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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-05-03 · 18 (3.5.1901) · p. Seite 281

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
18 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
Seite 281 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 18. Israelitische Wochenschrift. Seite 281. mit allem menschlichen Wissen ausgestattet sehen wollten, wenn sie jene Aufklärer und Förderer unserer schönen alten Sprache beinahe zu Abtrünnigen zu stempeln wagten, antworteten die Neuen auf dieses Unterfangen der Zionswächter mit Schmähungen auf die Unwissenheit, aus die dunklen einseitigen Religionsvorurteile ihrer alten Widersacher. In den sie ziger Jahren wurde es ruhiger im inneren Parteihader, die Jüngeren, die mit seltenem Freimut die Ausklärungssache ihres Volkes verfochten, gewannen quantitativ und qualitativ mehr Ueberhand in den inneren Geschicken der jüdischen Familien und des Gemeindelebens. Es gereicht ihnen zur höchsten Ehre, daß sie bei der Aneignung der weltlichen Kultur ihre eigene, die altjüdische, nicht unterschätzten. Wie sollten sie das Altjüdische verleugnen, wenn es die alte Sprache war, die ihnen hauptsächlich als heiliges Mittel zum Zweck diente, jegliches menschliches Wissen zu fördern! Wenn in Rußland in der großen liberalen Bewegung in der Zeit Alexanders II. das alte Judentum keine religiöse Reform, nach Muster der in der westeuropäischen Judenheit entstandenen, erlitt, keine Aenderungen im überlieferten Gottesdienst und Aehnliches, so ist das hauptsächlich daraus zurückzuführen, daß in Rußland die hebräische Sprache zur Hauptträgerin der allgemeinen Kultur unter den Juden geworden war. Eine, wenn auch profane Kultur, vom Geist der heiligen hebräischen Sprache geleitet, mußte einen geistigen national-jüdischen Gehalt bewahren; konnte wohl eine fortschrittliche gedeihliche Entwickelung, der Zeit Rechnung tragend und im Sinn der Ueberlieserung, hervorbringen, niemals aber radikale Reformen, negative Abweichungen vom Herkommen. Die hebräischen Schriftsteller, die mit begeistertem Eifer ihr Volk zu profanem Wissen ausklärten, dokumentierten sich dabei in jeder Weise als Anhänger des gesetzestreuen Judentums. Gleich den hebräischen Schriftstellern, den wahrhaft aufgeklärten Männern, die es als ihre höchste Pflicht erachteten, an der Hebung des geistigen und sozialen Niveaus ihrer Glaubensbrüder mitzuarbeiten, stellte sich die im Jahr 1863 in Petersburg von jüdischen Notabeln gegründete „Gesellschaft zur Verbreitung rer Aufklärung unter den Juden in Rußland" ähnliche Aufgaben. Durch die Grundlagen europäischer Zivilisation haben die russischen Juden eine Selbstvervollkommnung erfahren, eine würdige Intelligenz aus sich selbst herausgebildet.} Der deutsche Jude hat immer noch eine Art Vorurteil oder Geringschätzung gegenüber seinem russischen Glaubensgenossen, weil der deutscheJudevomLeben und Treiben der Juden in Rußland so wenig Kenntnis und Vorstellung besitzt. Zwei Gelehrte aber aus dem Kreis der deutschen Judenheit möchte ich ansühren, die sich besonders viel für das Ergehen der russischen Juden interessiert haben und daher als deren hervorragende Kenner und Gönner gelten. Dr. Ludwig Philippson schreibt im Jahr 1841: „Der polnische und russische Jude steht allerdings noch auf einer sehr niedern Stufe; dessen ungeachtet birgt er in sich große Geisteselemente, die, einmal zu fröhlicher Blüte getrieben, reiche Früchte versprechen. Neben ausgezeichnetem Scharfsinn und Fassungskraft, die freilich jetzt noch wenig aus das Edlere! im Menschentum verwendet werden, besitzt er auch intensives Gemütsleben. Mäßigkeit, feurigste Kindes- und Elternliebe, höchste Begeisterung für Religion, Ergebung und Resignation, Hingebung an jede geistige Bewegung, die angeregt worden, machen die edleren Grundzüge seines Charakters aus."98) Dr. I. Rüls schreibt im Jahr 1868, daß der Deutsche von den Juden in Rußland keine Ahnung hat: „Er kennt und beurteilt sie nur nach den wenigen sogenannten Schnorrern, die von diesen Gegenden bis zu ihm hinkommen. Aber so wenig, wie man nach den einzelnen mausesallenverkaufenden, drehorgelspielenden Savoyarden die Italiener beurteilen kann, ebensowenig die Juden dieser Gegenden nach jenen verlaufenen und oft verkommenen Menschen."^) Die gebildeten Teile der Juden in Rußland selbst gewannen Selbsterkenntnis und sind von der ihnen obliegenden Bildungspflicht durchdrungen. Ein russisch-jüdischer Historiker (S. M. Dubnow) schreibt unter Anderem in seinem Geschichtswerk: „Dieser Prozeß innerer Erneuerung versprach in Rußland noch großartiger als in Westeuropa zu werden, denn die Anzahl der Juden in Rußland ist ungleich größer als in Europa, und außerdem lag in den russischen Juden noch ein kolossaler Vorrat verschlossener geistiger Energie verborgen, die, von den alten scholastischen Formen des Gedankens abgelenkt, lebendigem, realem Wissen zugewendet, die glänzendsten Resultate ergeben können".l0°) Die freiheitliche Entwicklung der Dinge wurde aber mit einem Mal schrecklich unterbrochen; 1881 waren Verfolgungen herausbeschworen, tausend strebende Kräfte mußten wiederum in der Enge der Verhältnisse verkümmern, und die russischen Juden erfuhren eine bittere Zurücksetzung. (Schluß folgt.) Die SoptplitiH im jüdisch Ni Staat. Von L. N. I. Bei einer Betrachtung des jüdischen Gesetzes, das in Pentateuch und Talmud enthalten ist, fällt vor allem die Sorgfalt aus, die aus das soziale Gebiet verwendet ist, dem die modernen Völker erst in jüngster Zeit Aufmerksamkeit geschenkt haben. Wie weit den Forderungen dieses Gesetzes in der Praxis Folge gegeben wurde, wollen wir an dieser Stelle nicht untersuchen. Daß dies nicht immer geschah, beweisen am besten die Donnerreden der Propheten. Doch kann man hierfür das Gesetz nicht verantwortlich machen. Denn bei allen Völkern, auch den modernen, wird zwar die Kenntnis des Gesetzes vorausgesetzt, aber bei keinem alten oder modernen Volke finden wir irgend eine Vorkehrung angeordnet, die Kenntnis des Gesetzes, die sittliche Lehre zu vermitteln. Einzig bei den Juden war es alte Vorschrift, 98) Rückblick auf das Jahr 1841 im Jahrbuch für Israeliten von Busch p. 39. 99) Aufruf im Namen des Vereins zur Linderung des Notstandes 1868. io») S. M. Dubnow, russische Bearbeitung der Geschichte der Juden, mit seinen Ergänzungen zur Geschichte der russischen Juden. ' 2. Teil p. 456.

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