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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-05-31 · 22 (31.5.1901) · p. Seite 350

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
22 (31.5.1901)
Date
1901-05-31
Page
Seite 350 (sequence 14)
Language
German
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Seite 350. Israelitische Wochenschrift. Nr. 22, Czersk. Rel.-L., K., Sch., 1350 M. Geh. Meld. an Vorst. - Staßfurt. Gepr. Rel.-L., K., Sch, 1400 M. Geh., 100 M. Nebeneink. Meld. an Hermann Kraft. — Düren, Rheinland. El.-L. an öffentl. Volkssch., 1350 M. Geh., 160 M. Alterszul., fr. W. Meld. an Alex Bendix. Feuilleton. Juanita. Eine Erzählung aus der spanischen Marannenzeit. Bon D. S. (Fortsetzung.) Der Tag, der zu der Verlobungsseierlichkeit bestimmt war, war herangekommen, ohne daß sich Juanita auch nur einen Moment der Ueberwachung hätte entziehen können. Zwar war seit dem angeblichen Tod des unglücklichen Diego nur eine ziemlich kurze Zeit verflossen, und so konnten leicht Vermutungen austauchen, die dem Grasen ärgerlich sein mußten. Das wußte er sehr gut. Aber einerseits mußte er aus der augenblicklichen Zustimmung Juanitas, die in ihren Ansichten so veränderlich schien, schnell Nutzen zu ziehen suchen, und andererseits hatte die Erbitterung, die in der ganzen Stadt über das lange Hinziehen des Prozesses gegen Antonio Perez herrschte, ihren Höhepunkt erreicht; der Ausbruch konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen, die Gemüter waren ganz mit dieser Tagessrage beschäftigt, und der Gras schmeichelte sich damit, daß die Familiensestlichkeit, die er feierte, eben deshalb kein Aussehen machen würde. Außerdem war. er der Ansicht, daß das beste Mittel zur Entfernung jeden Verdachts ein kühnes und sicheres Auftreten sei. Weit entfernt also, sich *bei dieser Gelegenheit aus den engen Kreis seiner Verwandten und nächsten Freunde zu beschränken, war vielmehr eine zahlreiche Gesellschaft am Abend der Verlobung im Haus des Grasen versammelt. Man sah da die ersten Adeligen Saragossas, lauter entschiedene Verteidiger ihrer Verfassung, die heimlich oder öffentlich in die Verschwörung gegen den König und das heilige Offizium verwickelt waren. Der Gras hatte es aber auch für angemessen gesunden, die Inquisitoren und einige ihrer Parteigänger einzuladen. Hatte doch das heilige Offizium ihm während des ganzen Verlaufs der Sache keinen Stein in den Weg gelegt; und zugleich war dies ein Mittel — der Graf wenigstens glaubte das — seinen Anordnungen den Anschein der Noblesse zu geben und jeden Verdacht einer Verschwörung gegen das Ansehen des furchtbaren Tribunals für immer zu zerstreuen. Juanita, der man einen Platz unter den dem Haus verwandten Damen angewiesen hatte, betrachtete mit gespannter Aengftlichkeit die glänzende Versammlung; ihre Augen suchten einen teilnehmenden Blick, eine ermutigende Geberde; aber kein befreundetes Gesicht zeigte sich. Ihre ganze Umgebung war nur dazu erschienen, um ihr nacheinander in kalten Worten ihren Glückwunsch zu ihrer Verbindung mit dem Sprüßling eines so erlauchten Hauses darzubringen; das junge Mädchen fühlte sich verloren, und ihr letzter Hoffnungsstrahl verschwand, als der Graf zu ihr hintrat und ihr seinen Arm anbot, um sie in die Mitte des Saales an den Tisch zu führen, an dem sich Alonzo und Herr von Tueno bereits befanden. Juanitas Lage war schrecklich. Durch heilige, unlösliche Bande an Fernando geknüpft, sollte sie jetzt einem anderen Gatten die Hand reichen; und sie durste ihr tötliches Geheimnis niemals eingestehen. Als der Graf das Schwanken des jungen Mädchens bemerkte, ergriff er schnell ihren Arm und trat mit ihr an den Tisch. Juanita wurde furchtbar bleich, alles Blut drängte sich ihr nach dem Herzen; ihr Atem war beklemmt. Indessen waren aller Augen aus den Grafen und das junge Mädchen gerichtet; plötzlich trat eine tiefe Stille ein, ein unwillkürlicher Schauder durchrieselte die ganze Gesellschaft; man ahnte, daß etwas Außergewöhnliches vor sich gehen werde. Der Graf ging mit fester und entschiedener Miene vorwärts, aber seine Haltung war mürrisch und verdrießlich. Juanita war bald todesbleich, bald glühendrot, sie hielt sich nur mit aller Anstrengung aufrecht und drohte jeden Augenblick zusammenzusinken. Endlich befand sie sich, ohne zu wissen wie, an der Seite Alonzos. Da erinnerte sie sich, daß er eines Tags Mitleid für sie an den Tag gelegt hatte. „Erbarmen!" murmelte sie, zu dem jungen Mann gewendet, „Erbarmen!" Mühsam entwanden sich ihre Worte der keuchenden Brust. „Ruhig!" murmelte Alonzo seinerseits, bei dem der Gedanke an eine öffentliche Zurückweisung den ganzen Ahnenstolz wach rief. „Um Gottes Willen habt Erbarmen mit mir!" erwiderte Juanita händeringend mit leiser Stimme. Alonzo antwortete nicht. Alle Anwesenden traten näher heran und folgten mit ängstlicher und gespannter Aufmerksamkeit den Ereignissen. Juanita wich tief aufseufzend und einer Ohnmacht nahe einige Schritte zurück. In diesem Augenblick wandte sich der' Graf um, um wiederum die Hand des jungen Mädchens zu ergreifen. Er suchte vergeblich seiner Heftigkeit Herr zu werden; es sollte nicht das Ansehen haben, als ob er die Zustimmung des jungen Mädchens erzwinge; trotzdem war seine letzte Bewegung derb und fast brutal. Aber Juanita trat noch einmal zurück. „Ich kann nicht", sagte sie. Nun drängte sich Herr von Tueno, die Stirn in finstere Falten gelegt, durch die dichten Reihen der Gäste und stellte sich hinter das junge Mädchen. „Geh", sagte er in dem trockenen, kalten und befehlenden Ton, den er für unwiderstehlich hielt. Diese Stimme rief in Juanita die ganze Vergangenheit wach; sie seufzte unwillig, und der Zorn gab ihr die Kräfte wieder; ihre bleichen Wangen belebten sich mit einer tiefen Röte. „Niemals!" sagte sie leise, aber entschieden. „Geh", wiederholte der Vormund . . . „Ich kann nicht", entgegnete Juanita. c

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