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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · p. Seite 254

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 254 (sequence 14)
Language
German
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Seite 254. Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. Er beflügelte auss Neue seine Schritte und beobachtete mit einer von Minute zu Minute steigenden fieberhaften Angst die Bewegungen Alonzos, je mehr sich dieser dem Punkt näherte, wo von der Straße nach Saragossa links ein Weg zum Gebäude des heiligen Offiziums abging. Endlich war der Erstere an dem Scheideweg angekommen; Fernando blieb keuchend, erschöpft stehen; einen Augenblick glaubte er zu sehen, wie Alonzo von der rechten Seite des Weges abbog und sich nach links wandte. Er ergriff seinen Degen, bereit, sich auf den Angeber zu stürzen und ihn zu töten ohne Erbarmen; aber er hatte sich geirrt, Ramira setzte seinen Weg fort und war bald an den düstern Mauern des traurigen Gerichtshofs vorüber. Fernando atmete tief auf; noch war nicht alle Gefahr geschwunden; Alonzo konnte morgen seine Anklage Vorbringen, aber Fernando gewann nun Zeit zur Ueberlegung. Fernando brachte den Rest der Nacht damit zu, die verschiedenen Vermutungen und Pläne, die ihn während der letzten Stunden, als er Alonzo aus der Straße nach Saragossa gefolgt war, ganz und gar beschäftigt hatten, hin und wieder zu überlegen. Der junge Mann hatte von seiner schrecklichen Unruhe Diego nicht in Kenntnis gesetzt, und noch viel weniger Juanita. Diego hatte sich bei der Versammlung in den Ruinen nicht eingefunden, es wäre einerseits eine Unklugheit gewesen, wären beide hingegangen, und andererseits hatte er seine liebe Juanita nicht allein lassen wollen; wie groß auch der Mut des jungen Mädchens war, sie fühlte sich nichts destoweniger seit dem Tage der Enthüllungen von Zeit zu Zeit von schweren Beängstigungen besangen, und zwar besonders, wenn Diego und Fernando nicht da waren. Der Letztere hatte also sein Geheimnis für sich behalten. Wozu hätte er die Seinigen unnötiger Weise erschrecken sollen? Sie hatten kein Mittel, in so kurzer Zeit der Inquisition zu entgehen, selbst wenn sie sofort benachrichtigt worden wären; übrigens waren sie immer auf eine Anklage gefaßt, ebenso wie die eventuell erforderlichen Gegenmittel stets vorbereitet waren; wenn irgend jemand das Ungewitter jetzt noch beschwören konnte, so befand er allein sich in dieser Lage. Aber es war keine Zeit zu verlieren; wenn der junge Alonzo die Marannen nicht aus der Stelle angeklagt hatte, so hatte er vielleicht den Zeitpunkt dazu für unpassend gehalten; aber er würde es unfehlbar thun. Denn daran war nicht zu zweifeln: Alonzo war in den Ruinen gewesen, um die Neuchristen auszuspionieren. Fernando hatte gut Vermutungen aufstellen und Möglichkeiten ausklügeln; immer trat ihm jene schreckliche, erbarmungslose Wahrheit vor die Seele, die durch die letzten Worte des jungen Ramira als klar und ausgemacht gelten mußte. Er durfte demnach nicht zaudern; ein günstiges Geschick hatte seit einigen Tagen den Grasen von Ramira von Saragossa entfernt; sein Sohn hatte also niemanden, dem er sein Geheimnis hätte anvertrauen können, bevor er es der Inquisition mitteilte. Dazu durste ihm Fernando keine Zeit lassen. Sein Plan war bald gefaßt. 8. Jeden Morgen versammelten sich die vornehmen jungen Leute von Saragossa in der Herberge zu „la Buen Ventura", die in der Straße der Albarderia gelegen war. Dort brachten sie die Vormittagsstunden mit Trinken, Spielen und gemütlicher Unterhaltung zu. Fernando begab sich ebenfalls mitunter dorthin, um sich nicht zu sehr von Leuten seines Standes und Alters zu unterscheiden, und die Marannen waren ja immer ungemein besorgt, dergleichen Auffälligkeiten zu vermeiden. War er da, so drückte er sich gewöhnlich in eine Ecke und sprach der Vorsicht halber sehr wenig. So gab er auch, wie wir bereits gesagt haben, stets ausweichende Antworten, wenn man ihm über seine bevorstehende Ehe mit Juanita Komplimente machte. Dieses Betragen hatte ihm den Ruf der Furchtsamkeit und Verftandesschwäche zygezogen, den Fernando auch nicht zu besiegen suchte, obwohl ^er einer der geübtesten und besten Fechter von Saragossa war. Der junge Ramira war immer Fernandos Widerpart. Durch angeborenes Feuer, Eitelkeit und vorlautes Wesen war er der Mittelpunkt und die Seele der fröhlichen Vormittags- Versammlungen in der Herberge zu „la Buen Ventura". Schon manchmal hat er Fernando, den er als seinen vorgezogenen Nebenbuhler haßte, auszuziehen angesangen; aber der letztere hatte bisher, treu seinem Vorsichtssystem, dergleichen Angriffe stets unbeachtet gelassen, und diese grenzenlose Kälte und Geduld hatte nicht wenig dazu beigetragen, seine Genossen in ihrer vorgefaßten Meinung zu bestätigen. Die Straße der Albarderia führte zu dem Thor der Stadt, vor dem sich die Aljaseria befand. Wenn sich Alonzo also am folgenden Morgen zu den Inquisitoren begeben wollte — und nach Fernandos Berechnung konnte er ja nicht umhin, dies zu thun — mußte er notwendigerweise an der Herberge „la Buen Ventura" vorbeikommen; er würde dann sicher hereinkommen. Der heftige Charakter des jungen Grafen und sein beständiges offensives Auftreten Fernando gegenüber führten mit Leichtigkeit, ohne das geringste-Zuthun von jener Seite, Händel herbei; und von Händel zum Duell war nur ein kleiner Schritt. Und das eben wollte Fernando. Er hätte Tausend gegen Eins wetten können, daß er nicht nur der Angegriffene sein, sondern daß Ramira ihn auch herausfordern würde; dazu kam noch, daß das Ungestüm des letzteren ihn für Fernando, der selbstbeherrschend, geschickt im Gebrauch der Waffen und gewöhnt war, sich kaltblütig mitten unter Gefahren zu bewegen, zu einem viel weniger furchtbaren Gegner machen mußte. Und ein glückliches Duell mit Ramira war das einzige Mittel, sich des Denunzianten zu entledigen; man mußte es unbedingt versuchen, ja sogar es herbeiführen, wenn sich die Gelegenheit dazu nicht von selbst darbot. Als der Plan einmal gefaßt war, erwartete Fernando mit Ungeduld den Moment zu seiner Ausführung. Am folgenden Morgen also erstattete der junge Mann Diego einen kurzen Bericht über die gestrigen Ereignisse in der Tiefe der „Ruinen" ab und begab sich dann sofort aus den Weg nach der Herberge zur „la Buen Ventura". Er durfte gleichwohl nicht zu zeitig kommen, wenn er nicht wenigstens den leisen Verdacht aus sich laden wollte, als

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