Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 346 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 346. Israelitische Wochenschrift. Nr. 22. den ausgestoßenen Egyptern arbeiteten und von den übrigen Egyptern getrennt sein mögen. Unter ihnen befanden sich auch einige gelehrte Priester, die ebenfalls aussätzig waren. Nachdem die Ausgestoßenen längere Zeit in den Steinbrüchen geweilt hatten, ersuchten sie den König, ihnen Auaris, das die Hirten verlassen hatten, als Wohnort zu übergeben, worauf er auch einging. Als fie dort ankamen, wählten sie einen Führer aus den Priestern von Heliopolis, der Osarsiph hieß, später aber, als er zu dem Volk überging, an dessen Spitze er gestellt wurde, wurde er Mose genannt, und das Volk legte ihm einen Eid ab, ihm in allem zu gehorchen. Er machte ihnen Gesetze, daß sie weder die egyptischen Götter anbeten noch sich abhalten lassen sollten, die Tiere, die jene hochschätzten und anbeteten, zu töten, und daß sie sich Niemandem anschlteßen sollten, außer ihren Bundesgenossen. Dann veranlaßte er das Volk, Auaris zu befestigen und sich kriegsbereit zu machen gegen Amenophis, während er selbst sich mit den andern Priestern und denen, die gleich ihnen verunreinigt waren, beriet und Gesandte an die Hirten schickte, die von Thetmosis nach der Stadt Jerusalem vertrieben worden waren. Er ließ ihnen Mitteilen, was er und die andern erlitten hatten, und bat sie, mit ihm gegen Egypten zu Feld zu ziehen. Als sie mit den verunreinigten Egyptern zusammen ankamen, behandelten sie die Einwohner des Landes aus eine barbarische Weise, verbrannten ihre Städte und Dörfer, machten sich der Gotteslästerung schuldig, indem sie die Bildnisse ihrer Götter zerstörten, ihre Priester und Propheten zwangen, die heiligen Tiere umzubringen, die sie anzubeten pflegten, und trieben sie dann nackt aus dem Land. Hier können wir uns getrost von den Hyxos und Manetho verabschieden, denn dieser Bericht richtet sich selber. Ehe ich dieses Kapitel schließe, möchte ich nur noch einige Worte über das Urteil Schillers hinzufügen. Schiller hat die Geschichte der Juden gar nicht gekannt, als er seine Abhandlung über die Sendung Mosens schrieb. Er kannte auch die Ursache nicht, warum die Juden auf Erden unstät und flüchtig waren. Wie er über die Juden in Egypten dachte, wissen wir bereits; er hielt sie nicht einmal für fähig, die Sprache des Landes zu erlernen, wo sie lebten, obgleich es in der Bibel heißt: daß Mirjam bei der Rettung ihres kleinen Bruders sich mit der Königstochter unterhielt. Dann hat Aaron doch wohl auch in der Landessprache mit Pharao unterhandelt, und Mose selbst war ein egyptischer Gelehrter. Und die Nachkommen jener angeblich verkommenen Menschen stellen ein glänzendes Kontingent zu den bedeutendsten Sprachforschern, Dichtern und Philosophen aller Länder. V. Der Exodus. Der große Ramses war nach einer sechsundsechzigjährigen Regierung zur ewigen Ruhe eingegangen. Als sich diese Nachricht verbreitete, fingen die Länder rund umher an auszuatmen. Ihr Ruhestörer war ins Grab gesunken, sein schneidiges Schwert war in die Hände seines wankelmütigen Sohnes Menephtah, des sogenannten Pharao des Exodus, gefallen. Die lybischen Stämme, mit denen schon sein Großvater im Streit lag, verbanden sich nicht mit den Juden, wie Ramses fürchtete, sondern mit den Jnselvölkern des Mittelmeers, und überfielen von Neuem den Norden des Reichs. Große Bauten, die sein Vater begonnen hatte, waren fortzusetzen. Ob auch die vielen Kriegsgefangenen seines Vaters mit zur Arbeit herangezogen worden sind, ist nicht gewiß; gewiß aber ist, daß die Israeliten nach wie vor Frohndienste leisten mußten. Man behauptet sogar, daß ein Teil von ihnen bei dem Bau der Pyramiden bei Faioum mitgeholsen haben. In diese Zeit fällt die Befreiung der Israeliten von dem schweren Joch und ihr Auszug aus Egypten. Da man annehmen darf, daß gerade diese Geschichte mit allen ihren Einzelheiten allgemein bekannt ist, so liegt hier für mich keine Veranlassung vor, noch einmal zu erzählen, durch welche Wunder die Juden von Egypten los und durchs rote Meer zum Sinai kamen. Wir haben bereits gesehen, daß sich die ganze Verfolgungsgeschichte eigentlich nur unter Menephtah und seinem Vater abgespielt hat, und daß folglich die Zeit der Unterjochung nicht einmal so lange gedauert haben kann, wie die Regierungszeit dieser beiden Monarchen zusammen; denn der Auszug aus Egypten hat ja noch bei Lebzeiten Menephtahs stattgefunden, der schon als alter Mann zur Regierung kam, und Ramses wird doch nicht gleich mit dem Anfang seiner Regierung als zwölfjähriger Knabe seinen Depotismus kundgethan haben. Der geistreiche Egyptologe Lepsius nimmt zu diesen Beiden noch den Vater und Großvater Setis I. hinzu, um die Zeit des Aufenthalts der Juden in Egypten abzurunden und wahrscheinlich zu machen, indem er diesen als den Pharao betrachtet, unter dem Joseph nach Egypten kam, Ramses II. als den, an dessen Hof Mose erzogen wurde, und Menephtah als den Pharao des Exodus. Das hieße allerdings der ganzen Geschichte etwas Gewalt anthun. Wo blieben da die 400 oder gar 430 Jahre des Aufenthalts der Israeliten in Egypten nach der Bibel, und was für ein schwaches Gedächtnis müßte da der große Ramses gehabt haben, wenn er als der neuerstandene König den Joseph nicht mehr kannte, der unter der Regierung seines Vaters, dessen Mitregent er war, seinem Vaterland so große Wohlthaten erwies? Daß er ihn nicht kannte, ist eigentlich kein Wunder, da in Wirklichkeit eine lange Zeit zwischen beiden liegt, indem der Letztere unter der Regierung des Hyksoskönigs Nub, wahrscheinlich im Jahr 1740 v. Ehr., d. h. 400 Jahr vor Ramses, seinen Einzug in Egypten gehalten hatte. Die Israeliten haben überhaupt bis zum Exodus 430 Jahre in Egypten geweilt, und da dieser nach allgemeiner Annahme erst nach dem Tod des Ramses fiel, so entspricht das Jahr 1300 v. Ehr. annähernd der Zeit des Auszugs unter Menephtah. Fügen wir die Zahl 430 als Gesamtdauer des Aufenthalts der Israeliten in Egypten hinzu, so erhalten wir das Jahr 1730 v. Ehr. als ungefähre Zeitbestimmung für ihre Einwanderung in das Land, was auch mit der Angabe der heiligen " Schrift übereinstimmt.