Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22. Israelitische Wochenschrift. Seite 345. Die Cnt-ehmg des jüdische« Kolks. Von M. Silberstein. (Fortsetzung.) IV. D i e Hyksos. Hier müssen wir unseren Blick rückwärts wenden und ein buntes Bild vor unfern Augen vorüberziehen lassen, das in der egyptischen wie in der jüdischen Geschichte eine bedeutende Rolle spielt und später zum Nachteil der Juden gedeutet worden ist. Man erzählt sich, daß vor mehr als viertausend Jahren ein rohes Volk erschien, das von den Gegenden des Morgens kam, das egyptische Niederland überfiel, die Städte niederbrannte und die Heiligtümer ihrer Götter verwüstete. Es mißhandelte sämtliche Einwohner, machte sie nieder oder führte sie mit Fraueü und Kindern in die Knechtschaft. Nachdem es das ganze Land in Besitz genommen, wählte es aus seiner Mitte einen Mann zum König, dessen Name Salatis war. Dieser schlug seinen Sitz in Memphis auf, zog von dem obern und untern Land die Steuern ein und legte Besatzungen in die geeignetsten Plätze. Besonders aber befestigte er die östlichen Grenzmarken, denn er befürchtete, daß die Assyrer einen Einfall in sein geraubtes Königreich versuchen würden. Nachdem er eine sehr günstige Lage im Osten des bubastischen Nilarms gefunden hatte, baute er auf Grund einer alten Göttersage eine bereits angelegte Stadt Auaris weiter aus, befestigte sie mit starken Mauerwällen und legte als Besatzung an 240 000 Mann Schwerbewaffneter hinein. Dieses ganze Volk, nach anderen nur die Häuptlinge, wurde Hyksos oder Hirtenkönige genannt. Nachdem es mehr als 400 Jahre im Land gehaust, erhoben sich die Thebaner unter Amasis und seinem Nachfolger Amnophis gegen die Eindringlinge, die schließlich nach einem achtzigjährigen Kamps von Thetmosis besiegt wurden. Die streitenden Parteien machten zu Gunsten der Besiegten — wahrscheinlich um sie nur los zu werden — einen Vergleich, sie hinziehen zu lassen, wohin sie wollten, ohne daß ihnen ein Leid zugesügt werde. Hieraus sollen sie im Jahr 1580 v. Ehr. Egypten mit ihren Angehörigen verlassen haben, durch die Wildnis gezogen und nach Syrien, dem späteren Judäa, gekommen sein. Dort sollen sie eine Stadt gebaut haben, die sie Jerusalem nannten. Wir könnten sagen: was haben die Hyksos eigentlich mit Jerusalem zu thun, das erst nach langer Zeit die Hauptstadt des Landes wurde, das Gott nicht ihnen, sondern Abraham und seinen Nachkommen als Eigentum versprochen hatte? Ursprünglich hieß dieser Ort Salem, und als die Jebusiten das Land besaßen, hieß es Jebus. Jerusalem selbst wurde erst viel später, etwa 1050 v. Ehr., von David angelegt, als er die Jebusiten besiegt hatte. Es wurde dann von Salomo weiter gebaut und durch den Tempelbau aus dem Berg Moria zu Glanz^gebracht. Zur Zeit Josephus' soll es noch einen Umfang von 4 zu 6 Meilen gehabt haben. Aber mit dem sabelhasten Bau von Jerusalem durch die Hyksos fangen die entschieden absichtlichen Verwechselungen mit den Juden an, wie wir bald sehen werden. Oberflächlich betrachtet, findet sich im Leben beider, wie es uns dargestellt worden, allerdings eine merkwürdige Aehnlichkett. Beide waren Hirten, aus Syrien kommend, die sich fast zu gleicher Zeit in Egypten aushielten, und jede nach einem Aufenthalt von etwa 400 Jahren das Land verließen, um wieder durch die Wüste nach Syrien zurückzukehren, nur mit dem Unterschied, daß die Hyksos zu Hunderttausend als Eindringlinge das Land überfallen hatten, während die Israeliten nur siebzig an der Zahl als eine friedliche Familie vom König ausgenommen wurden, der ihnen eine fruchtbare Gegend zum Wohnsitz anwies. Jene wurden nach achtzigjährigem Kamps aus dem Land gewiesen, womit von manchem irrtümlich der Exodus der Juden in Verbindung gebracht wurde, während dieser erst vom König erzwungen werden mußte. Nach meiner Ansicht liegt hier ganz entschieden eine Täuschung des Verfassers vor, um eine Aehnkichkeit zwischen den Hyksos und den Israeliten zu schaffen, damit sie nicht zu unterscheiden wären. Der Berichterstatter dieser scheinbar homogenen Ereignisse ist zum größten Teil der egyptische Priester und Geschichtsschreiber Manetho, Bibliothekar Ptolomäus-Philadelphus, auf dessen Anleitung er 275 v. Ehr. nach den Annalen des Landes eine Geschichte Egyptens verfaßte, von der keine Spur mehr vorhanden ist. Um dieselbe Zeit ließ auch der nämliche Herrscher die heilige Schrift ins Griechische übersetzen, und es ist gar kein Zweifel, daß Manetho sie kennen gelernt und zum Nachteil der Israeliten ausgebeutet hat. Ob das untergegangene Werk Manethos einen besondern Wert hatte oder nicht, können wir leider nach den obigen Thatsachen aus eigener Anschauung nicht behaupten. Aber soviel steht fest, daß es von den Geschichtsforschern der klassischen Zeit nicht verwertet und von einzelnen Kirchenvätern nur auszugsweise benutzt wird. Im Laus der Zeiten verdarben Abschreiber, sei es aus Irrtum, sei es mit berechnendem Vorsatz oder aus Unwissenheit, die Namen und Zahlen der Urschrift, und so besitzen wir gegenwärtig nur verstümmelte Trümmer des Baus. Was wir daraus wissen, verdanken wir der Schrift Josephus' gegen Apion, die aber auch nur in Bruchstücken erhalten ist. Da er jedoch wahrscheinlich das ganze Werk noch kannte, aus dem er seine Auszüge machte, so werden wir ihm wohl glauben müssen, wenn er uns auch nur wenig Vertrauenerweckendes und gerade in dieser Beziehung viel Widerspruchvolles von dem Verfasser mitteilt, zumal er ausführlich nachzuweisen sucht, daß es ihm garnicht daraus ankam, etwaige Lücken in seinen Berichten mit allerhand unglaublichen Fabeln auszusüllen. So erzählte er unter anderem die wunderbare Geschichte von einem König Amenophis, den Josephus für eine fingierte Persönlichkeit hält, daß er einem Propheten gegenüber den Wunsch äußerte: die Götter zu schauen, worauf ihm jener antwortete: daß das nur geschehen könne, wenn er das Land von den Aussätzigen und anderen unreinen Leuten befreien würde. Daraufhin wurden die Aussätzigen und die übrigen Unreinen, etwa 80 000 an der Zahl, in die östlich vom Nil gelegenen Steinbrüche geworfen, damit sie dort mit