Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22. Israelitische Wochenschrift. Seite 343. wunden und ist nun aus dem besten Weg zum Erfolg. Die Farms sehen sehr hübsch aus und beweisen die sorgfältigste Pflege. Die Weingärten sind geschickt angelegt, die Weine sind gesund und kräftig, die Weinernte ergiebig. Die Kolonisten ziehen sehr gute Stachelbeeren, Johannisbeeren, Brombeeren, Kirschen, Birnen und Pfirsiche und ungeheure Mengen von vorzüglichen Kartoffeln. Die Kolonie ist jetzt in die Verwaltung der Baron Hirsch-Stiftung übergegangen, die ihre weitere Entwickelung kräftig fördern wird. Die heutige Kolonie Rosenhayn war 1882 eine Wildnis von Tannen und Buschwerk. Sie ist wie „Alliance" vom hebräischen Auswanderer-Hilssverein begründet und hat mit sechs Familien begonnen. Jetzt ist sie ein prächtiges Dorf mit 800 Einwohnern, 200 Häusern, einer breiten, eine englische Meile langen Avenue, mit Eisenbahn-, Telegraphen- und Telephonverbindung. Im letzten Jahr waren bereits 500 Acker Landes kultiviert. Die Farms sind in vortrefflicher Ordnung und beweisen die Geschicklichkeit, mit der die Reinigung des Bodens von Strauchwerk, Baumstümpfen, Wurzeln und Unkraut gehandhabt worden ist. Die Eisenbahnstation wimmelt von jüdischen Arbeitern, die Beeren und andere Lebensmittel verladen; die Weinftöcke biegen sich unter der Last ihrer Ernte, und eine Kolonie von kräftigen, ehrenhaften Söhnen ist aus den schwächlichen, gebeugten jüdischen Flüchtlingen emporgewachsen. Ungefähr die Hälfte der Farmer hat ihr Eigentum schon schuldenfrei. Ausdauer und Sparsamkeit der Eingewanderten haben nach hartem Kampf den Sieg errungen. Das Land war zuerst in kleinere Farms mit kleinen Gebäuden eingeteilt, die jeder Familie auf zwei Jahre ohne jedes Entgelt überlassen wurden; vom dritten Jahr an wurden jährlich kleine Abzahlungen geleistet, bis die Farm voll bezahlt war. Die Ernte der Kolonie Rosenhayn erreichte in den letzten Jahren den Betrag von 10 000 bis 12 000 Dollars. Für die Kolonie Woodbine hat seinerzeit Baron Hirsch sehr viel gethan. „Es war ein kühnes Experiment", heißt es wörtlich in dem Bericht, „eine Kolonie im Buschland von New-Jersey anzupflanzen. Den Boden von Busch- und Baumreften zu reinigen und ihn ertragreich und fruchtbar zu machen, war ein ungeheuerliches Unternehmen und hat zu befriedigendem Gelingen sorgfältigste Ueberlegung, planvolles Vorgehen und unaufhörliche, unermüdliche Arbeit und Energie verlangt. Aber wie die in diesem Buch festgestellten Thatsachen unbestritten erweisen, ist das arbeitreiche Unternehmen von Erfolg begünstigt worden". Was die Kolonie Woodbine vor den anderen Kolonien voraus hat, ist die nach dem Baron Hirsch benannte landwirtschaftliche Schule, die den Söhnen der Ansiedler neben dem gewöhnlichen Schulunterricht den theoretischen und angewandten Unterricht in der Landwirtschaft und im Gartenbau erteilt. Die Schulsarm umfaßt 270 Acker Land, von denen 175 kultiviert sind und wachsend gute Ernten geben. Die Schüler mehren sich mit jedem Jahr, sie schicken ihre Erzeugnisse nach weit und breit. Ein Teil von ihnen hat nach beendeten Studien in verschiedenen amerikanischen Instituten gute Stellungen erlangt, ein anderer Teil verwertet seine Kenntnisse und seine Geschicklichkeit in der Farm der eigenen Eltern. Das Schulhaus hat eine Bibliothek, ein chemisches Laboratorium, Lesezimmer u. s. w. Die Milchwirtschaft der Schulfarm wird ganz besonders gerühmt, die hier erzeugte Butter wird wegen ihrer vorzüglichen Qualität sehr hoch bezahlt. „Die Milchwirtschaft wird von allen bewundert, die sie besuchen, im ganzen Staat New-Jersey giebt es wahrscheinlich keine, lei der die Sanitätsmaßregeln mit größerer Sorgfalt beobachtet werden". Die vier Geflügelhäuser, die Schmiede und alle anderen Werkstätten sind in Einrichtung und Arbeitsanordnung mustergiltig. Zur Kolonie Woodbine gehören 5300 Acker Land; die aus Rußland und Rumänien stammenden Ansiedler haben je 15 Acker. Hier leben 160 jüdische und 34 christliche Familien in ungetrübtem Einvernehmen. Die Hälfte der Kolonisten haben ihre Häuser selbst bezahlt, und von den 50 Farms sind 16 schon vollständig schulden- und lastenfrei. Sie haben bereits 14 engl. Meilen Straßen gebaut und 12 Meilen Wegs innerhalb der Ansiedlungen. Als Kuriosum mag erwähnt sein, daß ein einziger Polizist zur Ausrechterhaltung der Ordnung genügt, und das für eine große Anzahl Leute, die wegen ihres gefährlichen Charakters von der russischen Polizei vertrieben worden waren. Die Kolonie Carmel unterscheidet sich von den drei ersten dadurch, daß sie nicht von einem Wohlsahrtsverein oder einem Philanthropen begründet worden, sondern daß eine Schaar von mutigen russischen Flüchtlingen sich aus eigenem Antrieb hier zusammengethan, um das Land urbar zu machen. Sieben Jahre lang haben die Einwanderer vom Morgengrauen bis in die späte Nacht mit äußerster Anstrengung gearbeitet, konnten aber wegen mangelnder Geldmittel nicht weiter und standen vor dem Ruin. Da kam Baron Hirsch ihnen mit einem Darlehen zu Hilfe. Das gab den fleißigen Arbeitern neuen Mut, und der Erfolg ist, daß die Kolonisten das Land fruchtbar gemacht haben und jetzt ihren reichlichen Lebensunterhalt davon haben. Ihre Melonen sind die besten von ganz New-Jersey, ihre Weine, von kräftigem Gehalt und feiner Blume, finden steigende Nachfrage. Die Farms sehen nett und sauber aus und sind gut gehalten. Um Uebrigen befassen die Kolonien sich nicht ausschließlich mit Landwirtschaft. Der Versuch, sie auch zu Industriezentren zu machen, hat guten Erfolg g^eigt. Die innerhalb der Kolonien errichteten Fabriken haben den doppelten Zweck, Konsumenten für die Erzeugnisse der Landwirtschaft heranzuziehen und die vielfach arbeitslosen und notleidenden Handwerker von den übervölkerten Städten auss Land zu verpflanzen. In Rosenhayn sind neun Fabriken in Betrieb, die Kleidungsstücke, Trikotstoffe, Eisen- und Zinnwaaren und Ziegelsteine fabrizieren. Die Arbeit erwohnungen sind gut, und 50 Prozent der Beamten wohnen in eigenen Häusern. Auch in Woodbine sind Fabriken gebaut worden; den Arbeitern werden große Konzessionen gemacht, um sie zur Uebersiedelung aufs Land zu veranlassen. „Sie scheinen aber die heißen Läden Newyorks und anderer großen Städte mit ihrer ungesunden Luft, den engen Wohnungen und der unfreundlichen drückenden Umgebung, den bequemen hellen lustigen Fabrikgebäuden und der frischen Lust des platten Landes vorzuziehen". Den Hauptgrund für das Zögern des städtischen Handwerkers bildet die Besorgnis, daß seine Beschäftigung auf dem Land nur vorübergehend sein, und daß