Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Israelitische Wochenschrift. Seite 279. beiden durch die Hinweisung.auf die göttliche Weisheit zu lösen sucht; das Hohe Lied aber ist ein romantisches Epos mit dem entschiedenen Charakter der Vergeistigung des natürlichen Lebens und der Schilderung geistiger und ewiger Liebe in den Bildern natürlicher Empfindungen. Unmöglich kann das Verlangen der menschlichen Seele nach der innigsten Vereinigung mit Gott schöner und glühender ausgedrückt werden, als dies in der Schilderung des nächtlichen Suchens der Braut nach dem verlorenen Bräutigam im Hohen Lied geschieht. Beide Dichtungen stehen aber im direkten Gegensatz zu der griechischen dramatischen und lyrischen Poesie, indem statt des Kampfes und seines unlösbaren Gegensatzes die Lösung durch die göttliche Vorsehung, und statt des Versinkens des geistigen Lebens und Liebens in Sinnlichkeit die Erhebung über diese uns entgegentritt. Ebenso ist es mit dem Abschluß der hebräischen Poesie überhaupt. Auch dieser vergegenwärtigt den direkten Gegensatz zu der griechischen. Während in der griechisch-römischen Poesie die versuchte Erhebung des Geistes über die Welt in dessen vollständiger Verweltlichung sich verliert, tritt die hebräische, wie sie von Anfang aus dem Glauben an die göttliche Offenbarung hervorgegangen ist, am Schluß wieder in die Zelte Gottes zurück und erhebt sich in Verbindung mit dem Prophetentum wieder zu ihrem himmlischen Ursprung. In der hebräischen Dichtkunst ist der Geist das Höchste, die äußere Form dagegen unwesentlich. Die Natur wurde nicht um ihrer selbst willen, um an ihren Schönheiten sich zu ergötzen, betrachtet; sie war ein Geschöpf des unsichtbaren geistigen Gottes, dessen Allmacht und Weisheit sich in ihrer Gewalt und Planmäßigkeit kundgab. Plastik und Architektonik blieben daher den Hebräern fremd; die Einbildungskraft versenkte sich in die Tiefen der Gemütswelt und schuf dort geistige Kunstwerke, Dichtungen, die rein aus dem Gemüt quollen, die, weil sie die subjektive Stimmung, die innerliche Bewegung ausdrücken, dem Volk der Religion recht angehören. Es ist darum nicht das plastische Epos, das sich bei den Ariern findet, sondern die musikalische Lyrik das Ergebnis der hebräischen Gemütsstimmung und Weltauffaffung; es ist die Innerlichkeit des Gemüts in seinem Verhältnis zu Gott; es ist die Weihe des Irdischen durch seine Beziehung auf das Ewige und der sittliche Gehalt, wodurch diese Lyrik das religiöse Gepräge und die klassische Größe für alle Zeit erhält. Sie ist hymnisch in dem Preise Gottes, für den sie alle Pracht und Fülle der Natur verwendet, sie ist dialektisch, insofern es ihr weniger um die Schönheit, als um die Wahrheit, um das Heil der Seele, um die Erbauung des Gemüts zu thun ist. Jur Geschichte der rnsfischeii Inden im 19. Inhthnndert. Von Leon Scheinhaus-Memel. (Fortsetzung.) VII. Der Heranbildung der jüdischen Jugend zu zeitgemäßem Wissen galt eine der nachhaltigsten Bestrebungen der Regierungszeit Alexanders II. Die Erfolg rührten jedoch nicht allein von der zu jeglichem Bildungsstufen ausmunternden milden Gesetzgebung her, sondern mehr noch d^on, daß es auch innen in weiten jüdischen Kreisen lebendig w^de; und -seither ist die allgemeine Bildung für einen großen der russischen Juden nicht blos ein Gebot der Zeit, sondern ein wahrer innerer Trieb geworden. Auf konfessionelle Elementarerziehung ist von der Regierung wenig Wert gelegt worden; hauptsächlich suchte man die Heranziehung der Juden zur allgemeinen Bildung in jeder möglichen Weise zweckmäßig durchzusühren. Der konfessionelle Unterricht wurde zur internen Angelegenheit der Juden, ihrer eigenen Fürsorgelohne Einmischung der Regierungskreise überlassen; die jüdischen Familien und die Gemeinden haben auch unter sich den Religionsunterricht, dieses heilige Pfand, das uns unsere großen Vorfahren überliefert haben, in alter Treue verwaltet. Die aus das geistige und materielle Wohl ihrer jüdischen Unterthanen bedachte Regierung war gewissenhaft genug, die Unzulänglichkeit und Unzweckmäßigkeit der jüdischen Spezialschulen, eine kulturelle Einrichtung der Nikolaischen Zeit, anzuerkennen. Zunächst hatte in der Schulangelegenheit das Gesetz vom 6. September 1862 große Bedeutung, in dessen Text es heißt: „Das Komitee für jüdische Angelegenheiten gelangte zur Ueberzeugung, daß die bis dahin bestehende Regel, für die Verwaltung der jüdischen Schulen nur Inspektoren christlichen Glaubens anzustellen, eineder wesentlichsten Ursachen war für die äußerst geringe Teilnahme und das Mißtrauen der jüdischen Bevölkerung diesen Schulen gegenüber, und daß die Aufhebung dieser Einschränkung die wirksamste Maßregel zur Vermehrung der Schülerzahl wäre, wie das auch der vereinzelte Versuch in Mohilew (Podolien) erwies. Es wird demgemäß beschlossen, fernerhin die Inspektoren aus Juden und Christen zu ernennen" (Gesetzsammlung Bd. XXXVII Nr. 38641). Diese Entscheidung ist Allerhöchst genehmigt worden. Für die Anregung dieser wichtigen Frage sind die Juden der Initiative des Kurators des südrussischen Lehrbezirks N. I. Pirogold hauptsächlich verpflichtet, der den im Gesetz erwähnten Versuch in Mohilew anstellte; aus der unaufschiebbaren Genehmigung und Durchführung dieser Maßregel bestand auch die in Petersburg tagende Rabbiner-Kommission von 1861. Die ersprießlichen Folgen dieses Gesetzes blieben nicht aus; beinahe in allen Schulen, wo jüdische Inspektoren ernannt wurden, hat die Schülerzahl merklich zugenommen, und die Schulen sahen erwünschten Aufschwung. Nach den Ermittelungen des aus Allerhöchsten Befehl behuss Besichtigung der jüdischen Schulen in verschiedenen Gouvernements abkommandierten Geheimrat Postels hat in manchen Schulen im Laus von ein oder zwei Jahren nach der Anstellung eines jüdischen Inspektors die Schülerzahl sich verdoppelt oder sogar verdreifacht.^) Mit der Einsetzung von Juden in die Verwaltung ihrer Schulen war die Bedeutung der Schulen der Auffassung des jüdischen Volks näher gerückt, jedoch konnten diese die konfessionellen Lehranstalten, wie sie dem altjüdischen Geist genehm ^) Bramsohn a. a. O. p. 316.