahm sie ihre letzten Kräfte zusammen und ries mit rauher gellender Stimme: „Weil ich eine Maranna, weil ich eine Jüdin bin!" Bei diesen furchtbaren Worten war die ganze Versammlung vor Schreck ausetnandergefahren. Herr von Tueno, die Gräfin und Alonzo waren dieser Bewegung gefolgt. Als der Graf von Ramira die Früchte seines Verbrechens und seiner jahrelangen Jntriguen so plötzlich seinen Händen entschlüpfen sah, ließ er sich von der Heftigkeit seines Temperaments fortreißen und rief: „Glaubt es nicht, es ist nicht wahr!" Er hielt inne, denn er sah den Großinquisitor Molina de Medrano vor sich stehen. „Diese judaisierende Ketzerin wird dem Tribunal der allerhetligsten Inquisition vorgesührt werden", sagte Molina langsam und abgemessen. „Was euch angeht", fügte er hinzu und warf aus den Grafe« einen vernichtenden Blick, „so wird das heilige Offizium darüber zu entscheiden haben, wie euer Betragen in dieser Angelegenheit gewesen ist und ob ihr nicht wissentlich seinen Nachforschungen eine Ketzerin dadurch entzogen habt, daß ihr derselben ein Asyl in eurem Haus öffnetet". Der Graf blieb unter den zerschmetternden Blicken des Großinquisitors wie angedonnert stehen. Indessen hatten sich nach und nach einige der anwesenden Herren Juanita genähert, die erstaunt und erschreckt über ihre tollkühne That unbeweglich geblieben war . . . Diese Männer waren geheime Diener der Inquisition. Sie hatten schnell ihr Oberkleid geöffnet, unter dem man nun ein silbernes Schild mit einem Christus, der in den Flammen eines Scheiterhaufens stand, erblickte. An diesem Zeichen erkannte man ihr Verhältnis zum heiligen Offizium. Andere Diener hatten schnell einige Unterbeamte der Inquisition benachrichtigt, und bald darauf traten mehrere dieser Trabanten in den Saal; sie bemächtigten sich Juanitas und entfernten sich mit ihr. 15. Die Schergen der Inquisition hatten Juanita in die Aljaseria geführt, wo sie die Wächter in einem der zahlreichen tiefen Verließe unterbrachten. Das waren furchtbare unterirdische Kerker, die ungefähr acht Fuß hoch und ebenso breit waren, so daß man kaum aufrecht in ihnen stehen konnte. Der Boden war naß und schlüpfrig, die Feuchtigkeit sickerte von allen vier Wänden herunter; nur eine einzige enge Oeffnung war in die Mauer gebrochen; ein durchdringender mephitischer Geruch erfüllte den engen Raum, der niemals mit frischer Lust und dem Sonnenlicht in Berührung kommen konnte. Das junge Mädchen wich bei ihrem Eintritt erschreckt, mit dem Ausdruck des Abscheus, einen Schritt zurück. Die Wächter hielten diese unwillkürliche Bewegung für einen wahnsinnigen Fluchtversuch und der eine von ihnen stieß das arme Mädchen mit rauher Hand in die dumpfe Höhle, während der Schließer mit dem Finger aus einige Bretter hinwies, die einen Fuß hoch über dem Fußboden angebracht und mit einer halbverweften Strohmatte bedeckt waren: das war die Lagerstätte, das Krankenbett der Gefangenen. Dann schlug der Schließer heftig die Thür zu, und Juanita befand sich allein in der Dunkelheit. Die verdorbene Luft des Gefängnisses beklemmte sie, und die Feuchtigkeit ihres Aufenthaltsortes durchschauerte sie fieberhaft; der krampfhafte Mut, der sie bisher aufrecht gehalten hatte, verließ sie nun; sie konnte sich kaum zu der hölzernen Pritsche, die nun ihr stetes Lager sein sollte, Hinschleppen; sie kauerte sich aus der halbverfaulten Matte zusammen und verfiel in einen von schrecklichen Träumen beunruhigten Halbschlaf. So erwartete sie den Tagesanbruch. Weh, die Sonne hatte noch niemals ihren Strahl in dieses düstere Trauergemach fallen lassen; nur ein zweifelhaftes Dämmerlicht verkündete Juanita, daß der Tag begonnen haben müsse. Sie blieb in ihre stumme Apathie versunken, bis das Klirren eines Schlüsselbunds sie aus ihren wilden Träumen erweckte. In dem Halbdunkel, das jetzt im Gefängnis herrschte, sah sie plötzlich einen der Inquisitoren vor sich, neben ihm stand ein anderer Mönch, dessen Gesicht sie nicht erblicken konnte; hinter ihnen traten zwei kurze untersetzte Gestalten ein, die sie mit dummen, stieren Blicken anglotzten. Es waren zwei Henkersknechte des heiligen Offiziums. Der Gesangenenwärter beschloß den Zug. Juanita überlief es kalt.

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