Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · p. Seite 253

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
Seite 253 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9605241-9605396--8172-9605409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16. Israelitische Wochenschrift. Seite 263. „Soll ich euch seinen Namen sagen?" erwiderte Alonzo. „Das ist nicht nötig; von dem Augenblick an, von dem ihr ihn kennt, wißt ihr auch, daß man seinen Namen nicht ausspricht. — So sei es denn, ich schlage ein". „Ihr wollt Diego ermorden?" „Wann muß er weg sein?" „Das wird euch mitgeteilt werden". „Wann?" „Bald". „Wo?" „In der „roten Herberge". In der Dunkelstunde wird ein Mann zu euch sagen: Nun ist es Zeit! Das bedeutet dann den Tag später". „Es ist gut". „Ich zähle auf euch". „Habt keine Angst; die Gardunja hält immer Wort!" Mit diesen ziemlich laut gesprochenen Worten entfernte sich Mateo. Alonzo, der mit dem Kapatoz nicht zusammen gehen mochte, verfolgte ihn mit den Blicken, soweit es die Dunkelheit der Nacht gestattete, und trat dann ebenfalls den Heimweg an. In diesem Augenblick wollte Fernando aus dem dichten Gebüsch, das die Ruinen umgab, hervortreten. Die Marannen, die sich hier versammelt hatten, entfernten sich nach verschiedenen Richtungen; der Mönch kehrte entweder in sein Kloster oder in den Jnquisitionspalaft — beide Gebäude lagen außerhalb der Stadt — zurück; Fernando allein mußte den Weg nach Saragossa einschlagcn. Er ging mit der den Marannen eigenen Vorsicht vorwärts, zerteilte so geräuschlos wie möglich das dichte Gezweig und blieb bei jedem Schritt aufmerksam auf das geringste Geräusch lauschend, stehen. Plötzlich, als er gerade ins Freie heraustreten wollte, sah er eine Gestalt unbeweglich vor sich stehen. Der Mond war noch nicht aufgegangen, aber in den Nächten des Südens, und namentlich Spaniens eigentümlichem Halbdunkel, konnte man mit ziemlicher Genauigkeit alle Gegenstände ringsherum erkennen. Fernando blieb überrascht und besorgt stehen. Wer war dieser Mann? Was wollte er hier zu so später Stunde? Im ersten Augenblick glaubte er, es sei ein Maranne, der sich verirrt habe; aber als er die vor ihm stehende Gestalt genauer prüfte, unterschied er bald die wohlbekannten Züge. Es war Graf Alonzo von Ramira. Diese Entdeckung verdoppelte Fernandos Schrecken. Was konnte den jungen Edelmann um Mitternacht an diesen verrufenen Ort führen? Plötzlich machte jener eine wilde Bewegung: „Jetzt", sprach er laut vor sich selbst, „werden sie mir nicht mehr entschlüpfen!" Und er entfernte sich, indem er die Richtung nach der Stadt zu einschlug. Eine unsägliche Angst bemächtigte sich Fernandos, als er diese Worte vernahm. Offenbar hatte Ramiro ihn und seine Glaubensgenossen in den Ruinen belauscht und wollte sie jetzt alle der Inquisition überliefern. Was hätte er anders an diesem Ort zu thun gehabt, und welchen anderen Sinn konnten seine letzten Worte haben? Die Ruinen waren eine ziemliche Strecke von der Stadt entfernt. Fernando verließ seinen Versteck und folgte dem jungen Ramira, immer eine gewisse Entfernung innehaltend. Sein Herz klopfte stark; Furcht, Zweifel und Hoffnung erfüllten abwechselnd seine Seele. Es war ein furchtbarer Weg. Zwanzig Mal war Fernando entschlossen, sich aus Ramira zu stürzen und ihn mit seinem Degen zu durchbohren, um die Seinen vom unvermeidlichen Untergang zu retten; aber jedesmal hielt ihn eine andere Erwägung zurück. Es widerstrebte seinem stolzen und edlen Charakter, seinen Feind feige und plötzlich hinterrücks zu überfallen; das war schon ein ausreichender Grund, seinen Arm zu fesseln. Und außerdem hätte er nicht eine viel größere und wirkliche Gefahr dadurch geschaffen, daß er eine vielleicht eingebildete durch ein solches Mittel zu beseitigen strebte? In der Thal hatte Fernando, als er sich aus der Stadt entfernte, um, wie er sagte, einigen Freunden das Geleit zu geben, seine Rückkehr während der Nacht anmelden müssen, damit man ihm die Thore öffne; Ramira hatte es ohne Zweifel ebenso gemacht. Man wußte also, daß beide junge Männer in derselben Nacht durch dasselbe Thor wiederkommen mußten, folglich auch denselben Weg zu verfolgen hatten. Wenn Fernando Ramira niederstach, fiel der Verdacht unfehlbar aus ihn, ob er nun in die Stadt zurückkehrte oder nicht, und er mußte dann den Gerichten Rechenschaft darüber geben, wie er die Zeit während der Nacht zugebracht hatte; er mußte aussagen, welche Freunde er begleitet und wo er sie verlassen hätte; die letzteren wären ebenfalls gefragt worden. Wie konnte man ohne vorgängiges Einverständnis dem Verrat entgehen? Und dennoch bedeutete Fernandos Entkommen eine vielleicht noch sicherere Gefahr. So nahte von allen Seiten ein drohendes und furchtbares Geschick. Die Lage Fernandos war schrecklich; alle diese verschiedenen Gedanken kreuzten sich in seiner glühenden Phantasie, während er Alonzo immer in derselben Entfernung folgte. Bald erschienen ihm alle seine Befürchtungen nur als Ausgeburten seines erhitzten Gemüts, bald kamen sie ihm nur zu begründet vor; inmitten dieser fürchterlichen Aufregung änderte er jeden Augenblick seinen Plan, ohne einen bestimmten Entschluß fassen zu können; und Alonzo ging immer weiter. Plötzlich erblickte Fernando im Hintergründe, an der linken Seite der Straße, die Aljaferia oder den Jnquisitionspalast. Das allgemein gefürchtete Gebäude erhob seine drohenden Türme und schrecklichen Mauern in die Lüfte. Bei diesem Anblick durchrieselte Fernando ein kalter Schauer, seine Angst verdoppelte sich und lebhaft folgte er dem jungen Ramira. Sein Entschluß war gefaßt. Wenn Alonzo, anstatt den Weg nach der Stadt zu verfolgen, seine Richtung nach dem Jnquisitionspalaft zu nahm, so war er entschlossen, ihn zu töten. Fernando wußte wohl, daß es dann um ihn geschehen sei, aber er konnte vielleicht die Seinigen retten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.