Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 18 (3.5.1901)
- Date
- 1901-05-03
- Page
- Seite 277 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 18 Israelitische Wochenschrift. Seite 277. „Kaufleute! schützt Eure heiligsten Güter!" So ruft ein jüdisches Fachblatt, der „Konfektionär". Und welches sind die „heiligsten Güter" der Kaufleute, die gefährdet werden? Es handelt sich um zwei behördliche Entscheidungen. Nach der einen Entscheidung dürfen dieZuschneider bei den Erfurter Konfektionären an Sonntagen nicht mehr beschäftigt werden, nach der zweiten Entscheidung soll die Bestimmung, daß jedem Gehilfen, Lehrling und Arbeiter im Handelsgewerbe der zweite Sonntag vollständig freigegeben wird, auch für die Sonntage vor Ostern und Pfingsten gelten und nicht ausnahmsweise außer Kraft gesetzt werden. Darin besteht die Gefährdung der „heiligsten Güter", zu deren Schutz das jüdische Blatt die Kaufleute anruft! Es ist erstaunlich, mit welchem Pathos gewisse jüdische Interessenten Ausnahme - Bestimmungen aus Kosten des christlichen Sonntags verlangen." Wenn die „Kreuzzeitung" richtig zitiert hat, so ist dem „Konfektionär" eine Entgleisung im Ausdruck begegnet, hat er sich eine wenig geschmackvolle Uebertreibung zu Schulden kommen lassen. Doch was soll es hier bedeuten, daß das fromme Blatt des Freiherrn von Hammerftein das Fachblatt „jüdisch" nennt? Ist der „Konfektionär" jüdisch, so kann die „Kreuzzeitung" eine Begeisterung für den christlichen Sonntag ernstlich gar nicht verlangen. Eine aufrichtig religiöse Gesinnung fordert nicht, daß man die Festtage Andersgläubiger feiert. * * tUrteilsbestätigung.) Der oberste Gerichtshof in Wien hat keine Möglichkeit gesunden, das gegen Hilsner in Polna von den Geschworenen ausgesprochene Todesurteil auszuheben. Der Verurteilte ist ein Lump, ein verkommener Mischling — doch das über ihn gefällte Urteil bleibt darum nicht minder ein justizmörderisches Werk des Antisemitismus. * * * (Die Entwickelung Bulgariens.) In der bulgarischen Stadt Küstendil hat eine Judenhetze stattgefunden. Der Vorgang war der übliche: Ein Hausen Exzedenten dringt erst in die Synagoge, dann in die Läden der Juden, mißhandelt, säuft und plündert. Wenn alles vorbei ist, erscheint das Militär, um „die Ordnung wieder herzustellen". Ursache des Krawalls war diesmal die Weigerung der Juden, sich einem Mißtrauensvotum gegen den Gemeinderat anzuschließen. — Bulgarien entwickelt sich immer mehr zur rumänischen Verkommenheit. iliul'if und Religio». Von Rabbiner Dr. B. Seligkowitz-Cöthen. Wenn man den Dichter das Herz der Welt nennt, so hat man ihm eine Stelle in der Welt angewiesen, durch die er von allen übrigen Menschen unterschieden und ausgezeichnet ist. Die Produkte der Dichtkunst bezeichnen stets die Höhe der Bildungsstufe der Völker und Menschheit. Zwar hatte sich auch ein Einwand dagegen geltend gemacht: daß nämlich die dichtende Kunst nur ein Leben des Scheins schildere, daß sie im Grund nur ein scherzhaftes Spiel, Luxus, Zierrat und Tändelei, der Gegensatz zu Ernst und Wahrheit sei. Diese Ansicht jedoch ist so falsch, daß sie unter Gebildeten gar nicht vorausgesetzt werden darf. Die Wahrheit ' und die Güte sind allerdings an sich nicht schön; aber je höher und edler ihr Gehalt, um so schöner kann die Form ihrer Erscheinung werden. Die wahre Poesie ersaßt gerade das bleibend Wirkliche. Das Leben der Natur ist ein poetisches, insofern die Natur immer Neues hervorbringt. Die Natur aber bringt ihre Produkte nicht mit Freiheit hervor, ihr fehlt der Ausdruck des geistigen Bewußtseins. Die Macht des Wortes ist nur dem Menschen gegeben, der es denkend und dichtend ausspricht, weil er frei ist. Nicht jedem Menschen ist es aber in gleicher Weise verliehen. Wenn wir aber fragen, waruni der Dichter allein diese Macht hat, so scheint die Antwort leicht, denn Jedermann giebt den Bescheid: weil der Dichter gottbegeistert ist. Und so hat sich von jeher das Gefühl in der Menschheit darin kundgegeben, daß die Dichter stets mit den Propheten zusammengeftellt und selbst für eine Art Seher oder Propheten erklärt wurden. Auch ist in der That zwischen beiden eine enge Verwandtschaft. Wenn der Prophet in jenen Gesichten, in denen Gott ihn die Zukunst erkennen läßt, den Menschen zuvor Unbekanntes und Neues erschaut, so muß er dieses Neue notwendig auch in entsprechenden neuen Bildern und Worten ausdrücken, muß also dichtend für seine Vision erst den entsprechenden neuen Ausdruck finden. Der Prophet muß notwendig Dichter sein, weil er Neues aus neue Weise auszudrücken hat. Aber auch der Dichter muß einen neuen, den Menschen zuvor unbekannten Gedankeninhalt aussprechen. Was schon zuvor allen bekannt und in Worten ausgesprochen war, ist nicht mehr Gegenstand der Poesie. Der Dichter darf nicht das Alte wiederholen, er muß Neues offenbaren, den Menschen den Einblick in zuvor noch unbekannte Tiefen des Geistes eröffnen. Sein Wort muß von solcher Tiefe sein, daß erst die Zukunft seinen Inhalt vollkommen erfüllen kann. Nur ist das, was der Dichter ausspricht, eine in dem geschichtlichen Organismus des Lebens schon vorbereitete und keineswegs eine durch eine freie übernatürliche Offenbarungsthat bedingte Zukunst, wie die Propheten sie verkündeten. Das Verhältnis der Dichter zu den Propheten ist ähnlich dem Verhältnis der Naturreligion zur geosfenbarten. Zwar ist j de Religion in einem gewissen Sinn Naturreligion, da auch die geoffenbarte sich au die Natur des Menschen halten und den Anforderungen der menschlichen Natur an die Religion überhaupt entsprechen muß, und ebenso ist auch jede Religion wieder genötigt, wenn sie nicht den religiösen Charakter aufgeben will, sich für eine geoffenbarte zu erklären. Dennoch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen geoffenbarter und Naturreligion, und wenn die neuere Philosophie sich berechtigt glaubte, diesen Unterschied gänzlich auszuheben und jede Religion für eine Entfaltung und Offenbarung des göttlichen Lebens in der Natur zu erklären, so beruht dtese^Erklärung lediglich aus einem Mißverstehen des Begriffs der Religion. Wo blos das Gesetz der Natur herrscht, da ist kein Unterschied zwischen Gott und Natur; wo aber kein wesentlicher, von der Natur verschiedener Gott ist, da ist auch keine Religion. Nur wer Gott und Natur für dasselbe hält, kann auch die Religion für eine Entfaltung des natürlichen Lebens halten, muß aber damit die Freiheit und mit der Freiheit auch das ' Weseu der Religion ausgeben.