Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- Seite 255 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 266. habe er mit Vorbedacht das Duell herbeigeführt. Andererseits aber konnte sich Ramira mit seiner Anzeige beeilen, und er durfte ihn nicht ungestört vorübergehen lassen. Fernando nahm deshalb den Weg, den Ramira zur Aljaseria hätte einschlagen müssen, und ging, scheinbar in tiefe Gedanken versunken, eine kurze Strecke vor der Stadt aus und ab, bis er einige junge Leute in die Herberge „la Buen Ventura" hatte eintreten sehen. Dann kehrte er plötzlich kurz um und ging ebenfalls hinein. Noch war er nicht ganz sicher. Konnte Ramiro nicht schon früher, vor seiner Ankunft, vorbeigegangen sein? Er hätte das so gut vom Wirt, Meister Vargas, oder von den übrigen jungen Herren, die bereits am Kneiptisch saßen, erfahren können; aber er wagte nicht zu fragen. Indessen kamen Alonzos Freunde nach und nach an; die Stunden, vergingen und der fröhliche Zirkel wurde immer größer,/aber Alonzo selbst erschien nicht. Fernando begann von Neuem zu fürchten und seine Unruhe erreichte ihren Höhepunkt, als plötzlich einzelne Akkorde einer Kanzonette, die von einer wohlbekannten Stimme gesungen wurden, an sein Ohr schlugen und einige der versammelten Gäste ihren Kopf nach der Gegend, aus der sie kamen, umwenden ließen. „Das ist Alonzo" sagten mehrere Stimmen auf einmal. Fernando schien diese Worte ganz zu überhören; er setzte unbefangen die mit seinem Nachbar angeknüpste Unterhaltung fort, nur seine Augen wandten sich schnell nach der Straße. In diesem Augenblick bemerkte er Ramiras Gestalt am, Fenster; einen Moment fürchtete er, der Letztere könnte nur Vorbeigehen, um sich geradezu zum heiligen Offizium zu begeben; glücklicherweise trat er ein. Ramiras Freunde umringten ihn, drückten ihm die Hand und überhäuften ihn mit einer Unmasse von Fragen, und die ohnehin schon durch den Wein lebhaft gewordene Unterhaltung wurde durch seine Ankunft noch bedeutend reger. Fernando sagte nichts; er begnügte sich damit, Ramira zu beobachten; dieser sah noch viel fröhlicher aus, als gewöhnlich; die Genugthuung einer nahe bevorstehenden Rache glänzte in seinen Zügen, und dieser Ausdruck der Befriedigung prophezeite Fernando nichts gutes. Es war ohne Zweifel die Freude darüber, -aß er sich durch einen Schlag des verhaßten Nebenbuhlers und des Mädchens, das ihm den Korb gegeben hatte, entledigen konnte. Ramira hatte Fernando noch nicht gesehen. „Bei alledem", sagte mitten in dem allgemeinen Lärm einer der jungen Leute, der hinter Alonzo saß, „wissen wir noch nicht, warum du uns heut so lange hast warten lassen". Der junge Mann wandte sich um, um zu antworten; offenbar fühlte er sich durch die Bemerkung geschmeichelt, daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit geworden war; bei dieser Bewegung bemerkte er den Verlobten Juanitas. Bei diesem Anblick verfinsterte sich sein soeben durch das Gefühl befriedigter Eitelkeit erheitertes Antlitz. Fernando, der diese Veränderung bemerkt hatte, war darüber höchlichst erfreut. Das Ungewitter begann sich zusammenzuztehen. „Das ist sehr einfach", antwortete Ramira, „ich bin spät ausgestanden, weil ich spät schlafen gegangen bin". „Du Haft gewiß wichtige Geschäfte gehabt", sagte ein anderer mit einem Ton, der gegen den Ernst der letzten Worte Ramiras sehr abftach. „Sehr wichtige Geschäfte", antwortete Ramira lächelnd. Fernando glaubte zu sehen, daß Ramira bei diesen Worten einen stechenden Blick aus ihn geworfen hatte. „Ohne Zweifel irgend eine Serenade unter hohem Balkon", fuhr ein anderer fort. „Glücklicher Sterblicher! Er hat überall Aussichten". „Hier aus Erden muß jeder wenigstens etwas haben", sagte Ramira, sich selbstgefällig im Sessel zurücklehnend. „Richtig", bemerkte ein anderer, „die Einen haben Verstand". „Die Andern haben Glück". „Manche haben nur die Mühe, Reichtümer, die ihnen an den Kops geflogen kommen, auszuheben und in die Tasche zu stecken", sagte Ramira, seine Augen von neuem auf Fernando richtend. „Andere haben eine hohe Geburt", erwiderte ein Dritter. „Und sehr oft weiter nichts", sagte Fernando gleichgiltig. „Meint ihr damit mich?" ries Ramira und sprang wütend aus. „Keiner der Herren hat diese Worte aus sich bezogen", antwortete dieser. Die Kälte, mit der der junge Mann diese zweideutigen Worte gesprochen hatte, ließ Ramira außer sich geraten. „Unverschämter!" schrie er und stürzte sich aus Fernando. Einige junge Leute machten den Versuch, sich zwischen die beiden Gegner zu werfen. „Das hättet ihr ganz leise sagen sollen. Ihr allein hättet es hören dürfen. Dann wäre es an den richtigen Mann gekommen", sagte Fernando immer in demselben Ton. „Beim heiligen Jakob", entgegnete Ramira, den die Kaltblütigkeit seines Gegners nur noch wütender machte, „wir wollen doch einmal sehen, ob dieser elende Schwätzer mit dem Schwert ebenso gut sortkommen wird, wie mit der Zunge". Fernando zuckte die Achseln. „Ich sehe schon", schrie jetzt Ramira, dessen Zorn keine Grenzen mehr kannte, „ich werde den feigen Buben erst ohrfeigen müssen, damit er mir Rede stehe". Und er warf Fernando seinen Handschuh ins Gesicht. Daraus hatte der Letztere gewartet. Bei dieser Beleidigung erhob er sich lebhaft und trat auch seinerseits aus Ramira zu. „Endlich!" schrie dieser triumphierend. Einige der Anwesenden machten noch einen Vermittelungsversuch; aber die meisten waren Freunde und Bewunderer Ramiras und zweifelten nicht, daß er seinen Gegner leicht überwinden würde; sie waren deshalb entschieden für einen Zweikampf, in dem der Sieg unzweifelhaft ihrem Freunde zusallen mußte. So half alles Schreien und Wehklagen des Meister Vargas nichts, und bald hatten die Anwesenden einen Kreis gebildet, in dessen Mitte sich Fernando mit dem Degen in der Hand seinem Feind gegenüber befand.