Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- Seite 278 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 278. Israelitische Wochenschrift. Nr. 18. Die Frage, welch ein Verhältnis die Poesie zur Religion habe, muß demnach in verschiedener Weise beantwortet werden, je nachdem von einer bloßen Naturreligion oder von der geoffenbar/-" die Rede ist. Der Naturreligion gegenüber ist die P^e die Mutter der Religion; der geoffenbarten gegenübi* ist sie höchstens die Tochter. Anders gestaltet sich die Poesie unter dem Einfluß einer geoffenbarten positiven Religion, und anders, wenn sie vom alten, positiven Glauben verlassen, sich selbst überlassen unter dem Einfluß der unfreien Natur nur mühsam die Rechte der Freiheit zu wahren vermag. Wenn ein Volk sein geistiges Leben unmittelbar an den Glauben, an eine positive göttliche Offenbarung anknüpfen kann, so wird die Poesie als die Uebertragung und Anwendung dieses Glaubens aus das wirkliche Leben erscheinen. Wenn dagegen ein Volk seine Geschichte ohne religiöse Tradition aus sich selbst gestalten soll, so muß es durch die Poesie jenen Mangel zu ergänzen suchen. So waren z. B. die Griechen in ihrer nationalen Entwicklung, schon um ihre Geschichte mit der Urzeit zu versöhnen und die Zeit an die Ewigkeit anknüpfen zu können, genötigt, den menschlichen und natürlichen Kräften auch eine höhere und übernatürliche Bedeutung zu erteilen. Die Phantasie mußte ergänzen, was die Tradition vergessen hatte. So bildeten sie sich eine eigene Urgeschichte und gestalteten diese wieder zur Welt- und Göttergeschichte um. Ausgehend von der Vergöttlichung des Natürlichen und Menschlichen ging sie zu der Schilderung des Kampfes beider Welten über in Aeschylus und Sophokles, um endlich das Göttliche ganz zu vergessen und in gemeiner Natürlichkeit unterzugehen. Weil also ihre Religion das Göttliche mit dem Menschlichen vermischte, ist sie dem Schicksal alles Menschlichen, dem Untergang verfallen. Die Dichter und Künstler Griechenlands haben die Religion ihrer Völker geschaffen; mit ihnen ging auch die Religion der Griechen zu Grund. Wie Homer die Götter geschaffen, so hat Lucian sie vernichtet. Ganz anders ist Inhalt und Verlaus der hebräischen Poesie. Die epische Poesie fehlt allerdings bei den Hebräern; dafür geben uns die Bücher Moses in epischer Einfachheit die Schilderung der Urgeschichte der Welt und der Menschheit. Es ist nicht einfach Geschichte im gewöhnlichen Sinn, wenn uns Moses Wahrheiten berichtet, die außer aller menschlichen Erfahrung liegen, und sein Bericht ist ebensowenig blos poetische Erfindung oder spekulative Hypothese, sondern vielmehr die Feststellung der sittlichen und allgemeinen Weltordnung aus der Grundlage der ältesten göttlichen Offenbarung und der diese heilig haltenden Tradition. Die Erzählung der Weltschöpsung bei Mose hat eine gewisse Aehnlichkeit mit den drei Weltperioden der Theogonie des Hesiod. Die drei ersten Schöpfungstage bezeichnen die Scheidung der Gegensätze und Elemente der Welt, entsprechend der Periode des Uranos; der vierte Schöpfungstag zeigt die Herrschaft der Zeit durch die Bestimmung des Verhältnisses der Gestirne zur Erde; das Eintreten des menschlichen Bewußtseins in die Zeit am sechsten Tag, entspricht der dritten Periode der Geschichte Hesiods. Bei dieser allgemeinen Aehnlichkeit ist aber die wesentliche Grundverschiedenheit der hesiodischen Theogonie und der mosaischen Kosmogonie nicht zu übersehen. Während bei Hesiod die verschiedenen Prinzipien des Lebens verworren durcheinander schwimmen, weil die dichterische Phantasie des Menschen für sich und ohne höhere Anhaltspunkte die drei Welten, zu denen sie eine Beziehung hat, nicht zu unterscheiden vermag, ist in der mosaischen Genesis jede dieser Perioden aufs Bestimmteste von den andern ausgeschieden und nach ihrer eigentlichen Stellung bezeichnet. Gott, der Schöpfer der Welt, ist wesentlich von der Schöpfung verschieden gedacht. Aber auch der Mensch ist nach seiner freien Stellung zur Welt geschildert, und die sittliche Weltordnung wird aufs Genaueste von der natürlichen abgegrenzt. Das ist nicht mehr Dichtung, sondern wirkliche Urgeschichte der Menschheit. Deshalb konnte die Poesie aus dem Boden der mosaischen Religion nicht epische Gestalt gewinnen, weil jede epische Erzählung durch die Anknüpfung an die Religionsgeschichte von selbst eine höhere Bedeutung hätte erhalten, und eine blos poetische Schilderung historischer Begebenheiten der religiösen Bedeutung des Inhalts hätte Eintrag thun müssen. Die ursprünglich heilige Geschichte durste nicht willkürlich von dem epischen Dichter nach Kunstgesetzen neu gestaltet werden; sie war unantastbare heilige Geschichte. Noch weniger durfte die Vergangenheit des hebräischen Volks in ein gegenwärtiges Drama umgewandelt werden. Das hebräische Volk bedurfte weder eines Epos —, denn vielmehr als das, was der Grieche an seiner dichterisch verklärten Vergangenheit hatte, besaß Israel an seiner Heilsgeschichte —, noch eines Dramas; denn es stand in einem gegenwärtigen Verhältnis zu Gott, der ihm durch seine Propheten eine herrliche Zukunst verhieß. Die hebräische Prophetie ersaßt die dramatische Poesie, wie die heilige Geschichte das Epos. Der Prophet erhebt über den Jammer und das Elend der Wirklichkeit nicht wie die dramatische Poesie in eine scheinbar gegenwärtige ideale Welt, sondern in einen vollkommenen Zustand der Zukunft. Mit der Verherrlichung Israels und der Verklärung der Welt schließen alle Propheten. Das ist die Welt, die Gott schaffen will und die Propheten schildern sie als Sprecher Gottes im voraus. Die Poesie konnte im Gebiet der mosaischen Religion zunächst nur in lyrischer Gestalt austreten. Im Lied konnte sich die unmittelbare Empfindung des persönlichen Gottvertrauens aussprechen. Das Vertrauen aus die persönliche Fürsorge Gottes für die Menschen machte das auf Gott gerichtete lebendige Gefühl zum Gebet und das Gebet zum Gedicht. In diesem Vertrauen wird der Mensch betend dichten und dichtend beten. Die Psalmen sind die unübertroffenen Muster der persönlichen Erhebung des Gemüts zu Gott. Reue und Buße, Entsagung und Ergebung, Hoffnung und Preis des Höchsten, sehnsüchtige Klage und jubelnde Lobgesänge des erhörten, Gott findenden Gemüts wechseln in allen Höhen und Tiefen der Empfindung. Was je Schönes und Beseligendes im Hinblick aus die Gottesnähe das Menschenherz bewegt hat und bewegen kann, das alles hat in den Psalmen seinen vollkommenen Ausdruck gesunden. An sie schließen sich als Uebergangsversuche zur epischen und dramatischen Form das Hohe Lied und Hiob an. Dieses ist ein dramatisches Lehrgedicht über das Verhältnis der menschlichen Freiheit zur Welt, das den Gegensatz zwischen